Frank Schott, Leipzig
Ein weiterer meiner grauen Tage – „grau“ nenne ich jene, an denen mich Schwermut und Zweifel überkommen. Und auch draußen ist es betrübt: Obwohl die App für den Vormittag kaltes, aber trockenes Wetter und erst ab Mittag Niederschlag vorhergesagt hat, beginnt es um 7 Uhr, genau in dem Moment, als wir das Haus verlassen, zu regnen. Ich begleite meine Frau zur Arbeit – eine Routine, die Halt und Orientierung gibt, ganz so, wie es uns in der psychiatrischen Anstalt vorgelebt wurde.
Ich habe keinen Schirm dabei, dafür aber die Winterjacke mit Kapuze an. Hochgezogene Kapuzen sind für das Sichtfeld ähnlich hinderlich wie einst der Helm des Ritters – den Kopf zu drehen bringt nichts, weil man doch nur auf die Innenwand der Bedeckung blickt. Immerhin gewähren sie Schutz – in meinem Fall nicht vor Lanzen, Pfeilen oder Äxten, sondern vor einem sehr hartnäckigen Regen.

In der Gartenanlage, durch die ich meist zurückgehe, ist der Hauptweg aufgeweicht und voller Pfützen. Es hat nicht sonderlich heftig geregnet, aber die Beharrlichkeit der Nieseltröpchen zeigt Wirkung. Als ich einen etwas begehbareren Nebenweg nehmen will, lande ich in einer Sackgasse mit beschmierten Mauern und zwei gewaltigen Rohren des Fernwärmewassers.

Vor einem Hotel stehen Unteroffiziere der Bundeswehr im Flecktarn. Sie rauchen noch schnell eine Zigarette, bevor sie zu irgendeiner Weiterbildung eilen. Was mögen sie lernen? Fremdsprachen? Staatsbürgerkunde? Die Einzelheiten der Genfer Konvention? Ein weiterer Soldat kommt dazu, er hat Kuchen vom naheliegenden Bäcker dabei.

In der Innenstadt kämpft eine ältere Frau mit Koffer, Tasche und Regenschirm. Bevor ich etwas sagen kann, bleibt bereits eine junge Frau stehen und bietet Hilfe an. Am Brunnenteich vor der Oper malt der Regen Muster auf die Wasseroberfläche.

Die Einfahrt zur Grimmaischen Straße, wo vor gut einer Woche ein Amokfahrer losraste und zwei Menschen tötete, versperren nun behelfsmäßige Poller. Ein Lieferwagen steht davor, kann nicht den gewohnten Weg nehmen und dreht ab. Die Absperrung ist reiner Aktionismus, da es alternative Wege in die City gibt. Einen solchen wird jetzt der Transporter nehmen. Auch ein Umweg ist ein Weg.

Ich gehe in eine Bäckerei. Menschen hasten hinein, greifen nach einem Stück Gebäck oder einem Brötchen, füllen sich Pappbecher mit Kaffee und hasten wieder hinaus – nur nicht stehen bleiben! Zeit ist knapp, die Nahrungsaufnahme ein notwendiges Übel, der Kaffee im Mitnehmbecher ein Kompromiss. Ich nehme mit meiner Tasse und einem Croissant Platz und vertiefe mich einmal mehr in „Das Neue Testament“. Dabei stoße ich auf solche Worte (Philipper 1, 23-24): „Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre; aber es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben um euretwillen.“ Ich will über das Gelesene in Ruhe nachdenken. Vielleicht wäre es gut, dabei in einer Kirche zu sitzen?

Die Nikolaikirche ist verschlossen. Ein Zettel weist darauf hin, dass sie erst ab 11 Uhr geöffnet ist. Wann sind die Protestanten eigentlich so falsch abgebogen, dass ihnen geregelte Öffnungszeiten wichtiger wurden als das Seelenheil und die Erbauung des Menschen?
Damals hat der Reformator Martin Luther mit dem Staub des Ablasshandels auch den alten Ritus fortgefegt – heute sind es eher Katholiken und Orthodoxe, die die Spinnweben des Zeitgeistes abstreifen und sich auf die Klarheit der Form zurückbesinnen.
Die katholische Kirche ist geöffnet – und leer. Ich setze mich auf eine der Bänke und versuche zu beten – doch wie betet man eigentlich in Gedanken? Während mein Kopf noch die Worte formt, springt mein Geist schon zum nächsten Thema: Muss ein Gebet ausgesprochen werden, damit es „wirkt“? Ich bin verwirrt.
Aus einem Seitenschiff leuchtet warmes Licht. Ein Geistlicher kommt herein, bereitet den Altar vor und entzündet Kerzen. Als er geht, höre ich das Klacken der Nebentür. Ich bin wieder allein. Kurz darauf kehrt er zurück. Er hat die Holztäfelchen mit den Ziffern für die Lieder aus dem Gesangsbuch dabei. Er steckt sie Reihe für Reihe in die Liedertafel – ein warmes und beruhigendes Geräusch. Als der Geistliche den Raum ein weiteres Mal verlässt, betreten eine ältere Frau und ein älteren Herr die Kirche. Ich bin hin- und hergerissen, ob ich es weiter mit dem Beten versuchen soll, wende mich dann aber ab und gehe. Trotzdem hat mich dieser Augenblick getröstet.

Mein Anorak ist durchnässt. Pfützen auf den Bürgersteigen und Straßen. Von den Jalousien und Sonnenschirmen tropft es. Eine flackernde Leuchtreklame, in deren Glaskasten statt illuminierter Buchstaben leere Kaffeebecher zu sehen sind – was sagt das über unsere Gesellschaft aus?

Menschen eilen vorbei – Fahrradfahrer mit verkniffenen Gesichtern; Mütter, das Kind in der einen Hand, in der anderen das Smartphone, auf dem sie irgendetwas lesen, das ihnen wichtiger ist als ihr Nachwuchs; telefonierende Handwerker, die Schuldfragen klären oder Anweisungen bekommen. In einem Durchgang stapeln sich Fitnessgeräte, die in ein Obergeschoss gebracht werden müssen. Schon bald wird dort Fleisch in strandtaugliche Muskeln geformt.

Sport ist dennoch eine gute Idee: Ich frage mein Kind, ob es mit mir die Übungen für Rücken, Bauch und Beine absolvieren will. Es ist dabei. Wir breiten im Wohnzimmer zwei Yogamatten aus und legen los. Die Kater streifen um uns herum, kitzeln uns mit ihrem Fell. Ihr Blick schräg aus den Augen ist so skeptisch, wie es nur ein Katzenblick sein kann. Ich muss lachen. Und ich fühle mich gestärkt.
