Frank Schott, Leipzig

Wie geht es nun weiter nach den zwölf Wochen im Klinikexil? Meine Hausärztin ist ganz entschieden der Meinung, dass ich noch nicht genesen bin und verordnet mir weitere vier Wochen Schonfrist: „Lassen Sie es ruhig angehen. Ich sehe Sie noch nicht als arbeitsfähig an.“ Meine Familie sieht es genauso, nachdem sie mich den ersten Tag am Wirbeln und in alte Muster fallend erlebt hat.

Dennoch gibt es so viel zu organisieren, dass ich kaum in der Lage bin, mir den geregelten Tagesablauf von Jerichow zu spiegeln. Termine sind zu machen, Telefonate zu führen, Dokumente zu scannen und zu versenden. Ein Beispiel: Die Liegebescheinigung der Klinik und die aktuelle Krankschreibung sind der Arbeitsagentur zu übermitteln. Da ich länger als sechs Wochen ausgefallen bin und daher nicht mehr als arbeitssuchend gelte, ist es mir nicht mehr möglich, Dokumente über mein elektronisches Profil direkt an meinen Betreuer zu senden. Also muss alles in einen Umschlag gepackt, das Porto besorgt und per Post versendet werden. Mit jedem abgehakten Punkt scheinen zwei weitere hinzukommen.

Am Montag betreue ich zum ersten Mal in diesem Jahr wieder ein Fußballtraining. Es sind zwanzig Kinder zwischen sechs und zehn Jahren, die wir zu zweit zu bändigen versuchen. Der dritte Coach übernimmt die elf Bambini im Alter von vier bis fünf.
Viele der Jungs kenne ich natürlich noch, aber es sind in meiner Gruppe auch vier, fünf neue Gesichter und somit Namen dabei. Der Tag ist glücklicherweise trocken, im Gegensatz zum Sonntag und Dienstag.
Wie ich das disziplinlose Getobe, die Unkonzentriertheiten und das Geschrei von außer Rand und Band geratenen Kids vermisst habe!
Nein, das war ein Scherz. Das braucht kein Mensch. Aber es gehört eben dazu, wenn man im Ehrenamt Kinder unterschiedlicher sozialer Herkunft und Nationalität betreut – einige von ihnen sind wirklich verhaltensauffällig.

In Jerichow war kurz vor meinem Abschied noch eine Patientin dazukommen, die Fußball spielt und selbst auch Kids trainiert. Sie berichtete von den gleichen Schwierigkeiten: „Du kannst sie eigentlich nur spielen lassen. Vielleicht ein, zwei Übungen sind möglich, aber dann drehen sie schon wieder durch.“ Auch das Problem mit zu vielen Kindern auf zu wenig Trainer kennt sie. Sechs bis sieben Spieler auf einen Trainer scheint beim Kinderfußball ein guter Schlüssel zu sein, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Soweit die Theorie – in der Praxis sind es in der Regel zehn oder mehr Kids.

Ansonsten regnet es. Natürlich weiß ich, dass der Regen nötig ist nach dem eher trockenen Winter. Aber es schlägt eben doch aufs Gemüt, wenn die Blüten verkleben und die frischen Blätter traurig an den Zweigen hängen. Wenn sich auf den von vielen Baumaßnahmen zernarbten Wegen und Straßen seenartige Pfützen bilden. Wenn hinter der Scheibe des Eisladens gähnende Leere herrscht und nur die Handpuppen im Fenster trotzig lachen. Wenn Menschen sich in die immer noch nicht weggelegten Winterjacken kauern. Es ist April.

