Christoph Sanders, Thalheim
Dienstag, 24. Februar 2026:

Mein Zimmer muss bis 8 Uhr geräumt sein. Ich verteile gerade die Reisetaschen, Kissen und mein Laptop auf einem Gepäckwagen, als ich um 8:02 Uhr einen Erinnerungsanruf bekomme.
Die Putzkolonne trägt blaue T-Shirts, auf denen Reinigungsservice Lahntalklinik steht. Ich glaube, die Damen, die ich noch nie zuvor gesehen habe, sprechen untereinander bulgarisch und sind eine Verstärkung für die reguläre Truppe.
Um 8:30 Uhr erscheint mein Sohn – ich habe gerade noch Zeit, mich von einem meiner Mitpatienten zu verabschieden, für den heute die Therapie ausfällt, da nach wie vor mehrere Physios erkrankt sind. Ich zwänge mich mit dem Wagen in den gut besetzten Aufzug.

Zu Hause nimmt meine Nase begierig Kontakt mit alten Bekannten auf: Sellerie in Senf, Schweinekotelett und Bandnudeln. Abschied vom Duft der Klinik, der alles durchzog, wie mir jetzt eindrucksvoll bewusst wird. Ich bin zurück in einem Alltag ohne Tagespläne und Durchsagen.
Die Teenies kommen!
Ich werde mich im Haus nicht mehr auf Krücken bewegen.

Üblicher Schlaf im alten Rhythmus. Sehr erholsam. Vermutlich ist es die Ruhe hier. Die Stille. Das Bett sowieso. Alle Mitpatienten klagten über Schlafunterbrechungen. Drei Wochen reichen nicht aus, bis der alte, kranke Mensch in der anderen Umgebung ankommt. Ich suche die Stiefel, muss an die Luft. Das Gewebe aktivieren. Trainingsrunde um die Felder. Die neuen Farben gefallen mir, alles ist abgetönt und gedämpft. Der Winter geht, es beginnt nach Grün zu riechen.

Die Älteste in Spandau ist durch ihren Chirurgen-Freund über meine OP bestens informiert – das sei schon ein tiefer Eingriff ins Gewebe, eine arge Tranchierarbeit, nichts Filigranes, ein langer Heilprozess.
Der Körper macht mir noch zu viele Ausgleichsbewegungen, fällt immer wieder in eine Vermeidungshaltung. Ich spüre deutlich, dass in der Tiefe Muskeln fehlen. Das Unfallbein brennt jetzt, nach fast drei Monaten, wie bei einem Dauermuskelkater. Das Hämatom ist weiterhin präsent – deshalb viel Bewegung. Es baut sich nur durch Zirkulation ab. Und durch Zeit. Mit den Langlaufstöcken aus dem Keller werde ich den geraden Gang üben.

In meinem Radblog bin ich wie in einem Traumland unterwegs. Die Überarbeitung ruft Details wach, die ich damals beim Schreiben vergessen hatte; erst heute, in meinem fast somnambulen Zustand, steigen sie wieder auf – eine kleine Rundfahrt kann ich problemlos rekonstruieren. Ich habe nun 2020 erreicht. Das Coronajahr beginnt.

Am Donnerstagmorgen ein gutes Interview auf WDR 5 mit dem Elitenforscher Michael Hartmann zu den Epstein-Files. Ansonsten die üblichen Werbeblöcke der Parteienvertreter.
Mein Teenie erregt sich darüber, dass in filmischen Adaptionen von „Wuthering Heights“ die Figur des Heathcliff fast ausschließlich von weißen Darstellern gespielt wird, obwohl er im Buch explizit als „dunkelhäutiger Zigeuner“ beschrieben ist. Um zu verdeutlichen, wie gut dessen Erscheinung und Herkunft in den sozialen Kontext passen würden, nennt sie Bayram oder Firat aus ihrer Schule als Beispiel. Die Rassenschranke sei schließlich der entscheidende Grund für Catherines Ablehnung. Solche Gespräche führst du um 7:20 Uhr vermutlich nur mit Minderjährigen. Alle anderen fahren wie ferngesteuert den Drive-in-Bäcker an und lassen sich von den Dritt- und Viertsendern für einen schönen Arbeitstag einlullen.

Matter Tagesbeginn. Am Vormittag bricht plötzlich die Sonne durch. Am Nachmittag hält ein großer Schwarm Kraniche über dem Haus wirbelnd eine Art Konferenz, dann löst sich eine Gruppe und zieht ab. Die übrigen kreisen noch eine Weile, bevor sie folgen. Frühling.

In der neuen Ausgabe der Zeitschrift der Konrad-Adenauer-Stiftung ist man nicht realitätsblind: Seit 2022 stiegen in Deutschland die Lebensmittelpreise um 29,8%. Wir liegen damit ziemlich genau im Mittelfeld Europas; den Osten hat es dabei ab härtesten getroffen, vor allem Ungarn mit über 50%.
Vor diesem Hintergrund verhallen alle politischen Sonntagsreden und gut gemeinten Ratschläge im großen Loch der Alltagsrealität, wo viele Menschen aus ökonomischen Gründen vor allem zu billigem, minderwertigem Essen greifen. Dennoch ist jeder Versuch, den Betroffenen zu helfen, wichtig. Die Quote an adipösen Frauen und Männern in der Lahntalklinik war beträchtlich. Viele stecken in einer Spirale der Selbstvernichtung fest – aus eigener Kraft schaffen sie es kaum, daraus zu entkommen. Eine Mitpatientin erzählte mir, dass die Sucht nach Essen stärker sei als jede andere: Sie hatte 40 Kilogramm abgenommen, was ein harter Kampf war. Ich glaubte ihr das sofort. Umso bedeutsamer ist jeder kleine Erfolg: Wenn du nach einer Operation überhaupt das Pedal des Ergometers in Bewegung setzen kannst, ist das ein wichtiger erster Schritt.
Ich glaube, ich hatte während der Reha einen guten westdeutschen Sample meiner Generation. Ich hörte viel Biographisches (die Leute erzählen dann doch gern), wodurch ich mir ein brauchbares Bild machen konnte. Aus unserer kleinen Aktivgruppe, die sich dort gefunden hatte, driftete ich ernährungstechnisch als „Übertreiber“ etwas ab – und man vermutete sogar, dass ich kein Handy besitze.

Beim Feldgang spreche ich mit den Internetkabel-Verlegern. Ich verstehe sie so, dass mit der Flachbohrung Einheiten von über 100 Metern verlegt werden. Zuerst kommt das Bohrgestänge, das mit Wasserdruck nach vorn arbeitet; im blauen LKW befindet sich dafür ein 10.000-Liter-Tank. Ein Kollege misst mit einer Spezialsonde den Verlauf des Bohrkanals und markiert mit rosa Punkten den Boden. Danach wird in den Kanal Betonit eingespült, eine Mischung aus Vulkkanasche und Zement, die in Säcken bereitliegt. Nun zieht man die von einer Endlosrolle kommenden Kabelstücke einzeln ein, passt ihr Maß dem Verlauf an. Zum Schluss fügt man die Enden zusammen und verschweißt sie mit einer Spezialtechnik wasserdicht.

Ich bin heute erstmals wieder Chauffeur und sehe neben den großen Lagerhallen winzige Verwaltungsgehäuse an mir vorüberziehen. Salate und Pfannkuchen, Wäsche aufhängen, drei CDs mit Schubert-Liedern bestellen, eingespielt von den Besten ihrer Zunft zur großen Zeit der Vokalkunst – der Klinikrhythmus ist definitiv durchbrochen. Eigenartig, in den bekannten Alltag zurückzufallen. Ich genieße die Lebensqualität im Kleinen, das Heimische. Auch die neu etablierte Hausrunde mit Skistöcken hat keine negativen Folgen.
