Helko Reschitzki, Moabit

Am nördlichen Schlachtenseeuferweg ist im Lauf des Mittwochs oder in der Nacht auf Donnerstag nur sechzehn Meter neben der Eiche, die Ende Juni einen dicken, ungefähr fünfzehn Meter langen Ast verlor, von einer Artgenossin ein zweiter, wesentlich kleinerer Ast abgebrochen. Baumstatiker und Wissenschaftler anderer Fachrichtungen untersuchen seit Jahren das Phänomen des „Summer Branch Drop“ – als Ursache vermuten sie eine Kombination aus Hitze, Trockenstress und der hohen Belastung weit ausladender Äste, die sich durch Regen zusätzlich erhöhen kann. Eine eindeutige Erklärung gibt es bislang aber nicht.

Uns alle in der Bucht beschäftigt nach wie vor das Ertrinken zweier Mitschwimmer; besonders der Tod des Siebzehnjährigen im Nachbarsee Krumme Lanke geht uns nahe. Eine der Frauen kennt die betroffene Familie sogar persönlich – es ist zum Gotterbarmen. Ohne die genaue Ursache in diesem tragischen Einzelfall zu kennen, sprechen wir darüber, wie man so etwas allgemein verhindern könnte – eigentlich wird über Risiken beim Baden aufgeklärt; ob das jeden erreicht und dann noch befolgt wird, ist eine ganz andere Sache. Hinzu kommt, dass immer weniger Menschen in Deutschland schwimmen können – durch die für Kinder zumeist sinnlosen Corona-Maßnahmen fielen drei Jahre lang Kurse aus. In älteren Jahrgängen sind oft Migranten betroffen, die in ihren Heimatländern nie entsprechende Fertigkeiten erlangten. „Man kann nun aber ja auch nicht an jede Bucht und Wildbadestelle einen Rettungsschwimmer setzen“, wie ein ehemaliger DLRG-Mann zu mir sagt. Dass immer mehr Kommunen aufgrund des fehlenden Geldes ihre Bäder schließen müssen, wird die Situation nicht einfacher machen.

Rund um den See treffe ich momentan vermehrt auf Angler – am Freitag sieht der eine am gegenüberliegenden Ufer wie ein Mittelding aus The Stig aus Top Gear und Silver-Surfer aus dem Marveluniversum aus.

Das gesamte Wochenende ist wegen Arbeiten an der neu entstehenden Ringbahnbrücke der Stadtautobahn zwischen Westend und Halensee meine Stammstrecke zum Schlachtensee unterbrochen, sodass ich einmal mehr die gewohnte Umfahrung über Rathaus Steglitz nehme und auch gleich am südlichen Ufer schwimmen gehe. Es ist dieselbe Zeit wie immer, aber ein ganz anderes Licht – ein schöner Perspektivwechsel.

Am Samstag fahre ich nach dem Mittag zum Kunstrasenplatz des 1. FC Wilmersdorf, auf dem ein großes Sommersportfest stattfindet, das unter anderem von meinem Nachbarschaftshaus, dem Landessportbund sowie diversen Sportvereinen und Stadtteilnitiativen organisiert wird. Mit drei Tischtennismitspielern baue ich unsere beiden Platten auf, die wir auch betreuen, schnacke kurz mit dem Veranstalter, dann geht es auch schon los. Alle, die mitmachen, erhalten eine Karte, auf der sie an zwanzig Stationen Stempel sammeln können – bei zehn gibt es eine frisch gebackene Waffel, für die unser Champ den Teig angerührt hat. Die Stimmung ist prima, lediglich die Sonne drückt bei knapp 30 Grad.

Nach kurzer Zeit beim Tischtennis werde ich vom Organisator gefragt, ob ich eine der Fußballstationen übernehmen kann, da der Betreuer soeben wegen eines medizinischen Notfalls ausgefallen ist. Kein Problem, auch wenn ich das dortige Spiel „Ballbande“ nicht kenne. Ich bekomme keine Einweisung, reime mir aber alles zusammen – wie sich dann herausstellt, muss man die Regeln ohnehin von Partie zu Partie etwas anpassen. Gespielt wird innerhalb eines tragbaren Holzrahmens mit niedrigen Banden, in die vier Minitore eingelassen sind. Street Soccer, Eins gegen Eins, entweder auf zwei oder auf alle vier Tore je nach Niveau oder Vorliebe der Beteiligten; wer zuerst drei Tore geschossen hat, gewinnt. Das Feld ist wie alle Stationen dicht umringt. Ich bin klar in den Regelvorgaben und bestehe freundlich-konsequent auf deren Einhaltung, was gerade bei den hormonüberschüssigen Jungs notwendig ist. Es gibt keinerlei Probleme, lediglich ein Match muss abgebrochen werden, da zwei kleine Mädchen beim Stand von 1:1 den Catenaccio in seiner reinsten Form praktizieren, sodass das Spiel noch tagelang hätte weiterlaufen können. Im Laufe des Nachmittags fragen zwei Elternteile, ob es nicht „gerechter“ wäre, wenn die Spiele alle unentschieden ausgingen – was ihre Kids und ich sofort als vollkommen absurd verwerfen. Nicht einer mault nach einer Niederlage, nicht einmal diejenigen, die innerhalb einer Minute mit 0:3 vom Platz gefegt wurden.

Vom spielerischen Können her gibt es keinen Unterschied zwischen den Jungs und den Mädchen, auch keine blöden Sprüche, im Gegenteil, manchmal feuert so ein kleiner männlicher Hormonteufel sogar seine Cousine an. Bei dem Fest sind Jung und Alt, sogenannte Behinderte und Normale und (mutmaßlich) ein paar Geschlechtsidentitäten sowie Religionszugehörigkeiten versammelt. Die Fußballtrikots, die viele Kids tragen, deuten auf bewegte Lebensumstände hin: Ukraine, Palestine, Iran, Marocco; zu sehen sind aber auch USA, France, Argentina und natürlich Türkiye und Deutschland sowie zahlreiche Vereinsjerseys – vom Gastgeber Wilmersdorf über Hertha, Bayern und den BVB bis hin zum FC Barcelona. Die Stationen Cristiano Ronaldos sind von Sporting bis Al-Nassr lückenlos auf Stoff dokumentiert. Bei meiner Umfrage, wer Weltmeister wird, antworten alle mit der notwendigen Ernsthaftigkeit – das Ergebnis eindeutig: Einer tippt auf Spanien, einer auf Argentinien, der Rest auf Frankreich. Nicht einmal der Junge mit dem Bellingham-Shirt setzt auf England – „zu schlecht“, wie er auf Nachfrage sagt.

Die Zeit rast so dahin – leider ist kaum einmal Zeit für ein Gespräch, die Kinder und Erwachsenen unterhalten sich aber untereinander jeweils rege. Ein Nachbarschaftsfest im allerbesten Sinne – das macht große Freude. Dann ist Schluss. Ein Stündchen Abbau, Verabschiedung und platt auf den Rückweg – ich hatte zwischendurch keine Gelegenheit, etwas zu trinken oder zu essen, auch wenn wir vor Ort bestens versorgt wurden. In der U-Bahn geben mir drei Hafer-Nuss-Müsli-Riegel einen schnellen Energieschub. Zu Hause lege ich mit zwei Stullen und einer belegten Pita aus dem liebevoll gefüllten Proviantbeutel von BENN, der wilmersdorfer Initiative, die Flüchtlinge und Berliner zusammenbringt, nach. Um 20 Uhr zu Bett; vorher wird aber noch der Wecker auf 22:55 gestellt – ich darf auf keinen Fall England gegen Norwegen verpassen!

Der unterbrochene Schlaf hat sich gelohnt – nach einem ebenbürtigen Spiel, das in die Verlängerung muss, versenken die Angelsachsen das Boot der sympathischen Ruderer aus Norge. (Sorry für den Torschrei kurz nach eins, liebe Nachbarn.) Sieger Harry tröstet den weinenden Sportskameraden Erling, und am Ende singen wieder alle mit drei Leuen auf der Brust „And all the roads we have to walk are winding …“ – nur drei haben dabei keine Three Lions auf ihrem Trikot: die Löwen selbst.

Am Sonntag ausgeruht an den See und anschließend spontan zum Flohmarkt am Rathaus Schöneberg. Auch dort haben viele Trikots ihrer Nationalmannschaften an, egal ob ausgeschieden oder noch im Turnier.

Der Biergarten über die Straße ist weltmeisterschaftlich vollbeflaggt: Berlin- und Deutschland-Fahne über dem Eingang, viele Fähnchen in Schwarz-Rot-Gold, dazu die der anderen Teilnehmerländer. So gehört sich das, so macht das Spaß. Schluffiger Restsonntag voller Hausarbeit.

Am Montag eine rappelvolle Bucht, da sich zur Blässhuhnfamilie noch die dort lange nicht mehr gesehene Stockentenmutter mit ihren vier Jungen gesellt – die sind inzwischen genauso groß wie ihre Mama. Die Enten dominieren das Geschehen, aber, so sagt die Summe meiner anekdotischen Bully-Rallen-Evidenz, das wird nicht lange so bleiben.

