
Milchiggrauer Dienstagmorgen mit feinem Nieselregen. Miles Davis, Bill Evans, Paul Chambers, Jimmy Cobb, Cannonball und Trane meinen: „So what“. Ich sehe in der S- und U-Bahn wieder häufiger einzelne Mitfahrer mit FFP2-Maske. Keine Ahnung, welchen Grund das jeweils haben mag, vielleicht die mediale Dauerbeschallung rund um das Hantavirus auf der „Hondius“ – die Bild-Zeitung liefert die optimal deutschentriggernden Schlagzeilen: „TODESVIRUS AUF KREUZFAHRTSCHIFF“ sowie „ANGST VOR DEM TODESSCHIFF“. Man kann nur hoffen, dass die besonne, entwarnende Stimme des ausgewiesenen Hantavirus-Experten Prof. Dr. Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg, die gerade sehr präsent ist, noch irgendwie durchdringt. Es gibt weltweit infolge einer Hantavirisinfektion ungefähr 600 bis 700 Todesfälle pro Jahr, die meisten davon in chinesischen Dörfern; in Argentinien und Chile sterben 30 bis 60 Menschen, in den USA sowie Südkorea 10 bis 15 und in Deutschland 1 bis 3 p.a. Jeder Mitarbeiter in der Land- und Forstwirtschaft, Gastronom oder Lagerarbeiter dürfte das RKI-Merkblatt zur Verhinderung der Ansteckung schon einmal gesehen haben, jeder mit Nagtieren im Keller, Schuppen oder Gartenhaus wissen, dass man bei der Kotbeseitigung eine Maske aufsetzt. An der Anden-Variante auf der „Hondius“, die von Mensch zu Mensch übertragen wird, sterben pro Jahr ungefähr zwanzig Südamerikaner – das ist die Größenordnung der Insektenstichtoten in Deutschland.

Am Schlachtensee beobachte ich fasziniert, wie die Mutter der in der letzten Woche geschlüpften neun Stockenten ihren Nachwuchs dirigiert und vor potentiellen Feinden abschirmt – wie ein Planet umkreist sie die Küken. Am Nachmittag ist es so schwül, dass alle Tischtennismitspieler von leichten Kreislaufproblemen berichten, so dass wir viel mehr Trink- und Ausruhpausen als gewohnt machen. Einmal unterbrechen wir kollektiv die Partien, da auf dem Hof eine Nachtigall zu hören ist. Eine Mitspielerin fragt nach Beendigung der Matches, ob wir noch ein kleines Stück gemeinsam gehen und ein wenig quatschen wollen – woraus zweieinhalb höchst interessante Çay-Stunden vor dem „Hiram Grillhaus“ in der Bundesallee werden. Sie stammt ursprünglich aus Moldau (keine Ahnung, ob gerade noch so aus der Sowjetrepublik), hat in Berlin Kunst studiert und arbeitet, damit trotzdem die Miete rein- und das Essen auf den Tisch kommt, als Einzelhelferin für Pflegebedürftige. Von der Kunstszene hält sie wie ich wenig – zu politisierend, cancelnd und bevormundend. Wir kommen von einem aufs andere, wobei mich ihre feministische Sicht besonders interessiert – ihre Einschätzung, dass man digitale nicht mit reeller Gewalt gleichsetzen sollte, deckt sich mit meiner. Zu ihrer Herkunft meint sie nur, dass das alles kompliziert sei, was ich sofort glaube, auch meine Familiengeschichte findet in Geschichtsbüchern eher nicht statt. Wenn sie sich beim Tischtennis ärgert, ruft sie immer: „Ебать Людмилу!“ Irgendwann fragte mal jemand von uns, was das heißt; seitdem rufen wir es auch, aber auf Deutsch – so eine Steilvorlage darf man auf keinen Fall liegenlassen. Ein unerwartetes, sehr bereicherndes Gespräch, das mich noch tagelang beschäftigt.

Am Mittwochmorgen heftiger Regen. Miles Davis, John McLaughlin, Wayne Shorter, Joe Zawinul, Chick Corea, Jack DeJohnette, Dave Holland, Billy Cobham, Airto Moreira und John McLaughlin meinen: „Take it or leave it“ – ich packe meine Sachen und fahre zum See. Getreu der Ingenieursweisheit „Was funktioniert, niemals ändern!“ schiebe ich dort stoisch die Socken in die Schuhe und diese unter die Bank, packe meine Kleidung in einen Müllbeutel, lege diesen auf die Sitzunterlage, die sonst die Rückenstütze in meinem Rucksack ist, hänge Letzteren plus Handtuch und Regenjacke über die Lehne, spanne den Schirm auf und schwimme dann inmitten planschender Tropfen meine erste Schauerrunde der Badesaison: „Splash! Ah-ah! Saviour of the universe. Splash! Ah-ah! He′ll save every one of us.“

Am Donnerstagmorgen sehr kalter, ungemütlicher Wind am See. Zahlreich die Nebelkrähen – es kommt mir vor, als ob es in diesem Jahr besonders viele gibt. Beim Tischtennis eine Wiederholung des Dienstagsmoments: Alle gehen raus, um der Nachtigall zu lauschen – nur dass ausgerechnet in dem Moment, keine zehn Meter vor uns, ein junger Fuchs durch das Gebüsch läuft. Hätte ich nicht bereits als Kind Fabeln als vollkommen öde empfunden, wäre mir bestimmt eine passende eingefallen. Freitag ausschließlich ratslose Gesichter vor den Schildern mit den Schienenersatzverkehrankündigunden der S-Bahn – ab Montag für zehn Tage Sperrungen auf meiner gewohnten Strecke zum See. Ich werde das umfahren – in Berlin gibt es immer Ausweichmöglichkeiten; wir sind in dieser Hinsicht sehr privilegiert. Im Lauf des Tages dringt die Sonne wieder durch, was ich begrüße.

Am Samstag kommt um kurz nach sechs in der S7 Richtung Potsdam im S-Bahnhof Westkreuz Security in unseren Wagen und weckt drei Obdachlose: „Aufstehen! Bitte aussteigen.“ Keine Reaktion. „Tut mir ja leid, dass ick keenen Kaffee und Brötchen dabei habe … los, jetzt, Auslüften!“ Zwei steigen aus. Letzte verbale Steigerung: „Komm, Keule!“ Alle draußen, Abfahrt. Für die Beteiligten tägliche Routine.

Auf dem Rückweg vom Schwimmen sehe ich erstmalig (zumindest bewusst) Graugänse auf dem See – mir war im Vorbeigehen aus den Augenwinkeln das Orange der Schnäbel aufgefallen. Kurz darauf treffe ich auf den Kieler, der gerade aus dem Wasser kommt und mich fragt, was mein Thermometer sagt. Da ich es seit Tagen nicht reingeworfen hatte, mach ich das: 12 Grad – nicht warm, nicht kalt. Während wir über gefühlte und echte Temperaturen philosophieren, wird drei Kilometer von meiner Wohnung entfernt eine Straße nach dem letzten deutschen Friedenskanzler benannt: In Tiergarten gibt es nun, von der Siegessäule gen Süden führend, eine Helmut-Kohl-Allee. Kohl lehnte ich damals komplett ab – aber da wusste ich noch nicht, wer ihm folgen wird. Gabi Delgado singt: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen! Wir tragen euren Krieg zurück in den Westen“.

