
Am Sonnabendnachmittag zieht es sich nach einer langen Reihe von warmen Sonnentagen zu, wird grau, kühl und windig. Da ich bereits die ganze Woche erkältet bin, gleicht sich das Wetter somit meiner inneren Knochenkälte an. Mein Infektmanagement funktioniert wie immer prima – es ist, als ob die Krankheit gar nicht zu 100 Prozent ausbricht und dazu alles wie in Zeitraffer abläuft. Eine Wohltat, wenn ich das mit früher vergleiche! Da ich huste, nehme ich Bromhexin ein. Dieses synthetische Derivat des Wirkstoffs Vasicin, den man in der Pflanze Adhatoda vasica (bekannt als indisches Lungenkraut, Vasaka oder Malabarnuss) findet, kenne ich seit meiner Kindheit.

Wegen der Erkältung lass ich schweren Herzens das Tischtennis ausfallen und reduziere die gewohnten Stadtgänge aufs Nötigste. Sofazeit – und Gelegenheit, in aller Ruhe ein paar Zeitschriften durchzuscrollen. Und siehe da, gleich zu Beginn gute Nachrichten: An der Universitätsmedizinin Frankfurt am Main darf seit Februar bei Menschen, bei denen kein Antibiotikum mehr wirkt, die gute, alte Bakteriophagentherapie angewendet werden! Phagen sind Viren, die gezielt Bakterien angreifen, die Infektionen verursachen. Sie werden aus Pfützen, Böden oder Abwasser isoliert. Für die Behandlung wird daraus ein individuelles Präparat hergestellt, das genau auf den Erreger des Patienten abgestimmt ist. Obwohl sich die Methode seit über einhundert Jahren in osteuropäischen Ländern bewährt hat, ist sie im Westen nur in Ausnahmefällen zugelassen. Stattdessen setzt man bei uns weiterhin auf chemische Antibiotika – und verschärft damit das Problem der Resistenzen. Ein Teufelskreis. Neben vielen Ländern des ehemaligen Ostblocks dürfen Bakteriophagen auch in Belgien flächendeckend eingesetzt werden – mit etwas politischem und regulatorischem Willen wäre das auch hierzulande möglich. Frankfurt ist nach Köln, Berlin, Hannover, Regensburg und Rostock die sechste deutsche Stadt, in der Phagen zumindest eingeschränkt zur Anwendung kommen dürfen und Menschenleben retten können.

In der Zeit lese ich ein zum Weinen schönes Interview mit Wolfgang Kleff. Der ehemalige Torwächter von Gladbach spricht über seine Heimatstadt Schwerte, die wegen der Nickelwerke 1944/45 immer wieder bombardiert wurde. Sein Vater, ein Kriegskrüppel, der zu Fuß aus der Gefangenschaft in Russland zurückkam. Ein strenger Mann. Die Mutter, älteste von acht Geschwistern, der milde, ausgleichende Elternteil. Kinder lebten damals die meiste Zeit draußen; die Jungs kloppten sich aus Apfelsinenkisten Tore zusammen und spielten auf der Straße und den Ascheplätzen Fußball („Die Asche ging so tief rein, die hab ich immer noch drin.“) Während ich das lese, kommen Erinnerungen an meine eigene Kindheit hoch: Wer den von Kleff erwähnten „Gehirnerschütterungsball“ auch nur ein einziges Mal im Regen oder Schneematsch geköpft hat, wird das sein Leben lang nicht vergessen. Auch nicht die aufgerissenen Hosen und blutigen Knie oder das funzelige Zwielicht der fernen Straßenlaternen, die im Herbst und Winter unsere einzige Beleuchtung waren, wenn wir zwischen den Wäschestangen des Parchimer Neubauviertels bolzten … Als Jugendlicher sah ich in der Pütter „Schauburg“ Kleffs Gastauftritt im Otto-Film, wo er als „Friseur Astrid“ in legendären Worten die Nylonstrumpfmasken der Bankräuber rügt: „Das ist doch Gift für die Haare! Haar will atmen.“ Ich kann immer noch darüber lachen. Kleff erzählt, dass er das „Wunder von Bern“ nur hören konnte, weil er zu klein war, um in der rappelvollen Kneipe, in der sich 1954 die Nachbarschaft versammelt hatte, einen Blick auf den Fernseher zu erhaschen. Sein Vorbild war dann aber nicht Toni Turek, sondern der große Lew Jaschin. (Ich glaube, es ist das erste Mal seit Jahren, dass in der Zeit ein Russe positiv erwähnt wird.) Kleff berichtet von den Anfangsjahren der Bundesliga, der WM 1974, die er auf der Bank verbrachte. Auf die Gehälter der heutigen Profis blickt er ohne jeglichen Neid: „Neid macht unzufrieden und zieht einen selbst runter. Ich gönn jedem das, was er hat, solange er mir nichts klaut.“ Ein sympathischer, bescheidener Mensch, der in sich ruht und demütig durchs Leben geht – trotz des Schlaganfalls und der schweren Covid-Erkrankung, die ihn zwei Tage lang hilflos und allein in der Wohnung niederstreckte, bis man die Tür aufbrach. Ich freue mich, dass ich ihn noch habe spielen sehen, wenn auch nur im Westfernsehen – ich sehe ihn immer noch beim Elfmeter mit sanft schlenkernden Armen vornübergebeugt auf der Torlinie stehen.

Da es am Sonntag regnet, bleib ich in der Wohnung. Dort ist es auch schön. Ich vergrößer ein Regal – die neuen CDs mit mittelalterlichen Pilgerliedern und ambrosianischen Gesängen aus dem Mailand des 4. Jahrhunderts fordern ihren Platz. In der arte-Mediathek schaue ich die serbische Mini-Serie „Absolute 100“ von Srdan Golubovic zuende. Von der ersten bis zur letzten Minute fesselnd und in allen Rollen punktgenau besetzt; die Filmmusik so, dass ich mir sofort den Soundtrack kaufen würde. Einmal mehr zeigt sich, dass die guten Erzähler unserer Zeit keine Romane, sondern Drehbücher schreiben. Über kurz oder lang wird es zwei Pole geben: Erstklassige Autoren auf dem Niveau großer Literaten werden uns mit ihren komplexen, sprachlich und inhaltlich brillanten Streaming- und Kinogeschichten fesseln, der Rest wird KI-generierte Massenware sein. Am letzten Wochenende lernte ich beim Müllsammeln einen Netflix-Mitarbeiter kennen – Skriptentwicklung, Storyboards, Drehbücher, Musik, Bild- und Toneffekte, Schnitt, Marktanalysen, Werbekampagnen sowie zunehmend auch Schauspieler, Stimmen und die Synchronisation werden mittlerweile mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt. Er sah das ganz nüchtern und schaut sich nun nach einem neuen Job um.
Früherer Blog-Beitrag zu Phagen, inklusive Ostblockhistorie und Links: https://botaniktrommel.de/ignorierte-phagenforschung/
„Absolute 100“: https://www.arte.tv/de/videos/RC-027517/im-visier/
