Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Und siehe da: Sie laufen doch! Am Montag begleitete mich unser weiblicher Neuzugang auf meiner Joggingrunde und am Dienstag die jüngste Mitpatientin. Am Donnerstag könnten es bis zu drei Teilnehmerinnen werden – schauen wir mal.

Am Dienstag stand das letzte Bogenschießen auf dem Programm. Zum ersten, und leider einzigen Mal, gehen wir nicht in die Halle, sondern auf den Sportplatz, wo statt der bisherigen zehn bis zwölf Meter Distanz fünfundzwanzig und mehr möglich sind. Obwohl wir relativ kräftige Bögen haben, kann man bereits den Parabelflug erkennen. Allerdings sind wir auch keine mitteralterlichen englischen Longbowman, die nach jahrelangem Training die Pfeile mit solcher Kraft verschießen konnten, dass sie mühelos die Rüstungen der französischer Ritter durchbohrten. Mit unseren Langbögen und den Köchern sehen wir trotzdem recht martialisch aus.
Zum Abschluss der Stunde geht es weniger um Übungen, sondern um die Freude am Spannen, Zielen und Schießen – dass wir jede Runde mit einer Reflexion beenden müssen, trübt den Spaß nicht. Zum großen Finale darf jeder statt der gewohnten sechs Pfeile elf abschießen, wobei der letzte der selbst gefertigte ist. Meiner legt eine riesige Distanz zurück, bevor er einschlägt. Beim Herausziehen zerbricht er, die Spitze bleibt in der Scheibe stecken. Beim letzen Schießen geht der allerletzte Pfeil kaputt – wenn das kein Omen ist! (Eine kleine böse Stimme flüstert ins Ohr: „Sie denken, das ist ein Omen? Was macht das mit Ihnen? Sprechen Sie darüber mal mit Ihrem Therapeuten…“)

In der Gruppentherapie geht es wieder einmal um die „Päckchen“, die jeder zu tragen hat. Je mehr man davon bereits in der Kindheit auf sich laden musste, desto eher bringen einen die zusätzlichen Belastungen des Lebens an seine Grenzen – bis schließlich alles zu viel wird und sich in einer Depression manifestiert, so wird es uns erklärt. Es gibt dafür auch einen Fachausdruck, der mir aber nicht wichtig genug ist, um ihn mir einzuprägen. Da es wirklich sehr oft wiederholt wurde, habe ich mir jedoch Therapieregel Nr. 1 gemerkt: Die Eltern sind schuld. Was mein Mecklenburger Mitpatient später nur mit: „Es ist mir zu leicht, alles auf die Eltern zu schieben.“ kommentiert. Wenn es meinen Landsmann nicht gäbe, müsste ich ihn als Alter Ego erfinden, um einen Sparringspartner für meine Beobachtungen zu haben.
Die anderen sprechen darüber, was man seiner Mutter und seinem Vater alles nicht zumuten dürfe – etwa die vielen angestauten Vorwürfe. Denn bei Kritik würden die Eltern bedauern, was sie getan oder unterlassen haben, wodurch sich wiederum die Kinder schuldig fühlen würden. Ein Teufelskreis aus Vorwürfen, Schuldgefühlen und Leid … Ich sage in die Runde: „Vielleicht müssen beide Seiten lernen loszulassen? Eltern ihre Kinder und Kinder ihre Eltern?“ Daraufhin merkt der Therapeut an, dass meine Einschätzung vielleicht daher komme, dass ich Vater bin, und ich mich dadurch immer wieder fragen würde, ob ich Dinge hätte besser machen können. Und da fällt mir auf, dass von den zwanzig Mitpatienten, die ich bislang hier erlebt habe, außer mir nur ein einziger Kinder hat.

Kommende Woche wird uns eine Patientin verlassen, die ihre ursprünglich vorgesehenen zwölf Wochen bereits auf vierzehn verlängert hat. Mehr ist nicht erlaubt, die Rückkehr dagegen schon – bereits nach einem halben Jahr darf man wieder hier auftauchen. Sie ist verzweifelt, weiß nicht, was sie draußen machen soll, hat keinen Plan, kein Ziel und offenbar nichts, das sie auffangen könnte. Was muss das für ein Leben sein, wenn eine psychiatrische Klinik die einzige Konstante und Freude im Leben ist. Wie soll so ein Mensch die fünfundvierzig Jahre bis zur Rente bewältigen?

Dann ist es Mittwoch. Das bedeutet, dass ich wieder auf die beiden Therapeutinnen treffe, mit denen ich mich nicht verstehe. Ich meine das rein sprachlich – es ist so, als würden sie Holländisch und ich Deutsch sprechen: Wir benutzen ähnliche Wörter, begreifen aber nicht, was der andere uns mitteilen möchte.
In der Körpertherapie sollen wir uns mit geschlossenen Augen hinstellen und den Worten der Therapeutin folgend, in unsere Körperteile hineinhorchen. „Widmen Sie Ihre Aufmerksamkeit den Füßen. Wie liegen Ihre Füße auf dem Boden? Mit der ganzen Fläche? Oder nur mit Ballen oder Fersen? Stehen Sie fest oder wippen Sie?Belasten Sie beide Füße gleichmäßig oder liegt auf einem Fuß mehr Gewicht?“ So gehen wir von den Zehen bis zur Schädeldecke Stück für Stück durch unseren Körper, was etwas Hypnotisches und Meditatives hat. Mein Kopf ist leer. Ich lausche der Stimme und erfahre meinen Körper. Gelegentlich dringt aus dem Nebenraum das Klappern von Tischtennisbällen an mein Ohr, aber es reißt mich nicht aus der Trance.
Wir dürfen die Augen öffnen und die Übung reflektieren. Ich stehe der gestrengen Oberlehrerin Rede und Antwort: „Ich hatte einen sicheren Stand, konnte auch Stück für Stück die Körperteile spüren. Mir ist aufgefallen, dass die linke Hand anders zum Körper stand als die rechte. Und zum Ende habe ich gemerkt, dass mir die Füße weh tun.“ – „Und was haben Sie gefühlt dabei?“ – „Schmerzen in den Beinen“, sage ich. – „Das sind keine Gefühle! Was sind Gefühle?“ Wieder diese Leier. „Wut? Ärger?“ – „Ja, was noch? – „Freude?“ – „Ja, was noch?“ Ich versuche es mit „Liebe“, was dann falsch ist, „Verlangen“ geht hingegen durch.
Was also habe ich gefühlt? „Nichts. Ich war angenehm leer und habe der Stimme gelauscht.“ Falsch! „Herr Schott, es ging um Körper, Geist und Seele. Den Körper haben Sie gespürt. Der Geist, also der Verstand, hat die Schmerzen erfasst. Aber was haben Sie gefühlt?“ – „Nichts.“ Bevor unser Gespräch endgültig in die Frage abdriftet, ob ich eine Seele habe, oder ich überhaupt zu fühlen in der Lage sei (was ich, inzwischen etwas verunsichert, von mir behaupte würde), gesteht sie mir enttäuscht zu, dass es auch möglich sei, bei der Übung nichts zu fühlen. Der Mecklenburger will mir eigentlich beipflichten, doch bevor er ebenfalls als seelenlos enttarnt wird, beschreibt er ein „Ziehen an der Schädeldecke“, was dann als Gefühl durchgeht. Wofür es stehen soll, habe ich vergessen.
Wie schon in der vergangenen Woche betont die Therapeutin, dass es bei diesen Übungen kein „Richtig“ und kein „Falsch“ gäbe und sie auch nichts persönlich bewerten würde, da es ja nicht um sie ginge. (Hä? Warum dann unser Disput?)
Abschließend soll jeder mit einem Wort sagen, wie er sich gerade fühle. Trotz „nicht stattfindender Bewertung“ belohnt sie Begriffe wie „traurig“ mit einem euphorischen „Yes!“ Ich merke, wie sie innerlich die Erfolgsfaust ballt.
Mein „verunsichert“ bleibt unkommentiert.

Anschließend ist Musiktherapie. Wir sollen wie gewohnt im Liegen klassischer Musik lauschen. Kaum höre ich die ersten Töne, bekomme ich einen Lachkrampf. Der ganze Körper bebt, Tränen kullern aus den Augen. Verzweifelt bemühe ich mich, kein Geräusch zu machen, um die anderen nicht zu stören. Die Therapeutin hat doch tatsächlich noch einmal Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ aufgelegt – sie und ich sind wegen der Musik vor einer Weile schwer aneinander geraten. In der Reflektionsrunde frage ich sie, ob ich die Wahrheit sagen dürfe. Sie nickt. Ich berichte, dass ich vom ersten Ton an ins Lachen verfallen sei und damit dann auch nicht mehr aufhören konnte: „Denn entweder haben Sie Humor, weil Sie das Stück trotz meines Meckerns nochmals abgespielt haben, oder Sie sind kleinlich.“ Sie guckt pikiert. Und ich bekomme, selbst, nachdem wir das Gebäude verlassen haben, noch Lachanfälle.
Später sage ich zu meinen Mitpatienten: „Wenn ich gehe, machen die Therapeuten drei Kreuze. Vielleicht verbrennen sie sogar eine Voodoopuppe mit meinem Namen.“
Doch ich will kein falsches Bild erzeugen – es gibt hier viele Therapeuten, denen man die Freude an der Arbeit ansieht, die Humor haben, mit denen man gut scherzen kann und die offen sind. Nur die beiden Damen vom Mittwochvormittag eben nicht.

Und damit geht meine achte Woche zuende.
