Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow

Was für ein Finale: Drama, Beichten und Gefühlsausbrüche!

In der Gruppentherapie am Mittwoch haben sich acht Patienten in zwei Halbkreisen platziert; die beiden Therapeutenstühle stehen an deren Enden, sozusagen auf 12 und auf 6 Uhr.
Der Patient, der gerade neu bei uns ist, muss wieder gehen, weil man erst dann am Gruppengespräch teilnehmen darf, nachdem man ein therapeutisches Einzelgespräch hatte, was bei ihm aufgrund der Krankheit des Therapeuten noch nicht der Fall war. Mein Nachbar räumt den nun nicht mehr benötigten Stuhl beiseite, die drei verbleibenden Patienten rücken ihre Stühle neu zurecht. Danach verabschiedet sich ein Patient aus dem gegenüberliegenden Halbkreis, weil er in ein anderes Haus wechselt. Auch dieser Stuhl wird entfernt, auch dieser Halbkreis rückt neu zusammen.
Daraufhin werden uns, wie es üblich ist, Fragen gestellt: „Warum haben Sie die Stühle entfernt? Wie geht es den anderen damit? Wieso durfte der Stuhl nicht leer bleiben?“ Innerliches Augenrollen meinerseits – ich sage nicht viel und enthalte mich insbesondere eines Kommentars zum Stuhltanz, der nicht der erste dieser Art war, auch die anschließenden Fragen sind nicht neu.

Zum Glück wechseln wir dann das Thema und kommen zu einem sehr traurig und sauer dreinblickenden Patienten. Der kotzt sich aus, weil sein Einzelgespräch heute krankheitsbedingt ausfiel und kein Ersatz möglich war und überhaupt alles hier eine Enttäuschung sei, wo er sich doch so viel erwartet und erhofft habe. Es fließen Tränen. Der Therapeut reagiert stereotyp und fragt: „Was macht das mit Ihnen? Woher kommt diese Traurigkeit?“
Da platzt einem anderen, ansonsten eher schüchternen Patienten der Kragen: „Können Sie nicht einfach mal sagen, dass das blöd gelaufen ist und es Ihnen leid tut?“ Selbst überrascht von seinem Wutausbruch und völlig überfordert von den Nachfragen, bricht nun auch dieser Patient in Tränen aus. Der perplexe, vielleicht ebenso überforderte Therapeut findet dann doch noch die gewünschten und angebrachten Worte – und er räumt ein, dass ihm das schwer falle, sich so zu öffnen: „Fragen Sie mal meinen Ehepartner.“

Danach reden wir, wie so oft, über Gefühle, die aus unerfüllten Wünschen entstehen, die wiederum auf tieferen Bedürfnissen beruhen, etwa dem, wahrgenommen und akzeptiert zu werden. Ein Patient räumt ein, dass das alles nicht so einfach sei – und dass, obwohl er bereits seit zehn Jahren in Therapie ist.
Daraufhin fällt ein anderer Patient, Therapieneuling wie ich, aus allen Wolken: „Waaas? Zehn Jahre? Das halte ich nicht aus. Das schaffe ich nicht.“ Mittlerweile räumt der Zehnjähre ein, dass es ihm vor Beginn der Therapien schlechter gegangen sei. Das ist dem Frischling kein Trost: „Zehn Jahre?! Da bring ich mich doch lieber um.“ Das wiederum will der Therapeut gar nicht hören, obwohl es eindeutig nur ein Frustseufzer und kein ernsthaftes Anliegen war – er betont die Sinnhaftigkeit und Erfolge von Therapien.
Da setzt der Mecklenburger ein: „Das ist doch alles nur in unserem Kopf. Der Verstand erzeugt Probleme, wo gar keine sind. Die Maschine, die in unserem Kopf rattert, verstärkt sich selbst. Würden wir ein Stück zurücktreten, könnten wir sehen, dass das alles gar nicht relevant ist. Aber der Verstand gaukelt uns das vor.“ Erschrocken über seinen Mut, fragt der sonst eher stille Mann nach, ob das jetzt zu philosophisch war? Wir lauschen interessiert. Nur der Enttäuschte, mit dem die Diskussion anfing, ist weiterhin mit dem eigenen Elend beschäftigt und hört nicht zu, ebenso der immer noch etwas geschockt wirkende Neuling. Der Therapeut spricht ihn an – er sagt, dass ihm die schrecklichen zehn Jahre nicht aus dem Sinn gehen. Dann ist die Zeit sogar schon überschritten und wir müssen zum Ende kommen. Dennoch darf ich meine „berühmten letzten Worte“ sagen, worauf ich jetzt gar nicht mehr gefasst war.

Ich fasse meine Erkenntnisse aus den drei Klinikmonaten zusammen: „Tu, was gut für dich ist. Alle Therapien, Gespräche und Reflexionen können dir Input liefern, doch am Ende musst du dich selbst wie Münchhausen am Zopf aus dem Sumpf ziehen. Du musst aktiv werden. Und nutzt unbedingt die Schönheit der Natur, um Kraft zu tanken und auszuspannen – wo, wenn nicht hier, könntet ihr das unbeschwert tun!“

Und dann ist Schluss – Schluss mit den Therapien, Schluss mit der Gruppe, Schluss mit allem. Nun ja, nicht ganz, da ich noch ein therapeutisches Abschlussgespräch habe, in dem ich meine nächsten Vorhaben preisgegebe. Ich sage, dass das alles natürlich noch dem Praxistest unterzogen werden müsse, ich aber sehr zuversichtlich sei. Auch würde ich mich auf meine Familie freuen.

Und dann ist… immer noch nicht ganz Schluss: Ich muss noch einmal den Onlinefragebogen zum eigenen Befinden ausfüllen. Ich kreuze bei allen Problemen „gar nicht“ an, sicherheitshalber und für den realistischen Durchschnitt bei Zukunftsängsten „ein wenig“ und bei Magenbeschwerden der letzten Tage „stark“, was die Auswerter sicher verwirren wird, wenn niemand sie über mein Unwohlsein vom Ostermontag informiert.

Dann ein letzter Gang durch Jerichow.
Ich nehme Abschied vom Deich und von den vertraut gewordenen Bäumen, die zunehmend ergrünen. Ich höre Hunde und Spatzen, ich sehe Schmetterlinge, Bienen und Hummeln, ich höre die Hausbesitzer den Garten mähen und den Rasen sprengen. Ein kleines Mädchen, das vielleicht zwei Jahre alt ist, läuft auf mich zu und ruft freudig „Papa“, bis die Mutter sie erschrocken berichtigt.

Noch eine letzte Nacht. Dann ist es geschafft.
