Helko Reschitzki, Moabit
Am Sonntag wähle ich wieder die zeitsparende Badevariante am Südufer des Schlachtensees, da ich von einem Mitschwimmer, den ich vor ein paar Wochen kennengelernt habe, zum Geburtstagsbrunch in Lichterfelde eingeladen bin. Dortselbst bekommen wir nach der Begrüßung und Vorstellungsrunde eine geschichtliche Einführung in die Wohngegend, in der 1945 erbitterte Kämpfe zwischen den Sowjets und massiven Wehrmachts- und SS-Verbänden stattfanden – in der Finckensteinallee befand sich die Kaserne der „Leibstandarte SS Adolf Hitler“. Der Süden Berlins fiel dann bei der Stadtaufteilung an die Amerikaner. Ganz in der Nähe des Feiergartens betrieb die US-Army ihr Übungsgelände „Parks Range“, wozu der Gastgeber ein paar Anekdoten aus seinen Kindertagen erzählt, die ein Lüneburger (aus der britisch besetzten Zone) und ich, der in der sowjetischen Garnisonsstadt Parchim aufwuchs, ergänzen – die Straßen, Gehwege und Vorgärten sahen nach Panzerbewegungen überall gleich beschissen aus. In dem Viertel befindet sich auch der Fliegeberg, jener weltberühmte Hügel, den der in der Nähe wohnende preußische Ingenieur und Luftfahrtpionier Otto Lilienthal 1894 aufschütten ließ, um von dort aus seine Flugversuche zu unternehmen.

Nach dem abwechslungsreichen, feinen Essen fragt mich einer der Gäste, wo genau das Geburtstagskind und ich immer im Schlachtensee schwimmen würden. Egal, wie ich es ihm auch erkläre, hat er keine Vorstellung davon, welche Stelle ich meine. Da erinnere ich mich an das, was ich vor vierzehn Tagen bei meiner Totholz-Recherche gelernt habe, und sage: „Das ist etwas östlich von Jagen 49, vielleicht 48 – falls dir das was sagt.“ Nun weiß er absurderweise exakt Bescheid – es stellt sich heraus, dass er dort kürzlich bei einer Art digitaler Schnitzeljagd unterwegs war. Das lasse ich mir selbstverständlich genauer erklären: Das Ganze nennt sich Geocaching und wird weltweit betrieben. Die Teilnehmer sind meist einzeln, zu zweit oder in kleinen Gruppen unterwegs und suchen mithilfe von GPS-Koordinaten und Hinweisen, die sie per App erhalten, nach bestimmten Behältern, die irgendwo in der Landschaft versteckt sind. Hat man den Cache (deutsch: Lager, Versteck) gefunden, trägt man sich vor Ort in ein Logbuch ein und dokumentiert das anschließend online. Er hat im Jagen 47 den Gedenkstein für einen vom Pferd gefallenen Berliner Polizisten aufgestöbert. Ich bin immer wieder erstaunt, was für Parallelwelten um mich herum existieren.

An der Kaffeetafel sprechen drei der Damen über den aktuellen riesigen Datenklau aus berliner Behörden – jede arbeitet auf einem anderen Amt. Icke: „Und, habt ihr nächste Woche ’ne Weiterbildung, wie man sich im Darknet bewegt?“ Sollte eigentlich ein Witz sein, ist dann aber der Einstieg in die Abgründe des deutschen Büroalltags beim Thema Datensicherheit. (Ich werde nie wieder einen Witz über ausgedruckte E-Mails machen.) Ich wundere mich, dass der IT-ler neben mir so ruhig bleibt, und frage nach. Darauf er: „Genau das ist mein Alltag“, was er dann anhand der zwanzig Jahre alten digitalen Infrastruktur einer beliebigen Klinik erklärt. Hilfe! Lieber über KI reden. Seine Firma arbeitet unter anderem mit Unis zusammen und erfasst für diese mittelalterliche Schriften, für die extra Fonts generiert werden. Die Archive werden immer größer und lassen sich mittlerweile leicht weltweit vernetzen – wo man früher monatelang für eine Doktorarbeit oder ein Fachbuch recherchieren musste, ist das heute mit guten Prompts in wenigen Minuten erledigt. Der Geocacher, der vor seiner Pensionierung bei einem börsennotierten IT-Unternehmen tätig war, ergänzt Möglichkeiten, die KI im Gesundheitswesen bietet. Es wird wohl in Richtung der chinesischen Ein-Minuten-Kliniken gehen – Minister Lauterbachs „Gesundheitskioske“, die Ende Mai vom Bundestag beschlossene Apothekenreform sowie die zunehmende Selbstdiagnose und -medikation sind die ersten Schritte dahin.

Und als ob das alles nicht bereits Denkstoff für die nächsten Tage bieten würde, stellt sich die neu in die Runde gekommene Dame mit den Worten vor: „Ich mach es für alle, die mich von euch nicht kennen, kurz – ich bin Hilde Schramm, die Tochter Albert Speers.“ Jemand zeigt mir daraufhin diskret auf seinem Handy ein Foto, auf dem Hitler mit der kleinen Hilde spielt. Ich flüstere: „Das nenn ich mal einen Rucksack fürs Leben.“ Die bewundernswert muntere und geistig fitte Neunzigjährige erzählt uns von ihrem neuen Herzensprojekt: Mit zwei von ihr initiierten Vereinen engagiert sie sich für Kommeno, ein griechisches Dorf, in dem eine Gebirgsjäger-Kompanie der Wehrmacht 1943 über die Hälfte der sechshundert Einwohner ermordete. Vor Ort ist der Bau eines barrierefreien Gästehauses geplant, um internationalen Austausch, vor allem Jugendbegegnungen zu ermöglichen. Am Dorfeingang haben Künstler bereits zusammen mit den Bewohnern ein Gedenkmonument geschaffen, und die lokale Tanzgruppe wurde zu Auftritten und Gesprächen nach Deutschland eingeladen. Gerade als Hilde ihren kleinen Vortrag beendet, wird es unruhig um mich herum. Es ist 18 Uhr – die ersten Hochrechnungen der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sind da. Unsere Gruppe teilt sich – die eine Hälfte bleibt im Garten, die andere versammelt sich drinnen vor dem Fernseher und schaut die Sondersendung der ARD. Da mein Hirn sowieso schon zu platzen droht, verabschiede ich mich von diesem ausgesprochen interessanten Geburtstagsbrunch.

Nach einer unruhigen Nacht, in der das Unterbewusstsein ordentlich Stoff zu wälzen hatte, fahre ich an den See. Schwimmen sortiert Gedanken. Beim anschließenden Tee klingelt das Handy – mein Bruder ruft an. Um die Mitschwimmerin auf der anderen Bank nicht zu stören, packe ich ein und gehe zum Telefonieren in den Wald. Mein Bruder ergänzt meine KI-Berichte von der Geburtstagsfeier mit seinen Erfahrungen aus der Schule. Auch dort ändert sich gerade das Lehren und Lernen dramatisch – auch wenn das die meisten seiner Kollegen noch nicht wahrhaben wollen. Der Beruf wird von der Vor- und Nachbereitung her immer einfacher; im Mittelpunkt steht bereits jetzt die Beziehungsarbeit, das Soziale, die Soft Skills. Vermittelt werden Kernkompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen – denn auch an einem gutbürgerlich geprägten westdeutschen Wirtschaftsgymnasium beherrschen das bei Weitem nicht alle Schüler. Inzwischen bin ich an der Rehwiesensenke angekommen und setze mich oben auf eine Bank. Gerade als ich denke, dass dort unten ein Fuchs lebt, kommt dieser aus dem Busch. Wer weiß, wo der Fuchs wohnt, sieht auch den Fuchs! Mein Bruder muss gerade im Deutschunterricht ein literarisch sehr schlechtes Buch behandeln. Es geht darin um die Geschichte eines Hauses – was er als Impuls nahm, um seine Schüler die Historie ihrer eigenen Wohnhäuser recherchieren zu lassen. Und die sind voller Begeisterung dabei: Selbst die etwas scheuen oder sozial leicht dysfunktionalen Kids klingeln bei alten Nachbarn und fragen diese aus – zum Beispiel nach der Fleischerei, die es vor zig Jahren mal gab und weswegen man noch immer ab und an Knochen im Hof findet.

Am Dienstagmorgen recherchiere ich kurz den Standort des Denkmals, von dem mir der Geocacher erzählte – ich hatte ihm versprochen, dass ich es mir mal anschauen werde. Vor Ort stellt sich der von der Seite Gedenktafeln in Berlin verwendete Open-Street-Map-Link als unbrauchbar heraus, sodass ich erfolglos durch das Totholz irre und an einem ganz anderen, mir vollkommen unbekannten Ende des Waldes heraus komme. Macht nichts – Umwege erhöhen die Ortskenntnis und morgen ist ja ooch noch ein Tag.

Am Mittwoch Wasservogelversammlung auf dem Schildkrötenbaum: „Guten Morgen, Kameraden!“ In der Bucht kommt wie jeden Tag seit unserer Erstbegegnung am Donnerstag die junge Stockente herbeigeschwommen. Auch sie wird natürlich begrüßt. Ich beobachte, wie sie eine der ins Wasser gefallenen Eicheln herunterwürgt. Die Frucht wandert ganz langsam ihren Hals nach unten, so wie in den Tex-Avery-Cartoons, die ich über alles liebe – Daffy Duck am Schlachtensee. Ich hoffe, dass das weiterhin gut ausgeht.

Dann die Fortsetzung der Denkmalsuche, diesmal mit einem Screenshot der Umgebungsmap auf dem Smartphone. Und auch bei diesem Versuch irre ich zunächst einmal durch den Wald – gutes Kartenmaterial von unbenannten Forstwegen ist offensichtlich nicht so leicht aufzutreiben. Ich frage jeden Hundebesitzer, der meinen Weg kreuzt, nach dem Gedenkstein – die meisten haben noch nie davon gehört. Ein Mann führt mich dann grob in die richtige Richtung, den entscheidenden Hinweis gibt eine Dame, die nicht nur weiß, wovon ich rede, sondern gleich die ganze Story herunterrasselt: „Meinse det Denkmal von Henry Greiser?“ – „Ja, genau.“ – „Det is da immer jradeaus, dann links kieken. Hammse mal dessen Geschichte recherchiert?“ – „Nö, noch nicht. Ich weiß nur, dass er Polizist war und vom Pferd gefallen ist.“ – „1958 war det. Sein Pferd ist wohl nach ’nem Schuss durchjejangen und er dadurch an einen Baum geprallt. Der Kopf war total zerschmettert. Die Amis hamm ihn wohl noch ins Hospital gebracht, aber da war nüscht mehr zu machen.“ – „Arme Sau.“ – „Ja, arme Sau. Ick hab den mal jegoogelt – über den is nüscht zu finden. Nüscht über die Familie, oder wer er war.“ – „Seltsam.“ – „Na, isso.“ – „Herzlichen Dank für die Hilfe und einen schönen Tag!“ – „Den wünsch ick Ihnen ooch.“ Ein paar hundert Meter weiter werde ich dann fündig. Auf einem gemauerten Sockel ist ein kleines goldenes Kreuz angebracht und vorne eine Tafel: „In treuer Pflichterfüllung fand hier am 18.3. 1958 Polizeihauptwachtmeister Henry Greiser durch Sturz vom Pferde den Reitertod. Der Polizeipräsident, Berittene Polizei Berlin“. Um das Kreuz herum liegen Steine; irgendjemand hat vor Kurzem frische Blumen hingestellt. Nach 68 Jahren! Solange so etwas geschieht, ist mir nicht bang.

