Frank Schott, Leipzig
Es ist faszinierend, wie sich die Wahrnehmung verändert, wenn Geist und Körper beschäftigt sind: Zwei Tage lang ununterbrochener Niederschlag; bis Montagabend hält das graue, kalte, feuchte, böige Wetter an. Doch beim Training mit den Kids ist das alles vergessen: neunzig Minuten im strömenden Regen, wir Übungsleiter mittendrin – und das Einzige, was wir spüren, ist die schweißtreibende Energie unseres Körpers. Erst als es für mich per Fahrrad durch die Schauer nach Hause geht, holen mich Kälte und Feuchtigkeit wieder ein.

Am frühen Dienstag ist es noch kalt, aber die Sonne hat die letzten Regentropfen bereits vom Blech der Autos verschwinden lassen. Nur die riesigen Pfützen zeugen noch von den gewaltigen Güssen. Ich gehe am Gymnasium vorbei. Es ist kurz vor acht Uhr und die Schüler strömen ins Gebäude wie Pilger in eine heilige Stätte. Wissen sei überbewertet, meinen meine Kinder und denken dabei vor allem an stumpfes Auswendiglernen und das bloße Aneinanderreihen von Fachkenntnissen, die sie ihr Lebtag nicht mehr brauchen werden. Vorerst ist damit Schluss, doch spätestens im Studium oder in der Ausbildung wird diese Art des Lernens für die beiden zurückkehren.

Ich ertappe mich dabei, dass ich mir regelmäßig in Erinnerung rufe, welche Therapiestunde ich gerade in Jerichow gehabt hätte. An einem Dienstag, wenn nichts ausfällt, wäre es die ärztliche Sprechstunde – und damit die letzte Chance auf ein Attest, um der großen Wanderung an diesem Tag zu entgehen; danach Sport, gefolgt von kommunikativer Bewegungstherapie. Am Nachmittag stünde dann das Sonderprogramm aus Bogenschießen oder Genusstherapie auf dem Programm, je nachdem wie man von seinem Therapeuten eingeteilt wurde, und für alle dann ab 16 Uhr die anderthalbstündige Wanderung – vor der sich die meisten am liebsten irgendwie drücken würden.

Sport steht für mich aber auch nach meiner Entlassung an – das Fußballtraining vom Vortag hat meinen Hunger nach Bewegung reaktiviert. Ich mache mit dem jüngsten Kind, das heute zuhause ist, mein in Jerichow erprobtes Rücken- und Bauchprogramm und jogge danach durch den Park. Die Pfützen nehmen teilweise die gesamte Breite des Weges ein, so dass ich außen herum laufen muss. Der Boden ist rutschig und weich, meine Schuhe schmatzen bei jedem Schritt in der feuchten Erde.

Die ersten Bärlauchpflanzen beginnen nun zu blühen – dort, wo sie am Wegesrand besonders viel Sonne abbekommen, sind bereits die typischen weißen Köpfe aufgeklappt. Die anderen Knospen werden wohl noch ein bis zwei Wochen brauchen, bis sie sich entfalten. Bereits jetzt liegt der typische Geruch nach Knoblauch und Zwiebeln in der Luft – das volle Aroma setzt dann gegen Ende Mai ein, wenn die Pflanzen verwelken.

Ich telefoniere mit einem Leidensgenossen, der die Klapse etwa fünf Wochen vor mir verlassen hat. Bevor der Mecklenburger den Part übernahm, war er mein Wandergefährte. Er ist nach der Entlassung in sein altes Leben zurückgekehrt und hat doch vieles verändert: Um seine Therapieliebe ist es still geworden, wahrscheinlich ist sie zu ihrem Freund zurückgekehrt. Er selbst hat die Trennung von seiner Frau inzwischen vollzogen und wohnt momentan bei einem ebenfalls getrenntlebenden Bekannten, der ein geräumiges Haus hat. Bezogen auf diese vorübergehende Wohnungslösung sind wir uns – ganz im Sinne des in Jerichow Gelernten einig: Es bringt nichts, sich über Dinge den Kopf zu zerbrechen, die in ferner Zukunft liegen. Besser ist es, das Hier und Jetzt anzunehmen – und die schönen Dinge zu genießen.

Das Amt, das jetzt Agentur heißt, hat sich gemeldet. Sie bräuchten von mir nichts, auch keine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen. Solange ich krankgeschrieben sei, müsse ich nichts tun. Typisch deutsche Bürokratie: Kranke sind keine Arbeitssuchenden. Keine Arbeitssuchenden sind gut für die Statistik. Stimmt die Statistik, sind alle zufrieden.
