Christoph Sanders, Thalheim

Am Sonntag ein Wolken-Sonne-Mix mit belebendem Wind. Es ist unter 30 Grad! Ich inspiziere den platten Hinterradschlauch – nur etwas Kleines, aber 23 Millimeter sind eben keine Allradbereifung. Gogols zweite Erzählung „Die Johannisnacht“ erinnert mich an die Waldstimmung vom Vorabend: Hinter jedem Baum lauert etwas, Hexen und Teufel sind allgegenwärtig. Dichtes, direktes Erzählen ohne großes Dräuen und Bedeutungsgeblähe wie bei Goethe und ohne diese fontanesche Pomade für die mittleren Stände. Was Gogol schreibt, sind im Prinzip Geschichten aus der Prignitz-Regionalbahn, aufgesammelt von einem Imker. Im Laufe des Tages schwülheiß – also schnell zum Großen Uhlenwehl! Wasser wie in einem Traum – aber vielleicht bin ich auch etwas ekstatisch, weil ich ungefähr zwölf Monate nicht mehr geschwommen bin. Ich mag kein Meerwasser, mag Schwimmbäder nicht – aber Altarme mit frischem Grundwasser: IMMER!!! Ich kann mich bis auf anderthalb Meter einer Bachstelze nähern, die von einem umgekippten Baum aus ihr Revier verteidigt.

Am Montag Waldspaziergang bei schwüler Luft. Es sind sehr viele Bremsen unterwegs. Später mache ich alle Scheunenräder klar – wie gut, dass ich vor ein paar Tagen bei Pfenniugfuchser eine Pumpe bekommen habe. Es sind die üblichen Trekking- und Hollandräder aus den neunziger Jahren: schwer, schlicht, unaufwendig. An den schlechte Schrauben und bösen Sätteln sieht man, wie gut man am Material sparen kann. Dann ist der von der Wetter-App zuverlässig angekündigte Niederschlag da. Ich höre der Melodie des Regens zu.

Später fahre ich nach Wittenberge, wohin zwei Wege führen: der eine nördlich über Bad Wilsnack und die Landstraßen, der andere über die herausgeputzten Elbedörfer mit ihren vielen Störchen – vor zwanzig Jahren war der Vogel noch eine Ausnahmeerscheinung, nun sehe ich ihn überall. Ich tobe mich auf den einsamen, geraden Alleen aus. In der Stadt ein Bahnhof, an dem sogar ICEs halten. Ein riesiges Bahnhofsgebäude mit Museum. Über die Elbe führt eine schöne, große Brücke, deren Sprengung 1945 verhindert werden konnte. Genutzt hat es am Ende wenig – seit 1990 ist hier alles in dutt; immerhin nicht mehr so ruinenhaft wie noch vor zehn Jahren – die Stadt wurde Anfang der 2000er Jahre sehr gern als Kulisse für Nachwendetristessefilme genutzt. An Singer bzw. Veritas erinnert nur noch der Uhrenturm. Die Geschichten der Deindustrialisierung laufen immer gleich ab und sind gut vorhersehbar. Dabei geht es nie um die weichen Faktoren, sondern immer um die harten: überholte Technologie, mangelnde Produktivität, zu hohe Kosten. Die andere Seite der Globalisierung. Demnächst wird Wolfsburg abgewickelt.

Angenehmes Gespräch im voll ausgelasteten Radladen, den es seit siebzehn Jahren gibt – hier macht sich der Elbe-Radweg bemerkbar. Später zum Gewerbepark westlich der Stadt. Es biegen ständig neue Wohnmobile ein. Durchreisende mit Braunschweiger Kennzeichen essen ihre soeben im Edeka erworbenen Lebensmittel gleich einer indo-asiatischen Familie auf dem Boden vor ihrem Reisegefährt.

Immer wieder Lastkraftwagen, die auf der Nord-Süd-Route durch die Altmark Rast machen. Auf dem knapp vierzig Kilometer langen Rückweg genieße ich die laue Luft im Rücken des abgezogenen, kleinen Gewitters. Der Rest der Familie nutzt das teilfeuchte Wetter zu einem Ausflug nach Hamburg – ich schaue das Brasilien-Spiel allein. Mir gefallen die japanischen Deutschland-Trikots. Später quäle ich mich mit den Spätheimkehrern durch Deutschland gegen Paraguay. Die Probleme in der Defensive und beim Umschalten in die Offensive sind nicht zu übersehen – allein wie oft sich Wirtz festrennt. Dazu Passfehler und ein seltsam wackliger Kimmich. So als hätte diese Mannschaft keinen rechten Kern. Die DFB-Auswahl kommt mir teilweise unfrisch vor. Am Schiri ist es nicht gescheitert.

Von Montag auf Dienstag eine angenehm kühle und frische Nacht. Gartenpflegearbeiten mit dem 45-Zentimeter-Mäher mit seinem Plastegehäuse und billigem Radlager, der etwas zäh anspringt. Weitere Funde im gut sortierten Ehrenamtsantiquariat in Havelberg: Becketts Essay über Proust, Stendhals „Henri Brulard“ und für den Teenie Jane Austen. Während ich die Regale abschreite, schauen zwei Perleberger herein, die gerade vom dortigen Antiquariat neben der Kirche kommen. Anschließend ein gepflegter Nachmittag am See bei aufziehenden Wolken. Der Sommer macht ein wenig Pause. Bei Norwegen gegen die Elfenbeinküste klasse Fußball. Ein absolut ausgeglichenes Spiel, das am Ende die Skandinavier gewinnen.

Am Mittwoch Abholung der Ältesten nach ihrer Prüfung plus Feier. Ab September geht sie für ein halbes Jahr nach Wien – die Zeit läuft uns Eltern davon. Am Frühabend besiegt Harry Kane die DR Kongo.

