Frank Schott, Leipzig
Wie stark beeinflusst die Psyche unseren Körper? Am Montag schleppe ich mich beim Joggen mühsam über sieben Kilometer, zwei Tage später schaffe ich problemlos dreizehn.
Ist am Ende alles Kopfsache?

Während der Mittwochsrunde werde ich von circa vierzig Kindern angefeuert, die „Schneller, schneller, schneller!“ brüllen, klatschen und mir zuwinken. Ich winke zurück; eine der Erzieherinnen ruft: „So sind Sie bestimmt noch nie angefeuert worden, oder?“ Ich vermute, es handelt sich um Grundschulklassen auf Wandertag; ich begegne ihnen insgesamt dreimal.

Was erklärt also die Formverbesserung von Montag auf Mittwoch? Zum einen spielt wohl die letzte Gruppentherapiestunde eine Rolle und zum anderen eine überlegenswerte Joboption.

In der Therapiesitzung erfahre ich, dass die meisten Teilnehmer bereits viele Monate dabei sind – auf jeden Fall länger als die mir bislang bewilligten zwölf Wochen. Wie schon in der Woche zuvor gebe ich, weil sonst niemand das Bedürfnis dazu verspürt, den ersten Impuls für das Gruppenthema und erzähle von meinen aktuellen Sorgen: Einen sicheren Job wegen Burnouts gekündigt, fünfzig oder sechzig vergebliche Bewerbungen geschrieben, meine Vermutung, für die meisten Firmen aufgrund meines Alters zu alt oder zu teuer zu sein. Zwar sei ich aktuell krankgeschrieben, so dass es von dieser Seite keinen Druck gibt – den mache mir aber selber. Dazu kommt, dass die Absagen aufs Gemüt schlagen.
Die anderen greifen meine Worte auf und steuern ihre Geschichten bei. Einer sagt, er stehe kurz vor der Rente – würde er arbeitslos, würde er die zwei Jahre aber irgendwie überstehen. Ein anderer hat schon zwei Burnouts hinter sich, in denen er zuhause hockte und außer zu zocken nicht viel machte; er brauche eine Aufgabe, einen Job, sonst würde er sich gehen lassen. Einer, der während seiner Lehre keinen der vorgeschriebenen Praktikumsplätze bekommen hat, wechselte daraufhin die Richtung und ließ sich zum Pfleger ausbilden: „Das ist kein Beruf, den ich anderen empfehlen würde. Aber er ist krisensicher.“
„Was ist schon wirklich krisensicher?“, wirft der Therapeut ein – er selbst hat wenige Jahre vor der Rente das Universitätsklinikum verlassen und sich mit einer eigenen Praxis selbständig gemacht. Er räumt aber ein, dass der Pflegebereich in Deutschland wohl auf absehbare Zeit von großer Bedeutung bleibe.
Der Geschäftsführer einer Handwerksfirma greift das Thema Alter auf und sagt, dass die Auszubildenden von heute eine Katastrophe seien: Sie hätten schlechte Kenntnisse in Mathematik und Deutsch, erzielten in den Prüfungen nur miserable Leistungen und auch die Qualität ihrer Arbeit lasse zu wünschen übrig. Deshalb kooperiert er mit einer Firma, die ihm beibringt, wie die jungen Leute von heute so ticken und wie man mit ihnen umgehen müsse. Wer den Betrieb am Laufen hält, seien seine alten Mitarbeiter, deren Erfahrung und Einsatzwillen er sehr zu schätzen weiß: „Wenn die vier in Rente gehen, kann ich meine Firma wahrscheinlich dichtmachen.“
Das Gespräch dreht sich noch eine Weile um das Thema Jugend, die seit Jahrhunderten von den Älteren als unnütz, faul oder dumm bewertet wird – damit müsse man leben, das sei schon immer so gewesen. Ich verlasse die Runde mit einem Gefühl der Zuversicht.

Am Dienstag dann das Treffen mit einem befreundeten Unternehmer, der mich als Partner gewinnen möchte, um eine neue Dependance seiner Firma in Halle zu eröffnen. Das Geschäftsmodell funktioniert nach dem Franchise-System. Meine Lizenzgebühren wären dabei äußerst moderat, soweit ich das einschätzen kann, die fachliche Unterstützung dagegen ausgesprochen umfangreich. Ich spreche offen über die Gründe für die Kündigung meines letzten Jobs, die ärztliche Diagnose und meine Unsicherheit: „Sind das jetzt ganz normale Ängste und Sorgen, wenn ich vor der Entscheidung selbständig zu werden und eine eigene Firma aufzubauen, ein wenig zurückschrecke? Oder sind das krankheitsbedingte Ängste?“ Er versteht das – was immer ich an Fragen habe, ich solle sie stellen, und könne auch mit allen Partnern und Geschäftsführern reden.
Nach unserem Gespräch unterhalte ich mich eine Stunde mit einer Mitarbeiterin, die vor zwei Jahren in einer sächsischen Kleinstadt so eine Zweigstelle aufgebaut hat. Inzwischen beschäftigt sie neun Mitarbeiter, ein zehnter beginnt demnächst. Letztendlich ginge es für mich um das einmalige Investment eines Stammkapitals für eine GmbH und eine finanzielle Durststrecke von circa zwölf Monaten, bis die Firma ein Gehalt für mich, den Geschäftsführer, abwirft.
Bei der Verabschiedung sagt der Unternehmer, dass er an mich glaube und ich mir für meine Entscheidung die Zeit nehmen solle, die ich brauche.

Ich gehe beschwingt nach Hause – ich bin der Überzeugung, dass ich das leisten und schaffen kann. Die notwendige Erfahrung in der Kundengewinnung, Betriebswirtschaft und der Mitarbeiterführung besitze ich. Was ich brauche, ist der Wille, das durchzuziehen – und eine Entscheidung. Meine Frau sagt: „Mach es.“ – auch mit dem Hintergedanken, dass daraus gegebenenfalls Jobs für die Familie entstehen könnten, da sie selbst auch nur befristet angestellt ist.

Was immer diese beiden Termine mit meiner Psyche gemacht haben – es läuft sich leicht, locker und unbeschwert an diesem Mittwoch. Im Clara-Zetkin-Park rasiert ein Rasentraktor das hüfthohe Gras – ab Donnerstag hält in Leipzig die schwarze Community Einzug und wird während des Wave-und-Gothic-Treffens hier auf den Wiesen ihr traditionelles Viktorianisches Picknick zelebrieren.

Ich passiere eine mich ignorierende Rabenkrähe. Krähen sind die wahren Herrscher der Vogelwelt, da mögen die anderen Singvögel noch so schön trällern. Es ist ein angenehmer Vormittag – obwohl Regen angesagt ist, scheint die Sonne. Im Gras versteckt sitzt eine Tagesmutter mit ihren fünf Schützlingen. Ich bin erstaunt, dass es den Beruf noch gibt, da doch die Kindertagesstätten zunehmend Mühe haben, ihre Plätze zu füllen. Andererseits ist es vermutlich wie überall: Es gibt immer Bedarf für einen individuelleren Service und Kunden mit der entsprechenden Zahlungsbereitschaft.

Ich muss daran denken, wie ich vor zwei Wochen beim Wings-for-Life-Charity-Lauf um meine zehn Kilometer kämpfen musste, wie mühsam zuletzt selbst sechs Kilometer waren. Hat die Psyche, hat die Klarheit im Geist, verbunden mit einer positiven Perspektive, wirklich einen so großen Einfluss? Es scheint so.
