Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Hätten die Evangelisten ihre Bücher ins Handy eintippen müssen, wäre die Bibel deutlich kürzer ausgefallen. Und hätte Sisyphus statt Steine zu rollen, im ständigen Kampf gegen Autokorrektur und Schreibfehler gestanden, hätte er sich nach wenigen Tagen einen anderen Beruf gesucht …
Trotz alledem ist hier der Bericht vom achten Tag in der Klinik:
Am Morgen weisen die Pfleger darauf hin, dass heute von uns die Gemeinschaftsbereiche aufgeräumt werden müssen. Betretenes Schweigen. Anders als in vergleichbaren Fällen daheim, nölt jedoch keiner herum, weist die Schuld von sich oder kontert mit „Räum doch selber auf, wenn es dich stört!“ Das beweist wieder einmal, dass es einfacher ist, fremde Kinder zu erziehen als die eigenen.

Es ist immer noch kalt, aber die Sonne lädt ein, sich zu bewegen. Obwohl gerade nichts auf dem Plan steht, dürfen wir bis zum Ende der Therapien am Nachmittag das Gelände nicht verlassen. Weshalb ich auf den Wegen zwischen den Klinikgebäuden meine Runden drehe. Zwischendurch springe oder renne ich oder mache ein paar Schrittfolgen aus den Aufwärmübungen beim Training mit den Kids in meinem Verein. Hauptsache Bewegung, Hauptsache draußen.

Bei unserer Wanderung, einer Pflichtveranstaltung zweimal die Woche, überrasche ich meine Gefährten damit, dass ich ihnen genau sagen kann, wo wir demnächst auf eine Brücke stoßen werden oder ein Weg hierhin oder dorthin führt. Ich glaube, ich habe an meinem ersten Wochenende vor Ort mehr erkundet als viele andere in acht Wochen. Am kommenden Samstag werde ich mit dem Bus nach Tangermünde fahren und die knapp 15 Kilometer zurückwandern. Meine jungen Mitpatienten wünschen mir dafür viel Spaß, der Zweitälteste aus unserer Gruppe will möglicherweise mitkommen.

In der Cafeteria treffe ich einen Endsechziger mit nur noch einem Bein, der sich von einer ungefähr zehn Jahre jüngeren Frau in seinem Rollstuhl an den Nachbartisch schieben lässt – sie ist seine Schwester, wie sich dann im Gespräch herausstellt. Sie bestellt zwei Tassen Kaffee und sucht in der Auslage nach nussfreiem Kuchen. Die Verkäuferin kann ihr dabei nicht weiterhelfen, woraufhin sie sich für zwei Himbeerschnitten entscheidet. Niemand muss den Arzt rufen. Ihr Bruder erzählt mir, dass er lange Zeit in einer Zuckerfabrik gearbeitet hat. Auch in so kalten Wintern wie diesem musste er dort Rüben schaufeln und waschen. Dabei wurde sehr viel Alkohol getrunken. Mit 18 stellte er erstaunt fest, dass ihm abends in der Kneipe die Hände zitterten – was sich erst nach einem Schnaps legte: „Mann, was haben wir damals gesoffen. Wo man auch hinkam, immer stand eine Buddel auf dem Tisch.“ Heute trinke er jedoch nur noch selten und sehr wenig, höchstens mal einen Glühwein oder so.

Am Abend mein üblicher Gang zum Netto. Ich kaufe immer nur kleinste Mengen, um am nächsten Abend erneut gehen zu müssen. Hin und zurück sind es jeweils 20 Minuten zügigen Gehens – das entspannt. Weniger entspannend ist das Angebot des Discounters: Um 19 Uhr herrscht in den Regalen der Gemüseabteilung gähnende Leere – ich habe dort um diese Zeit noch nie eine essbare Gurke gesehen, auch mit Salat sieht es schlecht aus. Das spricht entweder für die hiesigen Kunden oder gegen die Bestellpraxis der Filiale. Auf der Suche nach Kaffee überrascht mich Jacobs damit, dass sie dreist die Wahrheit sagen: Endlich weniger Inhalt fürs gleiche Geld.

Ansonsten beobachte ich fasziniert, was mit mir im Verlauf dieser Woche geschieht: Ich komme mir vor wie ein eng beschriebenes Blatt, auf dem ganz langsam die Schrift verblasst, so dass am Ende nur das weiße Papier übrig bleibt. Am meisten und ganz unmittelbar spüre ich das während der Therapieübungen, bei denen wir uns in Aufgaben versenken und unsere körperlichen und emotionalen Reaktionen beobachten und reflektieren sollen. Seit sehr langer Zeit fühle mich wieder richtig frei, spüre keinerlei Verantwortung mehr, muss keine Entscheidungen treffen, hab keine Lasten zu tragen. Ich lasse es geschehen. Und bin überrascht, wie gut es sich anfühlt.
