Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Der Samstag ist grau, kalt und nieselig, was mich nicht davon abhält, auf mein Fahrrad zu steigen. Die Vormittagsrunde führt über Wust nach Schönhausen. Ich fotografiere in beiden Orten die Kirchen, wobei die Schönhausener deutlich beeindruckender wirkt. Der Turm hat Narben, als wäre er einst vom Blitz gespalten worden. Dohlen bringen zum Nestbau kleine Zweige in die Löcher unter dem Dach.

Eine ältere Frau, die ihr Fahrrad zum benachbarten Gemeindehaus schiebt, spricht mich an. Ob ich die Kirche besichtigen wolle? Eigentlich sei sie über den Winter geschlossen, aber sie hätte heute Nachmittag ohnehin zwei Führungen auf dem Programm. Ich nehme ihr Angebot an. Sie erklärt, dass der Untergrund in Bewegung ist, wodurch sich der Turm in unterschiedliche Richtungen neigt – die „Narben“ kämen von den Reparaturen. Im überraschend barocken Innenraum fragt sie mich, ob ich wegen der Geschichte hier bin. Ich verneine, und sage, dass ich in gewisser Weise auf einer spirituellen Suche sei und momentan gerne in Kirchen gehe.

Und dann fängt sie richtig zu erzählen an: Die evangelische Kirche St. Marien und Willebrord ist, gleich nach der Klosterkirche von Jerichow, eine der ältesten Kirchen der Region. Sie wurde im Jahr 1212 geweiht und ist eng mit der Familie von Bismarck verbunden, die hier lange Zeit lebte. In dem originalen, noch immer erhaltenen Weihwasserbecken empfing Otto von Bismarck 1815 die Taufe.

Noch mehr beeindruckt mich der Jesus am Kreuz, der über uns schwebt. Auch dieser hängt bereits seit 1212 hier. Die Figur wirkt so realistisch, filigran und zeitlos, dass ich kaum glauben kann, dass sie über achthundert Jahre alt ist. Die Führerin bestätigt nochmals das Alter, weiß aber nicht, von wem sie stammt: „Möglicherweise wurde sie von einem Flamen gefertigt. Ursprünglich war die Figur farbig. Bei bestimmtem Lichteinfall sind noch einige der originalen Pigmente zu erkennen. Der Körper war hautfarben, der Schurz blau.“

Sie weist mich auf eine Sanduhr neben der Kanzel hin. So etwas habe ich noch nie gesehen, aber die Dame meint, das fände man häufig in evangelischen Kirchen: „Der alte Fritz hatte ein Gesetz erlassen, wonach Predigten nur noch eine Stunde dauern durften. Sonst gingen diese oft über zwei oder drei Stunden. Wer mehr als eine Stunde predigte, musste zwei Taler Strafe zahlen.“ Die Predigt wurde nach der Laufzeit der vier Stundengläser bemessen – das erste lief eine Viertelstunde, das zweite eine halbe, das dritte drei Viertelstunden und das vierte eine volle Stunde.
Sie könnte mir gewiss noch vieles über die Familie von Bismarck erzählen – über Kriege, in denen die Söhne gefallen sind, über früh verstorbene Kinder, über glückliche Ehen. Doch es ist bitterkalt, und ich bin nur fürs Radfahren gekleidet. Nach einer halben Stunde bedanke ich mich mit einer Spende für die Führung und trete dann kräftig in die Pedale, um mich aufzuwärmen.

Nach einem frühen Mittagessen starte ich, nun etwas dicker angezogen, meine zweite Radtour. Mein Ziel ist Tangermünde. Ich fahre zunächst nach Ferchau, wo ich mit der Fähre ans jenseitige Elbufer übersetze. Dort treffe ich auf keinen einzigen Menschen, dafür läuft mir ein Hase über den Weg. Zwei Kraniche erschrecken mich aufgrund ihrer Größe. (Später bestätigt Wikipedia, dass die Vögel bis zu 130 Zentimeter groß werden.) In Tangermünde sind beim Bäcker meines Vertrauens sämtliche Tische besetzt. Da zudem der Kaffeeautomat defekt ist, muss es eine Kugel Eis in der Waffel richten. 15 Uhr, gerade als der Regen stärker wird, bin ich zurück in der Anstalt. Etwa 76 Kilometer habe ich insgesamt zurückgelegt.

Da ich reichlich gegessen habe, jogge ich am Abend noch eine Runde durchs Viertel um das Klingelände. Auf den Fernsehern, die ich durch die Fenster der Einfamilienhäuser sehe, laufen Fußball, Nachrichten oder Werbung. Im Licht der Laternen zieht der Regen lange Fäden – ein Vorhang aus Wasser. Sanft tropft er auf die Kapuze meiner Winterjacke, die ich ob des deutlich kühleren Wetters wieder hervorgeholt habe. Ich merke, dass ich melancholisch werde.
Ich kaufe im Edeka ein frisches Brot. Obwohl es nur aus dem Backshop kommt, steckt darin ein Vielfaches der Aromen des gratis gereichten, abgepackten Industriebrots, das die meisten meiner Mitpatienten nur getoastet oder mit scharfen Soßen überkippt ertragen. Zurück in der Klinik, wo es nur stumpfe Messer gibt, breche ich es wie Jesus. Und siehe da: Es mundet allen! Trotzdem wird außer mir wahrscheinlich niemand jemals Brot kaufen – jedenfalls hat es noch nie jemand getan, seit ich hier bin.
