Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow

Samstag, Tag 11 im Exil im Nordosten Sachsen-Anhalts. Bevor es nach dem Mittag nach Tangermünde geht, mache ich am Vormittag noch einen Lauf. Es ist die gleiche 12-Kilometer-Runde wie eine Woche zuvor. Da ich den Weg kenne, muss nicht mehr die App kontaktieren. Der Horizont verschwimmt im Grau des Himmels. Die Furchen, welche die schweren Reifen der Traktoren in den Boden gerissen haben, sind zu schwarzer Erdlava erstarrt. Die Weiden hatten Friseurbesuch – ihre geschorenen Zweige wurden fein säuberlich aufgeschichtet. Die Rümpfe der Bäume sehen aus wie Grabmale, die am Wegesrand an vergangenes Leben erinnern.

Nach dem Joggen liefern mir Fischragout und Kartoffeln die nötigen Kalorien. Dabei fällt mir auf, dass ich hier, wo mich nichts ablenkt, langsamer und bewusster esse als zu Hause. Es fühlt sich gut an. Dank DDR-Schulspeisung, NVA-Verpflegung und Unimensa bin ich nicht sonderlich wählerisch und finde immer etwas, das ich mag. Mein Vorteil: Im Gegensatz zu den Veganern kann ich mittags aus drei Gerichten wählen – für sie gibt es heute einen Sauerkraut-Kartoffel-Topf, der wie ein Eintopf ohne Flüssigkeit anmutet – oder wie es der Schwarzseher der Gruppe beschreibt: „Sieht aus wie überfahren, aber man kann trotzdem nicht aufhören hinzugucken.“

Nachdem uns die Jugend viel Spaß gewünscht hatte, fahre ich, der Älteste der Gruppe, mit dem Zweitältesten um Viertel nach eins mit dem Bus von der Klinik bis zum Neustädter Tor in Tangermünde. Mein Mitstreiter kennt die Stadt noch nicht und ist überrascht, wie gemütlich und vor allem belebt das mittelalterliche Zentrum ist. Zwar sind die meisten Geschäfte bereits geschlossen, aber Restaurants und Cafés laden zur Einkehr ein. Mein Begleiter ist etwas nervös, da wir den Weg zurück nach Jerichow zu Fuß zurücklegen wollen und in unserer Einrichtung sehr großen Wert auf pünktliche Anwesenheit zu den Mahlzeiten gelegt wird. Und Abendessen ist Punkt 18 Uhr. Es war Dreiviertel zwei, als wir ausstiegen, doch mehr als drei Stunden würden wir auf gar keinen Fall benötigen, beruhige ich ihn. So bleibt uns noch genügend Zeit für einen Kaffee und einen Espresso in der einladenden Backstube mit angeschlossenem Café. Das Angebot an Gebäck und Kuchen ist dort ausgesprochen vielfältig, jedoch sofort entschieden, als wir den traditionellen Zuckerkuchen entdecken. Wir teilen uns ein Achtel, bevor wir dann kurz nach 14 Uhr aufbrechen.

Auf der Elbbrücke lässt der Wind die Kälte in uns kriechen. Dafür genießen wir einen ungetrübten Blick auf den Strom, der auf der flussabwärts linken Seite dicht mit Treibeis bedeckt ist. Es ist kaum noch fassbar, dass ich hier vor fünf Monaten im kurzärmligen Trikot entlang geradelt war. Mein Gefährte hat Lust, die Elbe direkt vom Ufer und nicht nur vom Brückenbogen aus zu sehen. Also nehmen wir ab Fischbeck jene Pfade, die ich eine Woche zuvor in der entgegengesetzten Richtung erkundet hatte. Wie anders und unwirklich nun alles im trüben Frostdunst aussieht! Tangermünde scheint ganz nah und zugleich entrückt.

Da das Gummistiefel-Territorium inzwischen gefroren ist, kommen wir deutlich schneller voran als ich beim letzten Mal. Zudem kenne ich jetzt den Weg. Ich halte Ausschau und finde tatsächlich meine vom Frost konservierten Fußstapfen – neben zahllosen Abdrücken von Rehhufen. In der zunehmenden Dämmerung erblicken wir immer wieder Rudel dieser kleinen Hirschart, sowie Kolonien von Krähen und Wildgänsen. Eine Schar weißer Vögel, die so groß sind wie Schwäne und auch so lange Hälse haben, irritiert uns. Sind die überhaupt im Winter in größeren Trupps unterwegs? Wir wissen es nicht. Aber nachdem sich zweimal Tiere paarweise absondern, sind wir uns ziemlich sicher, Schwäne gesehen zu haben.

Zurück in der Zivilisation hole ich mir im Jerichower Supermarkt noch eine Cola. Mir ist beim Rausholen des Geldes so kalt, dass meine Hände zittern. „Es ist wohl kalt draußen?“, fragt die Kassiererin. „Ja, schon“, bestätige ich. „Allerdings sind wir auch gerade von Tangermünde aus hierher gelaufen, da sind wir etwas verfroren.“ – „Wirklich?“, fragt sie erstaunt, als habe sie noch nie etwas so Verrücktes vernommen. Obwohl – die Klapse ist um die Ecke und die Leute sind sicher nicht ohne Grund dort.

Ein gelungener Ausflug der beiden Oldtimer unserer Truppe. Mein Mitstreiter, der noch eine stationäre Laufzeit von sechs Wochen hat, nimmt sich vor, die Gegend in einer wärmeren Jahreszeit einmal ausgiebig zu genießen.
