Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Mit dem Freitag beginnen die letzten frostigen Tage. Die Sonne scheint. Der Schnee funkelt. Der Atem dampft. Die Hände stecken in Handschuhen, die in den Jackentaschen vergraben sind. Eine tief heruntergezogene Mütze dämpft die Geräusche.

Am Nachmittag gibt es in der Caféteria Stollen. (Musste wohl weg oder war im Sonderangebot – oder beides.) Antizyklisches Feiern gefällt mir: Christstollen statt Pfannkuchen zur Fastnacht.
Die meisten Mitpatienten lungern auf den Sofas und Sesseln herum. Einige sind eingeschlafen. Ich laufe drei Runden ums Klinikgelände.
Ohne das GPS vom Handy funktioniert mein Fitnesstracker wie die berüchtigten fünf Minuten des gekochten Eies in Loriots berühmten Sketch. Da ich ein versierter Schrittzähler bin, weiß ich trotzdem, dass es 5,2 Kilometer (plusminus 100 Meter) sind.

Die Gruppenwanderung fällt aus. Alles jubelt. Ich wandere dennoch. Der gleichaltrige Neue schließt sich mir an. Wir gehen so zügig wie bei der obligatorischen Runde, sind aber schneller, da wir nicht quer durch das Gelände schreiten, sondern befestigte Wege nutzen. Die Windräder dröhnen heute besonders laut: ein permanentes Summen und Brummen begleitet uns. In der Ferne gackern Wildgänse.

Am Abend noch ein Spaziergang, diesmal ist der jüngere Neuzugang mein Gefährte. Er sagt, dass das gesamte Klinikleben ein Konstrukt sei: künstlich, befristet, fern vom wirklichen Leben, einschließlich unserer leicht distanzierten Art miteinander umzugehen, die uns vor Schmerz und Enttäuschungen schützen soll. Das erinnert mich an meine eigenen Gedanken vor ein paar Wochen, als ich meinte, dass das hier nicht die Realität widerspiegele. Er fügt hinzu, dass wir uns alle unter normalen Umständen nie begegnet wären, weshalb er nichts davon halte, anschließend in Kontakt zu bleiben. Ich gebe ihm recht, denn auch ich erwarte keine Freundschaften fürs Leben, und bin wie er sehr skeptisch, was die Haltbarkeit von Empfindungen über diese begrenzte Zeit und den sicheren Ort hinaus angeht.
Er vergleicht das mit Gefühlen unter Arbeitskollegen, die für ihn ebenso nur infolge einer Zwangsgemeinschaft zustandegekommen sind. Hier widerspreche ich: Auf der Arbeit ist man maximal acht Stunden aneinander gebunden, alle gemeinsamen Aktivitäten darüber hinaus, sei es Kaffee trinken oder Ausgehen, sind ja freiwillig – während der Klinik ist das jedoch nur bedingt der Fall.
Er kam auf das Thema, weil sich während der Therapie ein Pärchen gefunden hat, das in wenigen Tagen die Klinik verlässt, um wieder ins jeweilige Leben zurückzukehren. Er ist sich sicher, dass das Konstrukt nicht lange halten wird. Nun, wie das ausgeht, werden er und ich nie erfahren, da wir die beiden ja aus den Augen verlieren.

Am Samstagvormittag gehe ich joggen. Es ist mild, um die vier Grad. Alles ist mit großen Pfützen übersät. Zum geschmolzenen Schnee haben sich mehrere Stunden nächtlichen Regens gesellt. Meine Strecke ist zum überwiegenden Teil gepflastert oder asphaltiert, weshalb mich das nicht stört. Der Wind kommt, verglichen mit dem Vortag, aus der entgegengesetzten Richtung, was ich an der Ausrichtung der Windräder sehe, die weiterhin laut jaulen, wimmern und dröhnen. Dazu hallen Schüsse über das Land. Ich passiere einen Schießplatz, vor dem etwa zehn Autos stehen, in denen zuvor Männer und auch einige Frauen mit Waffen saßen, die sich nun auf dem Platz miteinander messen. Ich wollte eigentlich gar nicht so lange unterwegs sein, aber nach einer falschen Abbiegung wird es dann doch wie in der Vorwoche die 12,5-Kilometer-Runde.

Am Nachmittag kommt mein angekündigter Überraschungsbesuch –die Leipziger Nachbarn. So ein geplanter „Überraschungs“besuch ist das perfekte Vorgehen, wenn man den Therapeuten nicht um Erlaubnis bitten und den „Wächtern“ (wie ich die Pfleger manchmal halb im Ernst nenne) nicht bescheid sagen möchte. Die gängige Redewendung unter uns Patienten lautet: „Wer nicht fragt, kriegt auch keine ablehnenden Antworten.“

Kurz nach 13 Uhr treffen wir uns auf dem Parkplatz des Klosters. Die Nachbarn haben meine Frau und meinen Sohn mitgebracht. Wo wir schon mal da sind, besichtigen wir die Anlage. Der im zwölften Jahrhundert errichtete und später zweimal erweiterte Bau ist beeindruckend – schlichte norddeutsche Backsteingotik, die allein durch die schiere Größe Ehrfurcht erweckt. Obwohl draußen fast zehn Grad herrschen, bilden sich beim Ausatmen im Gemäuer Dampfwolken. Den Klostergarten lassen wir aus – zum einen wächst da momentan noch nicht viel, zum anderen würden wir dort mit den Schuhen zentimetertief im schlammigen Boden versinken.

Da meine Besucher die Elbe sehen möchten, geht es anschließend nach Tangermünde. Aufgrund der unpassierbaren Strecke, die ich gut von meinen Wanderungen kenne und von der ich abrate, fahren wir nicht auf kürzestem Weg dorthin, sondern über befestigte Straßen.
Zunächst kehren bei meinem Lieblingsbäcker ein – alle sind begeistert. Danach schlendern wir durch die Altstadt mit Rathaus, Dom, Stadttor und Stadtmauer. Für mich ist es bereits das fünfte Wochenende in Folge, an dem ich hier bin, aber die Nachbarn haben noch den frischen, begeisterten Entdeckerblick: „Wie Lübeck, einfach zauberhaft!“ Am Hafen sehen sie dann auch die Elbe, und bekommen gleichzeitig einen Eindruck vom kräftigen Wind, der hier ständig weht. „Und dabei wanderst du? Respekt.“
Dann wird es langsam Zeit für den Abschied – die Rückfahrt nach Leipzig dauert ungefähr zweieinhalb Stunden. Ich werde vor dem Klinikgelände abgesetzt und bekomme von meiner Familie und den Nachbarn einen Sechs-Wochen-Vorrat Schokolade überreicht. Wie gut, dass man hier so viel wandern und Sport treiben kann.
