
Am Dienstag nach dem Pfingstwochenende jagen am Schlachtensee vier Stockerpel einem Weibchen hinterher – fasziniert beobachte ich das Starten, Fliegen, Gleiten, Landen, Schwimmen und Paddeln.



Die Lufttemperatur steigt zum Mittag hin auf knapp 30 Grad. Weil ich am Nachmittag ein Tischtennisturnier habe, gehe ich zu Berber Ïsa. Da es dort voll ist, setze ich mich vor den Salon und schaue den Passanten auf der Turmstraße zu. Wäre gegenüber an der vor Kurzem geschlossenen kommunalen Galerie nicht noch die alte Aufschrift des Vorgängers Brüder-Grimm-Haus zu lesen, könnte man sich auch an einem ganz normalen Wochentag in Istanbul wähnen. Der Barbier, der sich heute um mich kümmert, macht seine Sache, so wie alle dort, perfekt – Handwerk ist eben Handwerk. Nachdem ich all die Jahre die obligatorische Frage nach einer abschließenden Haarwäsche verneint habe, sage ich diesmal wegen der Demse spontan zu – und genieße das ruhige Abduschen, Shamponieren, Einmassieren, Ausspülen, Abrubbeln und Föhnen. Obendrauf gibt es noch eine Kopfhaut- und Gesichtsmassage nebst der landesüblichen Parfümierung – von nun an werde ich das immer so machen lassen.

Und so fahre ich tiefenentspannt und nach Rasierschaum und Kolonya duftend zum Zauberspielplatz im Volkspark Wilmersdorf. Dort laden BENN, ein sozialräumliches Kiezprojekt des Senats, die Mobile Stadtteilarbeit und das Haus der Nachbarschafft, in dem ich regelmäßig Tischtennis spiele und zum Hatha-Yoga gehe, zu einem offenen Turnier ein. In zwei Elfersätzen und gegebenenfalls einem Entscheidungssatz wird bestimmt, wer in die nächste Runde kommt. Alle meine Partien enden äußerst knapp, meist geht es in die Verlängerung. Zum Schluss stehe ich im Endspiel gegen den mir unbekannten Günther, Berliner, ungefähr Mitte 70, der gleich mal 6:0 führt – bei 7:0 wäre der Satz durch K.O. verloren. Ich passe meine Spielweise an und führe auf einmal 7:6 – da kieken Jünther und icke nicht schlecht. Wir müssen jedes Mal in die Verlängerung, und auch die ist dann immer lange hart umkämpft, bis einer die zwei nötigen Punkte Vorsprung hat – nicht selten entscheiden Netzroller oder Kantenbälle. Wir haben während des Spiels sehr viel Freude an der vollkommenen Gleichwertigkeit und an den gelungenen Aktionen des anderen. Günther hat am Ende den einen besseren Schlag auf seiner Seite und gewinnt. Wir sind beide glücklich über das schöne Finale. Er bekommt eine volle Tasche mit Tischtenniszeugs und ich einen wasserfesten Beutel des Veranstalters (perfekt für Regentage am See!) und einen roten BENN-Luftballon. Den binde ich an meinen Rucksack. Die Frau, die mir in der U-Bahn gegenübersitzt, bedauert, dass sie kein Konfetti dabei hat. Gute Sprüche gibts in Berlin gratis.

Dann will ich eigentlich nur noch duschen, Grießbrei mit Kompott essen und schnell die durchgeschwitzten Klamotten waschen – aber es soll anders kommen: Meine Waschmaschine geht kaputt. Was bedeutet, dass ich am Ende dreimal den Eimer mit Wischwasser vollmache, die Kleidung per Hand in der Badewanne ausspüle und auswringe. Noch ehe mein Kopf das Kissen berührt, schlafe ich ein.

Mittwoch geht es nach Schwimmrunde, Waschmaschinentelefonat und Mittagessen in das Nachbarschaftszentrum Wilmersdorf zur feierlichen Übergabe der Inklusionszertifikation für das Haus – ich hatte ein wenig in diesem Umdenk- und Umbauprojekt mitgewirkt. Die Veranstaltung ist sehr gut besucht und voller Leute, die das Haus tatsächlich nutzen. Dazu kommen die bei so etwas üblichen Gäste aus Bezirkspolitik und Ämtern, die nacheinander namentlich begrüßt werden. Ebenso erwartbar sind die im sonnigen Hof unlesbare Beamerprojektion und die Mikrofonrückkopplungen – eben das, was ohne Technikcheck passiert. Der Sprachcafé-Chor singt „Imagine“, „We Shall Overcome“, ein Lied aus Südafrika und „Die Gedanken sind frei“. (Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Einlage das musikalisch Depressivmachendste sein wird, was ich auf lange Sicht zu hören bekommen werde – da wusste ich noch nicht, dass die Toten Hosen zwei Tage später mit Bettina Wegner eine Version von deren „Sind so kleine Hände“ veröffentlichen würden.) Anschließend gilt es, Kuchenberge und Kaffeeflüsse zu bezwingen. Aus Deutschland ist inzwischen ein einziger Kirchentag geworden. Aber egal, wie abgenudelt das alles auch anmutete: Das Haus der Nachbarschafft bekommt künftig bestimmt leichter Unterstützung von den Behörden, die Ämter haben etwas zum Vorzeigen – und das Wichtigste: Für Blinde, Sehschwache, Schwerhörige, Rollstuhlfahrer, Leute mit sogenannter geistiger Behinderung, Lernschwierigkeiten, psychischen Belastungen, Nichtmuttersprachler, letztendlich uns alle, wurde und wird es vor Ort ganz konkret besser. (Ich plädierte übrigens mit drei geistig Behinderten gegen das Gendern, das von nicht wenigen als eine Fremdsprache wahrgenommen und kaum verstanden wird – ein gutes Beispiel für Exklusion durch Inklusion.)

Am Donnerstag Freude darüber, wie schnell die Blässhuhnjungen selbstständig werden: Zwei der drei schwimmen nun dauerhaft allein, nur eines sitzt noch ab und an auf dem Rücken eines Elternteils. Auf dem Rückweg sehe ich fasziniert jungen Stockenten beim Tauchen zu. Dass dieses möglich ist, ist dem Wasserwerk Beelitzhof zu verdanken, dessen Anlage seit 1981 Havelwasser filtert und in die Gewässer der Grunewaldseenkette leitet. Dadurch bleibt die andernfalls drohende Blaualgenblüte im Sommer fast vollständig aus; zudem ist der See das ganze Jahr über außergewöhnlich klar.

Am Freitag gehe ich, weil ich ab 9 Uhr den Waschmaschinenmann erwarte, noch früher als sonst und am bahnnahen Ufer in den See – und schwimme direkt in einem Nebelfeld, durch das die soeben über die Baumwipfel geglittenen goldenen Sonnenstrahlen schneiden.

Als ich mit dem Waschmaschinenmonteur telefoniere und den Typ „Privileg 9484“ durchgebe, sagt er: „Ich flehe Sie an, bitte behalten Sie die Maschine! So etwas bekommen Sie nie wieder.“ Dasselbe meinte auch der Handwerker zu mir, der vor sechs Jahren das Bullauge austauschte – und auch der junge orientalische Mitarbeiter, der das Teil mit einer Sackkarre vier Stockwerke nach unten hieven muss, sagt: „Alte Maschine, sehr gute Maschine.“ (Sollte von dem Fleck, auf dem sie siebenundzwanzig Jahre lang unverrückt stand, eine pandemieauslösende Zoonose ausgehen, werde ich das auf das Hochsicherheitslabor des RKI am Ende der Straße schieben.)

Am Samstagmorgen sind hinter mir auf der Putlitzbrücke drei Lads, die noch nicht den Ausgang aus der Freitagnacht gefunden haben. Dem Akzent nach Nordengländer – zumindest springt sofort mein Manchester-Detektor an. Verstärkt wird das Ganze durch einen Himmel über dem Heizkraftwerk Moabit, der sich auch gut als Schlussbild in Anton Corbijns Ian-Curtis-Film „Control“ gemacht hätte: „Listen to the silence, let it ring on / Eyes, dark grey lenses, frightened of the sun / We would have a fine time living in the night.“

Am See noch mehr Krähen als sonst, regelrecht krächzende Cluster.

Leichter Wind, Wellengang, Wolken – mein Lieblingsschwimmwetter.

Hinter der Bucht verfehlen sich ein Kampfschwimmer und ein eher konventioneller Krauler um eine Armlänge. Das Unglück bleibt aus.

Am Sonntag treffe ich das nette ältere Pärchen, das ich letzte Woche kennenlernte, wieder – wir setzen unser Gespräch nahtlos fort. Als ich vom Schwimmen bei Schneefall erzähle, sagt der Mann, dass er mal zur Behandlung in einer Kältekammer war. Es stellt sich heraus, dass das in der Abteilung für Naturheilkunde und Physiotherapie am Immanuel Krankenhaus Berlin in Wannsee war. Die wird von Prof. Dr. Andreas Michalsen geleitet, dessen Bücher und Interviews ich sehr schätze – obwohl dessen Vater und Großvater Kneipp-Ärzte waren, wählte er zunächst den Weg der sogenannten Schulmedizin; als Kardiologe und Intensivmediziner frustrierte ihn im Lauf der Jahre jedoch die reine Symptombekämpfung im Klinikalltag, weshalb er sich der wissenschaftlich fundierten Naturheilkunde zuwandte. Wir drei auf der Buchtbank finden die Verbindung von altem Heilwissen und modernsten medizinischen Verfahren perfekt – kein Mensch möchte eine chirurgische oder Zahnarztbehandlung wie noch in den 1970ern. Ich frage den Mann, was er bei den −110 °C in der Kammer gespürt hat – ihm fehlen dafür die Begriffe, genau wie mir, wenn ich das Gefühl nach dem Winterbaden oder beim Schwimmen im Nebel beschreiben sollte (Hilfsausdruck: Energiewellen). Dieses Nicht-benennen-Können finden wir beide interessant und auch schön.

Die Frau macht den Schlenker zur allgemeinen Sinnsuche im Westen vor einhundert Jahren (die eine Reaktion auf die fortschreitende Industrialisierung, die urbane Verdichtung, die Traumata des Ersten Weltkriegs und den Verlust traditioneller Lebensweisen war) und aus der die Lebensreform-Bewegung mit Naturheilkunde, Vegetarismus und FKK entstand. Ich erzähle vom Buch, das ich gerade lese: Boris Pilnjaks „Maschinen und Wölfe“, das 1925 erschien und genau diese Zerrissenheit, die es auch in der jungen UdSSR gab, hinreißend beschreibt: Die Bolschewiki wollen das agrarische Land im Eiltempo durch Fabriken und Stromnetze modernisieren und stoßen dabei auf Menschen, die in jahrhundertealten Traditionen und einem von harter bäuerlicher Arbeit und Aberglauben geprägten Alltag leben. Die neuen Fabrikarbeiter bekommen angesichts der riesigen, ihnen vollkommen unverständlichen Maschinen Panikanfälle und flüchten nicht selten in den Suff. (Diese Angst haben in meinem Umfeld aktuell viele vor KI-Werkzeugen – ich hörte, dass Papst Leo XIV. das Thema jüngst in seiner Enzyklika „Magnifica humanitas“ aufgriff.)

Nachdem mir der Mann ebenso unvermittelt wie formvollendet das „Du“ anbietet, wird es zum Ende hin kosmisch: die nicht rational zu erfassende Geschwindigkeit der Erdumdrehung, Einstein, Urknall, irdische Materie … Zum Abschied die Quintessenz unserer beiden Buchtgespräche: Man sollte nie vergessen, was für ein wertvolles Geschenk unser Leben darstellt und dass letztlich alles um uns herum ein Wunder ist. Ein ganz normaler Morgen am Schlachtensee.

Prof. Dr. Andreas Michalsen zu Gast im Videopodcast „Hotel Matze“: https://www.youtube.com/watch?v=XlHruhVJxtA
Joy Division „Transmission“: www.youtube.com/watch?v=6dBt3mJtgJc
