
Am Freitag lese ich in der Berliner Zeitung, dass die FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft) Uwe Bolls neuem Film „Citizen Vigilante“ in zwei Prüfverfahren eine Altersfreigabe verweigerte, was bedeutet, dass Kinos, Streamingdienste und Händler das Werk in Deutschland nicht anbieten dürfen. Daraufhin wandte sich der Regisseur an Elon Musk, der das Werk auf seinem privaten X-Kanal hochlud. Dort hatte es innerhalb kürzester Zeit Aufrufe in zweifacher Millionenhöhe, wurde vielfach geteilt und auf anderen Plattformen veröffentlicht, wo es weitere Zuschauer fand. Es ist interessant, dass hiesige Institutionen, Politiker und Journalisten immer wieder auf den Streisand-Effekt hereinfallen – also auf das Phänomen, dass der Versuch, eine Information zu unterdrücken, genau das Gegenteil bewirkt und ihr so erst recht zu großer Aufmerksamkeit verhilft. Da mich Boll als kaufmännisch sehr smarter Autorenfilmer fasziniert, verfolge ich seit Jahren lose sein Schaffen und schaue mir also auch seinen neuen Film an. Ein C-Movie, in dem eine Revenge-Geschichte erzählt wird, so wie man sie ähnlich aus Michael Winners „Death Wish“ („Ein Mann sieht rot“) mit Charles Bronson, Abel Ferraras „Ms. 45“ oder Clint Eastwoods Meisterwerk „Gran Torino“ kennt. Boll erreicht allerdings nicht mal ansatzweise das Niveau der Genannten – was freilich auch niemand erwartet haben dürfte. Es gibt teilweise haarsträubende Anschluss- und Logikfehler, der Rest ist solide runtererzählt. Am Ende ist das einzig Brisante, dass die gejagten Täter Migranten (in einem fiktiven europäischen Land) sind – und dass der Film durch das Eigentor der FSK zum Netz-Hype wurde.

Von Freitag auf Samstag steigen die Höchsttemperaturen von um die 35 Grad noch einmal an – wir kratzen an der 40er-Marke, bleiben aber minimal drunter. Schade eigentlich – das hätte nun auch keinen Unterschied mehr gemacht. Am Schlachtensee ist mehr los als sonst um sieben Uhr – einige Leute, die ich noch nie gesehen habe, unter anderem eine Frau, die mich, als sie aus dem Wasser kommt, fragt, ob ich sie fotografiert hätte, was ich wahrheitsgemäß verneine. Da ich sie sofort ernst nehme, in ihrem Misstrauen bestärke und das Thema auf KI-Manipulationen erweitere, entspinnt sich daraus ein gutes Gespräch über Stalking und digitale Sauereien, von wo aus wir bei der zunehmenden Überwachung und dem Social Credit System in China landen. Sie sagt, dass uns die vielen dystopischen Filme seit Jahren an all das gewöhnen sollen, ich widerspreche, dass sie uns eher gewarnt hätten. Einig sind wir uns in der allgemeinen Naivität vieler Mitmenschen, was diesen Themenkomplex betrifft.

Kurz nach dem Mittag kommt mein hessischer Dorffreund und alter kreuzberger Antiquariatskollege Christoph vorbei, der gerade mitsamt seiner Familie in der Prignitz abhängt. Auch wir reden über KI und die gerade stattfindenden Neuordnungen der Netz-, Bezahl-, Überwachungs- und Bestrafungswelten auf EU- und Bundesebene. Ansonsten hüpfen wir wie gewohnt von Thema zu Thema – er als West-Volkswirtschaftler und ich als Realerleber der sozialistischen Planwirtschaft ergänzen uns perfekt. Nebenher laufen Enya sowie der Wasserkocher, der uns eine Teekanne nach der anderen befüllt.

Der Sonntagmorgenhimmel pastellig-dunstig. Auf dem S-Bahnhof Westhafen treffe ich um kurz vor sechs eine Nachbarin, die auch zum Schlachtensee möchte. Wir fahren gemeinsam und quasseln uns so fest, dass wir in Westkreuz fast den Anschluss verpassen. Sie ist ganz erstaunt, dass ich nichts vom spektakulären Gewitter (inklusive Wetterleuchten) am Spätabend des Vortags mitbekommen habe – kurz nachdem ich gegen 21 Uhr einschlief, begann es. Hinter dem Klocontainer am nördlichen Ufer trennen sich unsere Wege.

In der Bucht lasse ich einen potenziellen Hundekonflikt gar nicht erst Fahrt aufnehmen, indem ich der Halterin vom möglichen Miteinander in der kleinen Bucht inmitten der Vier-Millionen-Stadt vorschwärme – am Ende sind wir zu einhundert Prozent einer Meinung. Während der Hitze sind viel mehr Hunde als sonst vor Ort; nicht jeder Besitzer ist empathisch, was menschliche Bader und Wasservögel betrifft – am Tag zuvor eskalierte die Lage ein wenig. Das nette Mitsiebziger-Paar ist auch wieder da. Beide erzählen Hochinteressantes von einem mehrmonatigen China-Aufenthalt im Jahr 1986 – der Zeit nach Mao und vor der größeren Öffnung. Sie arbeitete dort in einer Klinik und er war ihr Leibwächter – seinerzeit kam es wohl öfter mal vor, dass Langnasen einfach vom Erdboden verschwanden. Wie immer philosophieren wir über das Wunder des Lebens, Kosmisches und Meditation. Sie erwähnen, dass sie langjährige Mitstreiter von Prem Rawat, dem indischstämmigen, spirituellen Lehrer, sind. Ich schaue später nach, wer das ist – das wird neuen Gesprächsstoff liefern.

Zuhause muss ich komplett den Balkon räumen, da am Montag in unserem Strang die Sanierung der Böden beginnen soll. Da ich bei knapp vierzig Grad keine Lust habe, vier Stockwerke weit schwere Blumenkübel zu schleppen, stell ich alles in der Wohnung unter – am nächsten Morgen sehe ich, dass es die Nachbarn ähnlich hielten.

Am nordwestlichen Schlachtenseeufer ist von einer der mächtigen Stieleichen ein circa fünfzehn Meter langer Ast abgebrochen, der nun bis ins Wasser hinein über dem Weg liegt. Möglicherweise eine Folge des Hitzestresses und des schweren Gewitters am Vortag.

Den vierten Tag in Folge taucht die Blässhuhnfamilie mit vier statt fünf Jungen auf. Meine sächsische Mitschwimmerin hat eine der Bisamratten (die ich bislang nur auf einem Handyfoto zu Gesicht bekam) im Verdacht. Sie sagt, dass einige Leute aus ihrem Umfeld aktuell den See meiden würden, da in der Presse vor Zerkarien, den Larven von Saugwürmern, gewarnt wird. Uns beide hält das nicht vom Schwimmen ab – das Schlimmste, was passieren kann, ist eine Hautrötung (deren hübscher Fachausdruck „Badedermatitis“ lautet). Wir halten auch die nach wie vor anhaltende Hysterie wegen des Eichenprozessionsspinners für komplett albern, der in Berlin und Brandenburg inzwischen mit Flammenwerfern und Insektiziden aus Hubschraubern bekämpft wird. Ich hoffe, die Piloten legen während ihres Einsatzes wenigstens Richard Wagners „Walkürenritt“ auf.

Am Abend ruft mein moabiter Freund Zlatomir an, der sich mit mir zur Nachfeier seines neunzigsten Geburtstages verabreden möchte. Er war gerade in seiner alten Heimatstadt Belgrad und ist heilfroh, wieder im entspannten Berlin zu sein. Ich sage, dass es mir genauso geht und berichte von meiner Reise ins Mecklenburgische. Zlato hat schon in vielen Städten gewohnt, darunter Paris und Moskau, und meint, dass es nirgends so freundlich und entspannt zugeht wie bei uns (trotz ein paar etwas wilder Gegenden). Was ich natürlich vollumfänglich bestätige – hier lebt man im Wortsinne gelassen.

