Christoph Sanders, Thalheim
In der Nacht auf Sonntag Dauerregen; Temperaturabfall auf 7 Grad, windig, aprilfrisch, wundervoller Himmel. Passend dazu Schumanns Piano-Trios. Fahre die Jüngste am Vormittag nach Limburg zur Theaterprobe, Abholung am Abend. Zwischendurch geht es zweimal bergauf zum Pferdemädchen. Ich bekomme sie überredet, auch das Rad zu nehmen – die Aussichten vom Weg belohnen das allemal. Damit die Wurzeln mehr Platz haben, mehrte sie den Basilikum und setzte ihn zu einer kleinen Beet-Plantage um. Mal sehen was daraus wird – es ist ein Experiment, dessen Ausfallrisiko 150 Cent beträgt. Meine Frau berichtet von den endlosen Schwierigkeiten ihrer Mutter, einen QR-Code zu nutzen und Dokumente als pdf zu laden, damit der pflegebedürftige Mann Leistungen beanspruchen kann. Logisch, dass viele mit dieser Art von Digitalisierung völlig überfordert sind, irgendwann aufgeben und so auf das ihnen Zustehende verzichten.

Der Montag kühl, klar, sonnig. Nach dem Einströmen der Polarluft heute viel UV-Strahlung. Ich bin es, der die Mädchen immer noch wecken muss, auf die ersten Kalorien achtet und Tee anbietet. Die kleinen Erkältungskrankheiten der Kinder sind überwunden – es ging auch ohne Sinupret. Ich schätze, bei jungen, gesunden Menschen dürfte das in 80 Prozent der Fälle so sein. Der Tart ist gelungen. Alle Waschmaschinenladungen hängen in der Sonne. Auf der Treppe merke ich am deutlichsten, dass mein Muskel nachwächst. Mittlerweile ist auch die Flüssigkeit aus dem Kniegelenk gewichen – ich beuge und strecke fast wie vordem. (Aber eben nur fast.) Wieder aufs Rad – die Luft tut einfach gut. In Frankreich sah ich zuletzt ein interessantes Produkt: das 1-plus-2-E-Bike, das mit Kindersitzen und Frontgepäckträger ausgestattet ist. (Bei Nutzlasten von 40 Kilo ist ein Motor notwendig und kein Beiwerk.) Es ist leicht zu steuern, der Rollwiderstand ist gering. Sind keine Kinder an Bord, entsteht eine üppige Transportkapazität. Es ist die beste Lösung, die ich bislang sah – und ein idealer Ersatz für das Auto, in Städten ebenso wie in Dörfern, in denen die Märkte kilometerweit auseinanderliegen.

Abendstimmung bei frischer Brise und Blütenteppichen. Noch einmal
zum verwaisten Netto, zu dem kaum noch Kunden kommen, weil Autofahrer seit ein paar Tagen einen Umweg von einem Kilometer machen müssten, um die Baustelle zu umfahren, die die Zufahrt zum Markt abriegelt. Bald werden die Rabattsticker für die Milchprodukte ausgehen. Das kleine Bäckereicafé im Vorraum schloss unabhängig davon letzte Woche seine Pforte; mal sehen, ob es einen Nachfolger geben wird. Der ausufernde Energiepreis ist für Großbäckereien ein echtes Problem, aber das war er bereits 2022. Das Radfahren fühlt sich zunehmend besser an – der ziehende Schmerz ist zwar noch da, lässt aber nach, verschiebt sich. Die Sehnen wirken nicht mehr so verkürzt, spannen nicht. Es tut gut, den eigenen Körper wieder als angenehm zu empfinden und nicht mehr als Hindernis und Last. Allmählich fühle ich mich wiederhergestellt. Zur Nacht Prokofievs Klavierkonzerte Nr. 1 und 2, gespielt von Swjatoslaw Richter und der Tschechischen Philharmonie, dirigiert von Karel Ančerl. Kristalliner Anschlag in den Höhen, eindrucksvolle Klarheit. Große Aufnahmen!

Am Dienstag aufgrund der „Kerosin-Triage“ (so die Presse) wenig Kondensstreifen. Oder sie fliegen anders als üblich. Wichtig ist, dass der Pauschaltourist nicht abstürzt! Ich bin entsetzt über die Papier- und Druckqualität der FAZ, die einmalig ins Haus kam. Kaum eine Artikelüberschrift regt mehr zum Lesen an, alles schwebt irgendwie wolkig zwischen Gemeinplätzen und Meinungsjournalistik – game over. Le Monde macht das noch ganz anders – vier Seiten über den Libanonkonflikt, die man mitsamt des Kartenmaterials direkt in ein Geschichtsbuch übernehmen könnte. Ein Kind wieder schwerer erkältet, bei mir nur leichte Nebensymptome. Weiteres Aufräumen im Hause und Besorgungen zu Rad – Broccoli und Reis bilden das Rückgrat der Versorgung. Nachrichten von der Verkaufsfront: 200 Euro Warenwert schreibt unser kleiner, seit letzter Woche von der Außenwelt abgeschnittene Nettomarkt tägich ab (Frischware) – das Obst und Gemüse muss auf Anweisung weggeworfen werden. Ich schlage der Kassiererin vor, dass man es an die Baurbeiter verteilt – „Netto verschenkt nicht gern“, entgegnet sie. Auf dem Rückweg donnert ein 20.000-Liter-Gülletanker über die Felder. Er befüllt über eine Art Schnorchel ein kleines Fass, dass an einem Traktor hängt – ganz ähnlich wie es Tankflugzeuge für Kampfjets machen. Die Gülle kommt aus der Schweinegroßmast – man entledigt sich so des Nitratproblems, das bei der Verklappung entstünde. Technik und Landwirtschaft an einem weiteren kühlen, frischen Frühlingstag.

Strahlender Mittwochmorgen, der mit leichtem Frost beginnt. (Für die Obstbäume harmlos.) Im Haus erschallt Prokofiews zweites Klavierkonzert mit Bolet und dem Orchestre de la Suisse Romande unter Sawallisch, das mir ein Freund von einem Livemitschnitt aus dem Jahr 1974 gerippt hat. Ich verspüre Glücksgefühle, wie man sie nur durch Ausdauer und intensives Zuhören erschließt. Oben kuriert sich die Drezehnjährige aus. Ich bespreche mit ihr das Mittagsmenu. Wir unterhalten uns über alte Ofenkacheln und wie das früher mit dem Ascherausbringen war. Auf bbc.com, dass in Indonesien nach zweiundzwanzigjährigem Rechtsstreit Hausangestellte nun als Arbeitskräfte anerkannt werden. Wir nehmen das wahr, was in den Nachrichten kommt. Würde man ausführlich über die Kriege in Afrika berichten, könnte bei uns so etwas wie Mitleid mit den Flüchtlingen entstehen, also lässt man es bleiben – die Refugees sollen bitte weiterhin lautlos in Spanien unsere Tomaten pflücken. Ich muss öfter an den junge Mann aus dem Kongo denken, der in Erbach/Odenwald als Pfleger arbeitet und dort dumpfestem Rassismus begegnet. Er hat Chirurgie und Prothesenheilkunde studiert – und er weiß, warum. Rasur mit frischen Klingen, Auftragen der Sonnencreme, Verspeisen einer halben Grapefruit, dann aufs Rad (meine Therapie). Ich mache einen kleinen Ausflug in die hübsche ehemalige Garnisonstadt Diez.

Der Trödler begeistert von seinem Fernabsatz des China-Spielzeugs. Der Güllelaster verteilt sein flüssiges Gold. Die Tulpen blühen dank kalter Nächte länger. Vogelstimmen! Wieder zuhaus hänge ich die perfekt gewachene Wäsche in den Aprilhimmel. Dank der Miele AG wird eine weitere Ladung folgen – die Kinder sollen sich immer wohl fühlen (und ich auch). Am Tisch zählt der Teenie erregt auf, was der Millionenseller „Das Parfüm“ doch für ein widerlicher Schundroman voller ekelhafter Männerphantasien sei. Sie fragt mich, warum das noch Unterrichtsstoff ist. Meine Erklärung: Trägheit und Trott – um Literatur geht es in der Schule nicht. Die Kids sind viel wacher als man oft denkt. Das freut mich, denn sie haben allen Grund dazu.

