Frank Schott, Leipzig
Zweiter Tag in Magdeburg. Um den Knöchel zu schonen, legt meine Frau den umgeknickten Fuß im Hotelzimmer hoch. Also durchstreife ich heute allein die Parks. Morgen hätten noch Museen auf unserem Programm gestanden, aber wir beschließen, die Reise zu verkürzen.

Vor dem Frühstück jogge ich entlang unseres Hausbachs bis an das Ende des Weges, wo eine Wohnsiedlung beginnt – hin und zurück ist das gut eine fünf Kilometer-Runde. Ich komme an einer weiteren kleinen Kirche und vielen Gärten vorbei. Es ist sonnig, grün und wunderbar ruhig. Selbst wenn kein Feiertag wäre, würde hier vermutlich nicht viel Trubel herrschen. Zu dieser frühen Stunde begegne ich ein paar Menschen mit Hund, Läufern und einigen übrig gebliebenen Partygästen, die auf einer Bank ihr letztes Bier trinken.

Nach dem Frühstück mache ich mich zur nächsten Erkundungstour auf. Das Tor der Kathedrale St. Sebastian steht offen. Ich gehe hindurch. Da gerade ein Gottesdienst stattfindet, bleibe ich in dem mit Scheiben abgeteilten Vorraum stehen. In festlichem, weißem Ornat vollzieht der Geistliche den jahrhundertealten Ritus. Die etwa dreißig Besucher, alles ältere Menschen, darunter zwei Nonnen in Tracht, treten nach vorn, um die Hostie in Empfang zu nehmen. Mich beeindruckt die schlichte Zeremonie, und zugleich fühle ich mich wie ein störender Eindringling. Leise verlasse ich die Kathedrale.

Als Nächstes führt mich mein Weg zu den Gruson-Gewächshäusern am Klosterbergegarten. Nach dem Tod des Magdeburger Erfinders und Industriellen Hermann Gruson übertrug seine Familie der Stadt dessen umfangreiche Sammlung tropischer Pflanzen und spendete zudem einen größeren Betrag, mit dem die ersten Gewächshäuser errichtet werden konnten. Seit 1896 steht die Anlage, die heute als Botanischer Garten fungiert, Besuchern offen. An diesem Morgen sind nur wenige da. „Am Nachmittag wird es voller“, meint der Verkäufer, der mir lediglich 3,50 Euro für das Ticket abnimmt. Ich gelange direkt in das sechzehn Meter hohe Palmenhaus voller Strelitzien, Riesenbambus und natürlich auch der namensgebenden Gewächse. Schwülwarme Luft umfängt mich, Vögel zwitschern.

Die Anlage ist nach Regionen und Klimazonen geordnet, ein Teil widmet sich beispielsweise Kakteen oder der Insel Madagaskar. Die Farbenpracht der Blüten ist überwältigend. Unter dem Blätterdach wuseln Straußwachteln umher, die im Halbdunkel nur durch ihre Bewegungen und den leuchtend orangen Kamm zu erkennen sind; mindestens fünf Vögel entdecke ich. Aus einem großen Terrarium beäugt mich ein grellbuntes Chamäleon. Das mir zugewandte rechte Auge dreht sich wie eine Überwachungskamera in alle Richtungen, der restliche Körper bleibt regungslos.
Anschließend gehe ich über die Sternbrücke auf die Elbinsel, auf der sich der Stadtpark Rothehorn befindet. Über den Fluss hinweg höre ich das Grölen eines Demonstrationszuges. Als der Sprechgesang „Hoch die internationale Solidarität“ ertönt, fühlt es sich an, als hätte ich mich für einen kurzen, gruseligen Moment in die Zeit vor vierzig Jahren verirrt. Dann umfangen mich wieder das Zwitschern der Vögel, das Lachen von Kindern, das Surren von Fahrradreifen, das Bellen ausgelassener Hunde und das Schnaufen der Jogger, die mit ihren Laufwesten wie für eine Wüstenexpedition ausgerüstet sind. Als ich am Kanustützpunkt des SC Magdeburg einen älteren Coach die Jungspunde anschnauzen höre: „Was steht ihr alle an den Zweiern rum? Hier muss angepackt werden!“, muss ich grinsend an meine Jungs beim Fußballtraining denken.

Über die Rotehornbrücke wechsle ich auf die andere Seite in den Stadtteil Cracau. Ich will mir irgendwo einen Imbiss holen, vielleicht eine Bratwurst. Doch alle in Ufernähe gelegenen Einrichtungen sind geschlossen. Ich gehe in Richtung Elbauenpark, da es dort, wie mir Google verrät, mehrere gastronomische Einrichtungen gibt. Leider befinden sich diese in einem eintrittspflichtigen Freizeitpark mit hohen, teilweise mit Stacheldraht gekrönten Zäunen, wie ich feststellen muss. Also laufe ich am Elberadweg weiter nach Herrenkrug, wo sich, wie ich mich erinnere, eine Brücke befindet, über die man zurück auf die Altstadtseite gelangt.

Lange Zeit bin ich alleine unterwegs. Nur selten kommen Radfahrer vorbei. Dann höre ich von Weitem Musik und Ansagen über eine Lautsprecheranlage. Auf der Pferderennbahn ist offenbar Renntag. Je näher ich der Brücke komme, desto dichter wird das Gedränge aus Spaziergängern, Joggern und Radfahrern. Unterhalb der Brücke finde ich ein Café im Grünen, in dem es Kuchen und Teigtaschen gibt. Ich nehme ein Stück Apfelkuchen und ein Bier, das hier nur in Flaschen erhältlich ist. In einem Nest sitzt ein Schwan, dessen Partner ein Stück entfernt gründelt. Ein Storchenpaar übertönt klappernd die Geräusche der Rennbahn. Ein weiterer akustischer Höhepunkt sind die Kröten in den Tümpeln auf der anderen Elbseite.

An den historischen Schiffen vorbei, für die ich nach nunmehr 17 Kilometern in den Beinen und der brennenden Sonne im Nacken kein Interesse mehr aufbringen kann, geht es zurück in die Altstadt. Die katholische Kirche St. Petri, die als romanische Dorfkirche vor den Stadttoren erbaut und später zu einer gotischen Hallenkirche umgestaltet wurde, möchte ich mir trotz der Erschöpfung aber noch anschauen. Leider führt kein Weg hinein – die Tür ist verschlossen.

Auf dem Rückweg kaufe ich meiner Frau, die ich über gelegentliche Handyfotos an meiner Stadttour teilhaben ließ, Brötchen und etwas Süßes. Einen Gang in ein Restaurant traut sie ihrem Fuß noch nicht zu. Bevor wir abreisen, steht fest, dass wir noch einmal hierher kommen, um uns die Gewächshäuser dann gemeinsam anzusehen.

