Frank Schott, Leipzig
Der Montag beginnt mit einer guten Nachricht für unsere beiden Kater, die seit drei Tagen Hausarrest haben: Sie dürfen wieder hinaus ins Freie – zumindest ab elf Uhr. Warum erst so spät? Meine Frau hat gelesen, dass Vögel am frühen Morgen intensiv Brutpflege betreiben und sich bei der Nahrungssuche viel am Boden aufhalten und so zur leichten Beute werden. Bis um elf ist der Nachwuchs versorgt und die Altvögel sind wieder aufmerksamer für Gefahren.
Dass das Gartenverbot endet, wird auch Zeit: Bereits gegen vier Uhr randalierten die nicht ausgelasteten Kater im Haus und forderten Gesellschaft ein. Der Getigerte jagte seinen schwarz-weißen Bruder so durch die Küche, dass Geschirr zu Bruch ging.

Als wir endlich die Tür zum Garten öffnen, stürmen sie heraus – und machen was als erstes? Sie suchen die jungen Amseln. Aber deren Eltern haben einen Plan: Zu zweit und mit Verstärkung durch eine dritte Amsel stürzen sie sich auf den Getigerten und picken nach ihm, sodass er kleinlaut flieht. Wie ein Hürdenspringer habe er mit großen Sätzen drei Gartenzäune genommen, berichtet meine Frau.
Ich nutze den kühlen Tag zum Joggen – elf Kilometer in unter 60 Minuten, das kann sich sehen lassen. Weil ich am Abend beim Fußballtraining mit den Kids weitere Kilometer abspulen werde, reicht mir heute die kleine Runde.

Am Nachmittag gehe ich zum wöchentlichen Treffen unserer Therapiegruppe. Eines der Themen sind Orte, an denen man einmal gelebt hat. Die Einschätzungen: Frankfurt am Main: hektisch, die Menschen aggressiv. Darmstadt: alle überheblich. Oberbayern: schlimmer Dialekt, man versteht die Leute nicht. Berlin: schmutzig. Auch Leipzig kriegt sein Fett weg. Heimat ist, wo wir uns wohlfühlen.
Dann sprechen wir über Vereinsamung. Auch wenn ein Leben mit Kindern kein einfaches ist, so bietet doch deren Aufwachsen viele Berührungspunkte mit anderen, sage ich – vom Kindergarten über die Schule bis hin zu Vereinssport. Von den neun, die heute da sind, haben drei Nachwuchs, soweit ich weiß. Einer der Kinderlosen überlegt, sich einen Hund anzuschaffen- dann müsse er mal raus und würde zwangsläufig jemanden kennenlernen. Ich empfehle die Freiwilligen-Agentur, wo Initiativen und Vereine nach Ehrenamtlern suchen: „Viel Geld, wenn überhaupt, gibt es nicht. Aber man kommt unter Leute.“ Und dann ergänze ich: „Übrigens sucht mein Verein noch händeringend Trainer. Falls jemand Lust hat…“

Am späten Dienstagmorgen gehe ich die drei Kilometer von uns bis zum Hauptbahnhof. Ich liebe die Stadt in der Zeitspanne, wenn die zur Arbeit oder Schule hastenden Pendler und Kinder durch sind, die Geschäfte aber noch geschlossen haben. Die Freisitze der Cafés und Restaurants sind leer, die Stühle und Tische zusammengestellt und mit Schlössern und Ketten vor Diebstahl geschützt. Vereinzelt hängen WM-Utensilien an Läden und Lokalen, eine flächendeckende Bestückung mit Fahnen und Wimpeln wie zur Weltmeisterschaft 2006 ist nicht zu sehen. Lieferwagen dominieren die Innenstadt.

Dann bin ich am Bahnhof. Ich fahre nach Berlin, wo ich einen Freund besuchen werde. Mein Zug hat selbstverständlich Verspätung. Ich plausche mit einem Leidensgenossen – ein waschechter Leipziger inklusive Dialekt. Dessen Abfahrt würde sich nicht nur verzögern, sondern zudem der Halt am Umsteigebahnhof entfallen. Da seine Zugbindung aufgehoben ist, steigt er mit in meinen ICE, sodass wir unser nettes Gespräch fortsetzen können. Er diente zur gleichen Zeit wie ich in der NVA, wurde im Gegensatz zu mir aber erst mit fünfundzwanzig Jahren eingezogen – interessant.

Ankunft Berlin: Eine große, laute, schmutzige, aber auch charmante und überraschend grüne Stadt.
