Christoph Sanders, Thalheim
Auch der Donnerstag beginnt mit einem Erdbeerkick. Immer wieder Schauer, Schrägsonne vor Dramahimmel, frisch. In Hessen ist heute frei – meine Familie feiert Fronleichnam aber nur passiv mit. Unsere Jüngste hat endlich eine gute Reitbeiteiligung gefunden und wird nicht nun mehr nur als Ausputzer und Striegler, Mistschaufler und Longierer ausgenutzt. Die Leute auf den Reiterhöfen kennen und beobachten sich ganz genau – das sind interessante Mikrokosmen, in der die Reichen ihre „schwierigen“ und alten Pferde an Arme weiterrreichen, wobei es Ausnahmen gibt, und so eine hat sie gerade gefunden. Im Radio die Nachricht, dass die Pharmakonzerne Boehringer Ingelheim und Eli Lilly aufgrund des politischen und wirtschaftlichen Drucks ihren Investitionen drastisch reduzieren – zwei Säulen der rheinland-pfälzischen Wirtschaft stürzen ein.

Zwischen zwei Regengüssen eine gute Radrunde im heimischen Revier, bei der ich immer wieder die Fahrtrichtung angepasst habe. Am Ende der Tour Inspektion eines völlig zugewachsenen Hauses am Dorfrand – unmöglich zu erkennen, ob noch jemand darin lebt. Zum Buddhafiguren-Eingang führt ein Trampelpfad durch Büsche; riesige, wild wuchernde Koniferen, allerlei Strauchwerk und Blumen – so, als liefe ein Programm, dass alles völlig in der Natur aufgeht.

Frisch erwacht am Freitag. Sehr gute botanische Runde bis über den Rhein und zurück – meine gewohnte Fahrradteile-Einkaufsstrecke. Unglaubliche Wolkengebilde – was für ein schöner Übergang in den Sommer. Den Schauern wie gestern erfolgreich aus dem Weg gefahren. Unsere Nachbarn bestätigen, dass auch bei ihnen die wilden Erdbeeren in diesem Jahr gigantisch sind, und berichten, dass sie manchmal Post von der Gemeinde bekommen, die sie auffordert, ihre Gehsteige besser zu pflegen. Der Sohn mit seinen Kumpels happy beim Volleyball mit Pizza, die Jüngste überglücklich auf der Ranch – sie ist jetzt voll adoptiert und genießt es; abends schmökert sie in unserer riesigen Enzyklopädie. Und ich freue mich, dass mein Aufbautraining wirkt und ich keinen Rollator benötige.

Sehr erfrischender, atlantischer Samstagmorgen mit lockeren, hellen Wolken. Ich merke beim Aufwachen die guten Auswirkungen des gestrigen Trainings – die Muskeln sind müde, aber nichts zerrt und zwackt; ich fühle mich eigenartig leicht, inklusives des operierten Beins. Am Donnerstag drei Stunden auf dem Rad, am Freitag fünf – heute Ruhetag mit Hausarbeiten, Gartenpflege und Einkäufen (ein Federballset steht auf meinem Zettel). Fernsehpodcast mit dem Soziologen Stefan Schulz: Unser Öffentlich Rechtlicher Rundfunk offenbart die Wirklichkeit eines zunehmenden Kontrollverlustes, indem er in Worthüslensendungen mit „Sprechern“ und „Experten“ Platzhalterthemen verbreitet. „Wir sollen Angst bekommen“, sagte vor ein paar Tagen unvermittelt eine ältere Frau zu mir, „mein Sohn hat Angstmachseminare besucht …“ (Am Wochenende, morgens oder spät abends gibt es aber auch noch journalistische, sachliche Beiträge.) Sobald ich vor die Tür trete, warnt die Türkentaube ihren Partner oben im Baum. An unseren Johannisbeersträuchern immer mehr rote Punkte – das wird eine Tarte, die sich sehen lassen kann!

Am Sonntag mit meinem Bruder Nummer zwei auf anspruchsvoller 160-Kilometer-Runde durch den nördlichen Westerwald. Richtung Sieg neue Routen entdeckt – wir passierten ein Kloster und eine Reihe verwunschener Täler und Höhen. Mein Bruder in Topform als mein Zugpferd. Es war eine sogenannte RTF, also eine organisierte Veranstaltung, mit circa einhundert Teilnehmern – eine Bubble unter sich. Für viele ist das ein Hobby, das in wahre Materialschlachten ausartet – Pedale, Schuhe und Outfit sind immer wieder Thema. Man erzählt einander, wo man was „günstig“ bekommen hat – es werden ja keineswegs schlichte weiße Sportsocken getragen, sondern solche mit „Bezug zum Radsport“. Das Accessoire mit den höchsten Margen dürften Sonnenbrillen sein, die in den vergangenen Jahren zu farbigen Glasvitrinien mutierten. In einer Konsumgesellschaft gibt es nun mal keine bessere Form, um Status und Zugehörigkeit zu signalisieren. Vor und hinter uns entweder alte Sportsäcke wie wir auf der langen Strecke oder Fashion-Gruppen (mit Waden-Tattoos) auf einer kürzeren Route. Die Räder im Schnitt zwei bis drei Jahre alt – das von meinem Bruder und mir im Schnitt zweiunddreißig.

Als ich zuhause ankomme, wird mir sogleich die Tragödie mitgeteilt: Das Kaninchen ist tot! Es war versehentlich über Nacht draußen, da hat dann der Marder zugebissen. Die Regeln der Natur. Es war unser letztes – alt und fast blind. Sein Tod löst seltsame Gefühle zwischen Traurigkeit und Erleichterung aus. Die Zeit der familiären Nagetiere ist nun vorbei ist. Das Begräbnis übernehmen die beiden Mädchen.

Am Montag Regeneration mit Nachgedanken zur Radtouristik und Freude Erleichterung darüber, dass allmählich das alte Körpergefühl zurückkehrt. Mit einer Zecke zum Kinderarzt, damit beim Sohn eine Meningitis ausgeschlossen werden kann. (Sie kann.) Die Jüngste kommt mit dem Ringbüchlein „In der Natur unterwegs – Wildblumen und Kräuter entdecken und bestimmen“ ins Haus – sie hat in zehn Minunten drei Heilkräuter identifiziert. Das stimmt hoffnungsfroh.

Am Dienstag nach früher Kinderversorgung nochmal ins Bett – den Schlaf nachholen, den der Körper nach dem Radsonntag immer noch braucht. Auf dem Gartenweg die natürlichen ersten Vitamine des Tages – die wilden Erdbeeren sind knusprig und süßsauer. Dann aufs Rad für Besorgungen. Dass das Geld allgemein knapper wird, lässt sich diesmal bereits in der zweiten Monatswoche im Supermarkt beobachten. Presseschau: Nachdem in Italien vier Erntehelfer aus Afghanistan und Pakistan von kalabresischen Auftraggebern bei lebendigem Leibe in einem LKW verbrannt wurden, wird dort heftig über das Thema Ausbeutung von Saisonarbeitern diskutiert – für die Schattenarmeen auf den EU-Feldern wird das folgenlos bleiben.

Am Nachmittag in die Ex-Kreisstadt zum Ballett. Über der Grabstelle des letzten Kaninchens brütet in der immer dichteren Baumkrone die Türkentaube – ich kann schwach ihren grauen Fleck ausmachen. Der Hasenstall wartet nun auf seinen Abbau – man möchte immer noch ein Stückchen Salat überhalten und zu ihm nach draußen bringen …
