Frank Schott, Leipzig
Am Samstagvormittag verlassen wir mit dem Zug Magdeburg. Für die Fahrt zum Bahnhof nutzen wir erstmals den Uber-Fahrdienst. Ich weiß, dass das alteingesessene Taxigewerbe über den Konkurrenten jammert, aber tatsächlich bietet dieser einige Vorteile: Es gibt eine zentrale App für alle Fahrer statt verschiedener Rufnummern für die vielen lokalen Unternehmen, und man kann sehen, wo sich der anrückende Wagen gerade befindet.

Uns holt ein freundlicher Araber ab. Weit kommen wir nicht, da in einer Nebenstraße ein Pritschenwagen für eine gute Parkposition zurücksetzt und dadurch die Kreuzung blockiert. Der vor uns wartende Mann ist erbost, steigt aus und ruft dem Fahrer des Kleinlasters wütende Worte zu. Unser Araber zuckt nur mit den Schultern und lacht: „Es ist warm. Ihr müsst sein …“ Er sucht das passende Wort. „Entspannter?“, frage ich. „Ja, ihr müsst entspannter sein“, sagt er.
Er bekommt einen Anruf, den wir über das Autoradio mithören. „Der Chef“, sagt er, um dann grinsend zu ergänzen: „Meine Frau!“. Es folgt ein schneller Wortwechsel auf Arabisch, bei dem eigentlich nur sie spricht. Er lässt uns freundlicherweise daran teilhaben und fasst zusammen: „Es geht um meinen Sohn. Er ist beim Fußball. Ich soll ihn abholen. Meine Frau fragt. Ich sage: ja. Aber ich habe eine Fahrt. Danach hole ich meinen Sohn.“ Die permanente Unruhe und besorgte Nachfrage von Müttern, ob wir Väter auch wirklich unsere Aufträge erledigen, kommt mir bekannt vor.
Nach dem Aussteigen holt der Fahrer unser Gepäck aus dem Kofferraum. Ich krame meine letzten Brocken Arabisch hervor und bedanke mich: „Schukran.“ Er ist freudig überrascht und antwortet mit „Ahlan wa sahlan.“ („Willkommen.“), was ich mich „Ahlan wa sahlan, ahlan bi-kum.“ („Willkommen, Willkommen Ihnen.“) erwidere.

Warten am Bahnsteig, der erfreulich leer ist. Ich erinnere mich an den Zugbegleiter auf der Hinfahrt, der uns darüber informierte, dass wir fünf Minuten Verspätung hätten, den Zug nach Was-weiß-ich aber noch erreichen würden: „Der hat auch Verspätung und kommt erst nach uns an. Glauben Sie nicht, was in der App steht. Sie können entspannt umsteigen. Sie haben zwanzig Minuten Zeit.“ Ist doch schön, wenn man sich wenigstens auf die Verspätungen verlassen kann. Auf der Rückfahrt erleben wir dann aber ein kleines Wunder: Der Zug fährt pünktlich ab und kommt pünktlich in Leipzig an. Die Nachbarin holt uns mit dem Auto ab, so dass meine Frau ihren Knöchel schonen kann. Es lebe das gute Miteinander!

Das restliche Wochenende brennt die Sonne. Von überall her tönt Musik, Bierflaschen und Gläser klirren, es riecht nach Gegrilltem. Ein Teppich aus Lachen, Schwatzen und lauten Gesprächen, die das Hintergrundrauschen zu übertönen versuchen, wabert über die Straßen und durch die Hinterhöfe. Eine Stadt im ununterbrochenen Partymodus.

Am Montag ist es dann bewölkt und weniger heiß. Im Konsum holt sich ein junger Mann, der mich an einen Programmierer denken lässt, eine große Cola und süßes Gebäck zum Frühstück. Eine junge Frau im Businessoutfit hastet in Laufschritten zur Bushaltestelle – ihre Bewegung ist der Kleidung geschuldet ein Mittelding aus vorsichtigem Gehen und schnellem Laufen. Ein etwa Vierzigjähriger schlendert mit seinem Sohn schwatzend zum Kindergarten. Eine in Weltschmerzschwarz gehüllte Teenagerin stapft mit schweren Plateauschuhen und wütendem Tritt in Richtung Schule, als gelte es, eklige Viecher unter den Sohlen zu zermalmen. Meine Frau schont ihren Fuß und ich bin weiterhin allein unterwegs.
