
Eine Woche zurück am Schlachtensee – und man trifft sie allesamt nach und nach wieder: den Frühsportmann mit seinem Hund, die alte Asiatin (diesmal sogar mit Tochter), die Sonntagsfrühstückgang der Physiotherapeutin, die nette Meditiererin, den alten Herrn, der, wenn er mich bei kalten Temperaturen in der Bucht entdeckt, immer so tut, als hätte er einen Kälteanfall usw. Wie schon im letzten Jahr haben wirklich alle (die Eisbader ausgenommen) ihre Saison in derselben Halbwoche eröffnet – es muss da eine, übrigens von der Wasser- und Lufttemperatur vollkommen unabhängige, kollektive Empfindung geben, die uns nahezu zeitgleich ins Wasser treibt – fast so, als ob wir die Kinder der Kinder aus dem „Dorf der Verdammten“ wären.

Am Samstag die unerwartete Wiederbegegnung mit zwei Anglern aus dem Brandenburgischen, die wie schon im Oktober in der Bucht campieren. Wir drei können uns noch ganz genau an das Wetter vor einem halben Jahr erinnern – seltsam, was man so abspeichert. Da ich am Sonntag am anderen Ende des Sees in einem Sonnenfleck zwei größere Fische inmitten eines Schwarms Rotfedern stehen sehe und nicht sicher bin, ob es sich um Hechte handelt, habe ich in den beiden die perfekten Ansprechpartner – nach Sichtung meiner Handyfotos bestätigen sie, dass ich mit der Vermutung richtig lag.

Ich frage weiter, ob es die Fische nach dem Winter an die wärmeren Stellen zieht. Ja, in diesem Fall die Rotfedern, denen die Hechte folgen, um sie zu fressen – es ist momentan Laichzeit, da ist der Nahrungsbedarf besonders groß. Gefangen werden dürfen Hechte erst ab dem 1. Mai, woran sich die beiden auch halten – sie packen gar nicht erst die entsprechende Ausrüstung ein und kommen so vor Ort nicht in Versuchung. Gegen 2 Uhr ging ihnen ein 18-Kilo-Karpfen an die Angel – der Sehnenzug wurde per Akustiksignal gemeldet.

Wir reden über die unaufhörliche Action in der Bucht – die man aber erst wahrnimmt, wenn man lange auf den vermeintlichen Stillstand geschaut hat. Das versetzt einen dann in die Lage, zu antizipieren -was einer der Angler am Beispiel des von einem Mitschwimmer aufgewühlten Grunds zeigt: Sobald Sandkörnchen umherwirbeln, kommt sofort diese und jene Fischart aus dem Schilf, um zu sehen, was da los ist. Ein paar Tage später zeigt mir eine Mitbaderin auf ihrem Smartphone ein Foto, auf dem ein Nutria in einem Wassernest sitzt und von einem Schwan angegriffen wird. Ich fragte, wie ihr das wirklich spektakuläre Bild gelungen sei – sie hatte das Nest, in diesem drei Eier und einen nahenden Nager entdeckt und wusste, dass da gleich mehr passieren würde, musste also nur warten.

So wie wir alle drauf warten, dass es bald mit der Buchtruhe vorbei sein wird, sobald die Jungen der Haubentaucher oder Blässhühner schlüpfen. Die brüten momentan noch in erstaunlicher Stille und nicht mal einen Meter voneinander entfernt im Schilf. Oft schauen sich dabei die jeweiligen Elternteile an; anfangs soll es, so wird mir berichtet, sogar öfter mal einen Nestwechsel gegeben haben.

Dann treffe ich den Ostasiaten wieder, der Ende November (bei 6 Grad Wassertempemperatur), nachdem er mich herauskommen sah, spontan in den See ging; dort mehrmals für jeweils ungefähr zwei Minuten brusttief im Wasser stand, an Land flitzte und an einer Baumwurzel Liegestütze machte – wir beide erinnern uns noch sehr gut dran. Er ist über das Brutgeschehen am gesamten See bestens informiert und berichtet, dass eine Schwanenfamilie Nachwuchs bekommen hat. Das gab es am Schlachtensee seit vielen Jahren nicht mehr, sodass ich und alle anderen, denen ich das erzähle, nun voller Vorfreude auf die erste Begegnung mit den Jungen warten.

Außerdem gibt es meinen ersten kleinen Notfalleinsatz des Jahres zu vermelden: Am Samstag fällt mir in der S-Bahn ein junger Mann auf, der seltsam gekrümmt an seinem Fahrrad lehnt. Ich frage ihn, ob er Hilfe benötigt, er sagt: „Weiß nicht.“ – was natürlich „Ja, bitte!“ bedeutet. Wir verlassen die Bahn, er setzt sich auf eine Wartebank; ich stelle ihm ein paar Fragen und schlage vor, den Rettungsdienst anzurufen. Er ist einverstanden und holt gerade sein Handy raus, da spricht uns die vielleicht Zwanzigjährige, die mir in der S-Bahn gegenübersaß, an: „Braucht ihr Hilfe?“ Kurze Lageschilderung – sie bleibt. Sie und ich sprechen mit der Dame von der Rettungsstelle und befühlen und befragen nach deren Anweisung den Kranken. Ich erkundige mich, ob wir ihn sitzen lassen oder lieber hinlegen sollen – die Rettungsstellendisponentin fragt, ob er gerade so und so dasitze und beschreibt dann en détail seine Krümmungen: „Solange er die Schutzhaltung beibehält, bitte einfach so lassen.“ Der Begriff „Schutzhaltung“ aus dem Mund des Fachpersonals beruhigt mich schlagartig: Man kennt das dort, man weiß, was tun sein wird, die Profis sind auch bereits unterwegs. Die Mithelferin und ich ergänzen uns weiterhin perfekt: Sie fragt den Gekrümmten, ob jemand benachrichtigt werden solle (was sie per SMS erledigt), während ich daran denke, das Fahrrad in Sicherheit zu bringen. Nachdem die Rettungskräfte übernommen haben, kämpfen wir noch gemeinsam mit dem tricky Schloss, schaffen es aber schließlich, das Rad unten vorm Bahnhof anzuschließen. Nette Verabschiedung (sie wird zu spät zur Arbeit kommen – aber es gibt halt manchmal Wichtigeres); icke wieder hoch auf den Bahnsteig – dieser leer! Ich sehe noch die Rundumleuchten, langer Sprint, an den Wagen klopfen – keuchende Schlüsselübergabe. „Allet Jute!“- „Allet Jute!“ Noch nicht einmal zehn Uhr und schon total durchgeschwitzt, bloß schnell an den See!

Anlässlich des vierzigsten Jahrestage des Reaktorunglücks zeigt arte die sehr gute dreiteilige Dokumentation „Tschernobyl – Der Insiderbericht“, die ich jedem empfehlen kann. Der Titel hält, was er verspricht: Augenzeugen und anderweitig Beteiligte sprechen über das Geschehen: Ingenieure aus dem KKW, der Geheimdienstmann, der in der CIA für Kernkraft zuständig war, einer der Bergleute, die den Schacht unter dem Betonsarkophag gruben, die damalige Bürgermeisterin von Kiew, Journalisten etc. Herzzerreißend der Feuerwehrwann, der auf das Foto seiner alten Kameraden blickt und erzählt, wer wann an den Folgen des Einsatzes verstorben ist; der auf Strahlenkrankheiten spezialisierte us-amerikanische Arzt, der die Sowjetregierung bat, helfen zu dürfen und mit dem nächsten Flieger in die UdSSR flog; die damals achtjährige Olena, deren Eltern als Liquidatoren abkommandiert wurden, so dass sie wie tausende andere Kinder in ein Lager kam, wo ihr jeden Tag das verstrahlte Haar geschoren und sie von den einheimischen Kids verprügelt und „Tschernobyl-Igel“ gerufen wurde. Egal, wer von den Zeugen spricht – alle kämpften sie zeitlebens um eins: Sie wollten wissen, was an diesem 26. April 1986 wirklich geschah. Dem geht der Film minutiös nach – durch die herausragende Auswahl der Gesprächspartner ist das auch für diejenigen interessant, die tief im Thema drinstecken.

Am liebsten würde ich einige Mitglieder der Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie im deutschen Bundestag zwingen, sich diese Tschernobykl-Doku anzuschauen, da deren Verhalten immer wieder an das der Apparatschiks damals erinnert. Bei der letzten Sitzung kam es zu der schlimmsten Entgleisung, die mir jemals in der bundesdeutschen Politik unterkam: Der CDU-Abgeordnete Axel Müller wollte den Sachverständigen Stephan Kohn diskreditieren, indem er diesem unterstellte, sich in Sachen Corona eine Vertuschung eingebildet zu haben, da er als Kind von einem Pfarrer vergewaltigt und der Täter von der Kirche geschützt wurde. Kohn war zu Beginn der von der WHO ausgerufenen Covid19-Pandemie als Oberregierungsrat im Referat Krisenmanagement des Bundesinnenministeriums für den Bereich Kritische Infrastrukturen tätig und hatte im Mai 2020 einen Bericht verfasst, in dem er die Reaktion auf das Virus als „Fehlalarm“ bezeichnete. Nachdem sich im BMI niemand dafür interessierte, brachte er den Bericht an die Öffentlichkeit – und wurde draufhin entlassen. Auch seine Partei, die SPD, distanzierte sich deutlich von ihm (er trat dann aus). Dass er es wagte, aus dem Apparat heraus dem Narrativ zu widersprechen, hat man ihm anscheinend bis heute nicht verziehen. Wie man über alle politischen und fachlichen Grenzen hinweg anständig miteinander umgeht und gemeinsam um Erkenntnis ringt, zeigt Monat für Monat der Coronauntersuchungsausschuss des Landtags Brandenburg.

Tom Cooks und Erica Jenkins Tschernobyl-Dokumentarfilm auf arte: https://www.arte.tv/de/videos/122221-000-A/tschernobyl-der-insiderbericht-1-3/
