Christoph Sanders, Lahntalklinik Bad Ems
Am Samstag um 6 Uhr die erste Amsel. Der Winter ist vorbei. Beim Frühstück gelte ich mit Müsli und Ingwer (man hustet) als „extrem“ – genauso wie mit meinem Fitness-Drang. Dabei gibt es hier neben den Therapien kaum etwas zu tun, außer sich zu bewegen oder Wäsche zu waschen. Also wieder Ergometer-Monologe. Heute ist Herrentag: Nach dem Mittag sind die vier Radkumpels und der Sohn zu Besuch; wir gehen in die Sky-Hütte unten an der Kurpromenade.

Sehr ruhiger und sonniger Sonntagmorgen mit angenehm leichten Wolken. Nach der Ergometersession Waldspaziergang. Der Tritt wird sicherer, auch wenn die Neumuskeln schmerzen. Spechte feuern ihre MP-Salven in die hohen Kiefern. Nabokovs Turgenjew-Analyse beendet. Nach einer kurzen Lebensübersicht untersucht er „Väter und Söhne“, das er inhaltlich stark findet, da es die Konfliktlinie zwischen den Generationen unmittelbar vor der Abschaffung der Leibeigenschaft sichtbar macht. Der jugendliche Held, der Arzt werden will, wird von den Älteren als Nihilist bezeichnet, weil er alle Autoritäten infrage stellt und einzig an die Wissenschaften glaubt. Nabokov seziert die Mechanik der Figuren, beschreibt, wie sie eingeführt und abgeführt werden, legt offen, welche Erzähltechniken der Autor anwendet, um Schauplätze zu wechseln oder im Verlauf der Handlung die sittlich richtigen Paarungen entstehen zu lassen. Dabei zitiert er starke wie schwache Passagen, wobei man sowohl seine Freude über besonders gelungene als auch die Enttäuschung über allzu unglaubwürdig konstruierte spürt. Gerade das epilogische Ende findet er schwach, weil es den Lesern keine eigene Auflösung oder Fortsetzung gestattet. „Aufzeichnungen eines Jägers“ hält Nabokov für das Werk Turgenjews mit den größeren Stärken.

Nach dem Mittagessen streamen Schalke-Fans (mit Schal) in der kleinen Caféteria auf dem Laptop die Zweitliga-Partie S04 gegen Holstein Kiel. Holpriger Winterrasen wie in alter Zeit. Es gelingt keiner der Mannschaften, ein Kombinationsspiel aufzuziehen – was meine These stützt, dass ein billardtischgleicher Rasen eine der Voraussetzungen für den Zauberfußball unserer Zeit ist. Zum ersten Mal meistere ich alle sieben Etagen auf Stelzen. Blogarbeit (zäh!) und Lektüre. Ich stelle Ähnlichkeiten der Zirkel um Jeffrey Epstein mit dem Roman „Super-Cannes“ von J.G. Ballard fest, den ich 2001 übersetzte. Mit der Dunkelheit setzt der akgekündigte Schneefall ein – das wird die Geräusche vom Vorplatz dämpfen, allerdings auch die Möglichkeit, sich draußen auf Krücken zu bewegen.

Rosenmontag, daher keinerlei therapeutische Verpflichtungen. Also nur Einzeltraining und Blogrevision (auch heute wieder undankbar). Der über Nacht gefallene Schnee taut. Schöne Wolkenbildungen. In den Bäumen treffen sich Waldtauben. Der Hügel gegenüber ist der Malberg. Einst führte eine Seilbahn hinauf, nun verwaist oben die Fachwerkvilla. Mitpatienten waren vom Leerstand auf der Bad Emser Promenade erschrocken. Was ich seit Jahren beschreibe, bekommt der anständige, fleißige Deutsche gar nicht mit. Er wird auch nicht wissen, dass es seine (kumulierten) Online-Käufe waren, die dazu beitrugen, und staunt dann über das Stadtbild. Es ist eine neue Zeit.

Am Nachmittag ist die Teenie-Tochter mit einer neuen Ausgabe ihres Marmorkuchens da. Die Arbeitsteilung mit ihrem Bruder funktioniert archaisch – er macht sich allenfalls Nudeln und hängt rum. Immerhin chauffiert er seine Schwester zum Zug und holt sie ab. Ich habe wie eigentlich jeden Tag Muskelkater. Morgen geht es zur Blutabnahme und zum Arzt – es wird hoffentlich mein Abschiedsgespräch. Gegen 21 Uhr allmählich bettwärts. Mal sehen, was Nabokov noch alles zu Dostojewski zu sagen hat. Er hält ihn streckenweise für sentimental.
