Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Mein 16. Tag in der Klinik.

Was wohl die Putzfrau, die in unserem Haus sauber macht, denkt, wenn sie äußerlich kerngesunde, in Vollpension versorgte Menschen in den Gemeinschaftsräumen und auf den Fluren herumlungern sieht? Patienten, die ihre Gläser und das Geschirr stehenlassen, bis sich ein leichter Flaum absetzt, obwohl die Pfleger morgens in der Tagesbesprechung immer wieder zu Ordnung und Sauberkeit mahnen? Wundert sie sich, dass diese Menschen, von denen augenscheinlich niemand bettlägerig, mit Krücken unterwegs oder an einen Rollstuhl gefesselt ist, so viel Zeit für alles Mögliche haben und dennoch so nachlässig sind?
Fragt sie sich, warum nicht auch sie eine Auszeit bekommt, so wie wir, deren Leid sich ausschließlich im Kopf abspielt? Oder fürchtet sie, wenn sie an eine längere Krankschreibung denkt, ihre Arbeit zu verlieren; keine neue zu finden, weil die Klinik mit Abstand der wichtigste Arbeitgeber der Gegend ist? Hat sie mal ausgerechnet, ob sie sich die zwölf Wochen Krankschreibung, was die übliche Therapiezeit ist, finanziell überhaupt leisten könnte, wenn es nach der sechsten Woche nur noch Krankengeld gibt …
Ich habe das Geschirr jetzt einfach mal abgeräumt und in die Spülmaschine gestellt. Meine Mitpatienten finden das gut und danken mir. Mein Körper ist mein Tempel, mein Zimmer ist mein Tempel, meine Gemeinschaftsräume sind mein Tempel – so wie ich mich um sie kümmere, so kümmere ich mich um mein Leben. Natürlich haben wir alle hier große und kleinere Probleme – doch beginnt die Ordnung im Geiste nicht mit der Ordnung im Äußeren?

Auch in anderer Hinsicht sind mir meine Mitpatienten manchmal ein Rätsel. Dafür, dass hier so viele Veganer sind, schnippeln sie erschreckend wenig Gemüse – dabei stehen im Kühlschrank sogar Salat, Gurke und Paprika zur freien Verfügung. Stattdessen greifen sie zu stark industriell verarbeiteten Produkten, die Käse- und Wurstscheiben nachahmen und die sie sich im Supermarkt besorgen. Dazu werden diverse Nahrungsergänzungsmittel ins Essen gerührt oder gleich direkt geschluckt. Ich, mit meinem frischen Salat, fühle mich wieder einmal wie ein Außenseiter.

Freitags ist Ergotherapie. Man wird entweder der Töpfer- oder der Holzgruppe zugeteilt. Ich bin beim Töpfern, was mir unerwartet viel Freude bereitet. Und das, obwohl ich die Therapeutin in der ersten Stunde gleich entsetzte, indem ich den Ton bearbeitete wie Knete: „Um Gottes Willen, das ist keine Knete! Ton können Sie nicht falten, Sie dürfen ihn nur formen. Sonst kommt Luft rein, die beim Brennen zu Blasen führt, die den Ton platzen lassen oder brüchig machen.“ Was tun? „Schmeißen Sie den Ton mit Schwung auf den Boden. Richtig kraftvoll, so dass die Luft raus gepresst wird.“ Ich lerne: Ton schmeichelt nicht nur den Händen, damit kann man auch prima Aggressionen abbauen.
Bevor ich anfange, gezielt zu formen, habe ich den Ton einfach in der Hand. Ich streiche darüber und lasse mich überraschen, wohin er mich treibt. Mein erstes Werk war ein Stövchen – jetzt habe ich Lust, eine Figur für den Garten zu fertigen. Beim Befühlen meines Rohlings wird mir klar, was daraus werden soll: Eine Variante von Munchs „Der Schrei“. Kopf und Hände. Ich fange an zu arbeiten und werde in der uns zu Verfügung stehenden Zeit fertig. Jetzt muss die Figur trocknen, nächste Woche kann ich sie einfärben, anschließend wird sie gebrannt. Die fertigen Keramiken können wir dann erwerben – der Preis wird nach Gewicht berechnet: 100 Gramm ein Euro oder so ähnlich. „Mein Schrei“ wird einen schönen Platz zu Hause in unserem Garten bekommen. Es ist nicht nur die Arbeit mit Ton – ich spüre insgesamt, wie sehr mich diese Auszeit erdet.

Wie bereits vor einer Woche soll es am Samstagnachmittag nach Tangermünde gehen. Wieder werden wir einen Teil der Strecke zu Fuß zurücklegen, diesmal den Hinweg. Und nun sind wir schon zu dritt: die drei ältesten Männer wollen es anpacken. Falls wir es überhaupt bis dahin schaffen – wo man im Ort beim Versuch, den Schnee zu zähmen, aus Bequemlichkeit lediglich schnell ein paar Handvoll Streusalz oder Sand hingeworfen hat, sind nun ganze Gehwege gefährlich vereist. Nur dort, wo fleißig geschoben und gefegt wurde, ist alles frei.
