Christoph Sanders, Thalheim
Am Donnerstagvormittag gratuliert mir meine Älteste aus Spandau dazu, dass ich auf dem Bauch liegend telefoniere – eine Stellung, die ich seit dem Unfall vor anderthalb Monaten nicht mehr einnehmen konnte; heute ging es auf einmal – und ich kam sogar wieder hoch! Der Finanzmechanikersohn hingegen ist am frühen Morgen wegen einer Lumbagostarre auf der Suche nach einem Schmerzmittel. Nach Einnahme einer Ibuprofen und Übungen, die ihn halbwegs richten, besteigt er den zugefrorenen Kombi. Er fährt um sieben zur Arbeit und kommt gegen 23 Uhr zurück. Der andere Sohn bringt mich nach dem Waschen, Legen und Trocknen meiner Haare mit dem Verbrenner zur Reha – bei minus 5 Grad freut man sich über ein vorgeheiztes Auto. Bei der Therapeutin nun intensivere Übungen – es ist noch nicht gut, wird aber besser! Da der Körper automatisch in die Schonhaltung will, soll ich darauf achten, gerade zu stehen.

Am Nachmittag telefonischer Abgleich mit der Rehaklinik, was ich noch an Unterlagen beibringen muss. Mitnehmen werde ich auf jeden Fall den Laptop sowie Arno Schmidts „Sämtliche Romane und Erzählungen“. Ich fürchte, dass ich mich dort, nachdem ich die Übungen verinnerlicht habe, durchlangweilen werde. Leider fehlt mir das Leistungsmesser-Gen jener Patienten, die mehrmals täglich ihre Pulsfrequenz und den Blutdruck kontrollieren und damit in solchen Einrichtungen allerbestens aufgehoben sind. (Für mich kommen eigentlich nur Renaissanceschlösschen mit Musiksaal infrage …)

Mein Teenie kann jetzt jeden Heimbewohner mit Namen ansprechen. Sie berichtet von Hierarchien, teilweiser Ausübung von Dominanz und kleinen Niederträchtigkeiten im Haus – vielleicht ja soziale Dynamiken, die Nachhall der Nonnenerziehung hierzulande sind?

Am Freitag aufgrund der Plusgrade sogleich mehr Vogelbetrieb. Und auch die Zimmer im Haus sind spürbar wärmer – die 20-Grad-Marke wird erreicht! Mit Pierre Monteux‘ „Daphnis et Chloé“ von Ravel in den Morgen – fabelhaft, feenhaft, passend zu den matten Farben vor dem Fenster …und hinterm Schweif unseres Feuervogels steigt die Sonne übers Kirchturmdach! Unser Teenie ist erkältet: Halsschmerz und Erschöpfung nach vier Tagen im Heim. Weil sie Angst hat, dort jemanden anzustecken, bleibt sie zu Hause. Wir essen die letzten Stückchen ihres Geburtstagsfeier-Citronencakes, der in der Familie rasenden Zuspruch fand. Für mich gibts besten Bohnenkaffee dazu.

Am Samstag hat auch mich der Infekt erwischt, der hier die Woche reihum ging. Abgeschlagen geduscht, Freude über Sonnenschein. Später Rosenkohl, Parmesan, Muskatnuss und Butter verschwenkt. Das feine Essen wird von meinen Blutsverwandten nur zögerlichst angenommen, dafür gibt es Beschwerden wegen Fettspritzern. Da immer noch komplett schlapp, zwei Stunden Mittagschlaf. Hat nichts gebracht. Die Damen ausgeritten, die Jüngste sogar zu Pferd. Der Sohn hält hier mit mir die Stellung und spielt Darts. Währenddessen entspanne ich, einen Joghurt mit neuer Pfirsichmarmelade essend, auf der Couch, und bin in Gedanken bei den Radkumpels, die heute durch den Odenwald fahren. Sie meiden die Unfallstelle, hätten aber ruhig mal nachsehen können, ob der dreiste Weglord wieder eine Kette über die Fahrbahn gespannt hat. Die zunehmend schräge Wintersonne schmeichelt den Möbeln – nun aber schnell raus in den Garten zum Sauerstoffschnappen, bevor sie wieder abgetaucht ist!

Mit dem Sohn dann der perfekten Fußball-TV-Nachmittag: Zunächst schauen wir die Schlussphase von Frankfurt gegen Hoffenheim und anschließend das englische Thrill-Game AFC Bournemouth vs. FC Liverpool. In dem kleinen Stadion ist es windig und regnerisch, die Stimmung fantastisch. Der Underdog geht in Führung, kurz darauf fällt sogar das 2:0! Die Fans rasten aus, bejubeln jeden Ballgewinn. Unmittelbar vor dem Halbzeitpfiff der (verdiente) Anschlusstreffer der Luxusmannschaft. In Hälfte zwei geht es immer hin und her, ein guter Konter folgt auf den anderen. Zunehmender Ballbesitz für Liverpool. In der 80. der Ausgleich. Das Heimteam macht zu. Wirtz und die Seinen laufen gegen das Bollwerk an, verdaddeln aber jede Chance. Bournemouth, inzwischen stehend k.o., schießt den Gegner an, um Einwürfe zu bekommen. Bei jedem dieser wird der Ball erst einmal sorgfältig unterm Trikot abgewischt. So rettet man sich über die 90. Dann kommt die vierte Minute der Nachspielzeit und mit ihr der nächste Einwurf für Bournemouth, von rechts sehr weit in den überfüllten Fünfer gebracht. Dort Gestocher, der Ball prallt müde vom Pfosten ab und wird aus zwei Metern, fast von der Grundlinie, reingelutscht. Das Stadion tobt. Die Reds beschweren sich, aber der Schiri sagt: Alles regulär! Ein schwer zu toppendes Drama. Völlig anders als dieser blöde Schachbrettfußball. Sowas will man sehen!

Am Sonntagmorgen erkältet, brummköpfig, träge. Mit dem Teenie die Schweinemedaillons in Senfsauce besprochen. Interessante ältere Radiosendung über die Beschlagnahme des Frankfurter Senders im Jahr 1925, um ihn für Regierungsdurchsagen zu nutzen – der Rundfunk war von Anfang an kein wirklich freies Medium. Dann das Essen: Rotkraut, Zwiebeln, Möhren, Kartoffeln, grüne Bohnen, alles gedünstet, und das gegarte Schweinefillet als Medaillons dazu. Nichts bleibt übrig. Unser Teenie ist ein Kochcrack! (Mir war das schon immer klar – bereits als Kind spürte sie, ob eine Milch offen im Kühlschrank stand, und war es auch nur für eine Viertelstunde …)

Der Montag geprägt von der schlechten Kombi Rückenschmerzen und Erkältung. Über Nacht Neuschnee. Um 6:30 Uhr räumt jemand den Parkplatz zum Kindergarten; ich schaue ihm ein wenig zu. Da kein Bus fährt, muss das Altersheim auf mein Kind verzichten; meine Frau und die übrigen Kids gelangen mit dem Diesel sicher zur ihren Bildungsstätten. Beim leisen Klang des Radios bis 9:30 Uhr Schlaf nachgeholt. Nach Frühstück und Morgenwäsche zur Physiotherapie, später ein weiteres Telefonat wegen der Reha. Bin leicht genervt, dabei sollten wir im Kopf behalten, dass das jetzt die letzten großen Luxusleistungen der alten BRD sind – da ist viel Luft nach unten …

Der Teenie kocht uns eine hervorragende Ratatouille, von der nichts übrig bleibt. Bei der Milchqualität hat sich jetzt die Zwischenstufe „Weidemilch“ eingeschlichen – sieht beinahe aus wie Bio, ist es aber nicht, meine Frau tappte sogleich in die Falle. Ich lese auf der Seite „Rentner, die auf Dinge zeigen“, dass in Southampton irgendwer seinem Nachbarn Schnee aus dem Vorgarten klaute, um damit einen Schneemann zu vollenden, worüber sich der Bestohlene aufregte. Eine Meldung vor einem irgendwie deprimierenden Hintergrund, die die philosophische Frage nach sich zieht, ob man mit dem Esel auch dessen Schatten mietet, worüber ich dann bei Sergej Prokofjews „Sonate für Violine und Klavier in D-Dur, Op. 94a“ in der großartigen Interpretation von Martha Argerich und Gidon Kremer nachdenke. Die Hälfte der Familie schwächelt – das Abendessen mit Chicoree-Salat gleicht einem Krankenlager. Alle gehen früh zu Bett – auch ich.

