Christoph Sanders, Thalheim
Der Donnerstag mittelgrau und mittelwarm. Dank des sogenannten Stadtradelns schwingt sich unsere junge Prinzessin schon um 6:25 Uhr auf ihr Rad. Man sammelt dort pro gefahrenem Kilometer für irgendeinen guten Zweck Punkte. Ich gebe ihr die pinke Trinkflasche mit. Im Laufe des Vormittags leichter Regen. Ich mache einen Ausritt auf dem Hügelkamm. Verblühende Sträucher und Bäume überziehen den Asphalt mit wechselnden Farben – ein wundervolles Gleiten!

Der Freitag zunächst sonnig und angenehm, später wolkig und leicht schwül. Während ich beim Hautarzt zwei Stunden auf einen neuen Termin warten muss, lese ich Ernst Jüngers Text über Tintenfische. Der Poel-Wal ist nun abgetaucht, jetzt muss ein neues Monster her – wie wärs mit einem Seuchenschiff. Unsere Angstrezeptoren müssen nonstop stimuliert werden. Die Kids zum Glück entspannt, nur mein Teenie leicht verunsichert, weil ja auch die Insta-Reeels sofort jede Leerstelle besetzen. Da ist ein riesiger Dorfplatz entstanden, auf dem man sich erregt und den unsinnigsten Spekulationen hingibt -willkommen im digitalen Mittelalter! Ich warte jetzt nur noch auf die Hexenverbrennungen, wobei diesmal wohl eher die Hexer dran sind.

Auch am Samstag Frühlingswetter: Frisch, windstill, sonnig. Die Päonie lässt sich Zeit. Leider mit dumpfen Kopf erwacht, leichtes Stechen – mal sehen ob sich das nach dem zweiten Aufguss legt. Die Kinder rühren sich – gut, denn es gibt zu tun. Unser Hase verkostet, nur von seiner Nase geleitet, auf der Wiese immer neue Gräser. Ich will heute ganz entspannt den nächsten Markenstein erreichen: Das Rennen um Gießen. Ich nehm das weiße Rad mit der Konfettilackierung. Das Wetter ist ideal: Nicht stickig und nicht zu heiß, nur ganz leichter Wind. Mir werden viele Radfahrer zujubeln.

Nachglühende Impressionen: Viele junge Paare und Gruppen auf Rennmaschinen, die Rentner sind elektrisch unterwegs. Auf der Landstraße PKW-Hochbetrieb. Mit Vollgas werde ich überholt, teilweise bedrohlich nah. (Schnell noch vor dem Gegenverkehr vorbei!) In den Dörfern Verschenkkartons vor den Einfahrten: Hausrat, manchmal Bücher. Ein Mann umrundet auf dem Sitzmäher den einzigen Baum des Grundstücks, eine über einhundertjährige Sequoia. Im Netto stellt eine Frau sorgfältig zwölf Piccolo-Flaschen Rotkäppchen-Sekt auf das Band und legt eine Packung Zigaretten daneben. Im Vorraum ein Aushang mit dem Rückruf verunreinigter Ware. Pferde, die anfangs lose gruppiert auf der Koppel stehen und sich später wegen der Nachmittagsonne unter einem Schattenbaum drängen. Mein Espresso in einer Eisdiele kostet knapp drei Euro, dafür gibt es ein Glas Mineralwasser dazu. Man möchte, dass ich draußen Platz nehme, ich bleib drinnen. Auf der Lahnpromenade bei Wetzlar führt ein neuer Weg an neu gebauten, mehrgeschossigen Wohnblöcken vorbei – ich sehe sehr viel Beton. Viel lebendiger ist da der alte Stadtteil um die Ex-Christinenhütte und die grauen Riegel der Arbeiterwohnungen. Zehn Kilometer weiter befinde ich mich wieder im tiefsten Grün. Bei der Selters-Mineralwasser-Abfüllung stapeln sich entlang der Bahnlinie haushoch zehntausende Kästen. Der kleine Quellbrunnen, den ich immer aufsuche, ist nun versiegt.

Am Sonntag, bevor das Haus erwacht, um sieben beim Tee (Sencha Keiko). Bis auf das Taubengurren auch draußen Ruhe. Regeneration. Gestern in der Bücherverschenktelefonzelle die gewohnten 95 Prozent Trash. Handkes „Wunschloses Unglück“ angelesen – die Ausdrucksweise ist unerträglich; es riecht nach intellektueller Pose. Dafür Jack Londons „Kid & Co.“ in der exzellenten Erstübersetzung von Erwin Magnus mitgenommen. Bei London geht es immer um die Tragik der menschlichen Gier, um Konkurrenz, die Selbstbehauptung gegen eine Natur, die nur wie ein Paradies aussieht, aber eben keines ist. Allein zwei seiner Bücher handeln von der Alkoholsucht.

Am Montagmorgen sorgen eine leere Autobatterie und ein platter Reifen für Erdung. Da es regnet, will niemand aufs Rad. Um 6:34 Uhr fährt der Schulbus – nun danket Gott! Mein Mannheimer Freund berichtet, dass sich gerade vor seinem Haus Subunternehmer für Gas und Glasfaser immer wieder gegenseitig die Gräben zuschütten. In der Kassenschlange den aktuellen Spiegel überflogen. Nichts Lesbares, das Papier Recyclingqualität. Auch die Frau hinter mir steckt das ehemalige Nachrichtenmagazin lächelnd in das Regal zurück. Höhepunkt des Tages: Batterietausch am Familienschiff. Es gibt zwei Werkzeugkisten und selbst mit einer Fahrradstandpumpe lässt sich ein Autoreifen kurzfristigst füllen. Die Profis im Dorf haben natürlich alle Kompressoren – allein für ihre Hochdruckreiniger und Universalgeräte. Das ist eine riesiger Unterschied zur urbanen Dienstleistungsgesellschaft, der medial kaum mal dargestellt wird – wie sollte es auch anders sein: Hier im Hinterland steht kein Funk- oder Zeitungshaus, da fliegen solche sehr konkreten Alltagsdinge eben unter dem Medienradar. Man berichtet lieber über ferne Inseln und Kreuzfahrtschiffe als über einen abgerissenen Kleinstadt-Netto, dessen Lücke die Einkaufswege länger macht. Um Körper und Geist zu säubern, lese ich auf der Internetseite der BBC eine Reportage über Longjing, einen grünen Tee, der in China einen extrem hohen kulturellen Status genießt. Kühler frischer Wind, Abendstimmung. Dazu erklingen Olivier Messiaens „Streiflichter über das Jenseits“.

Die BBC-Reportage: https://www.bbc.com/travel/article/20260508-on-the-hunt-for-chinas-most-famous-green-tea
