
Sobald ich den Hof verlasse, wird jeder Schritt zum Risiko: Sauglatte Eisflächen ziehen sich über Gehwege, häufig versteckt unter einer dünnen Neuschneedecke. Zum Glück trage ich relativ rutschfeste Schuhe und bin ziemlich gut darin, meinen Körper im Gleichgewicht zu halten – da zahlen sich Tischtennis und Morgengymnastik aus. Anderen geht es da nicht so gut – in welche Richtung man auch schaut, blinken Rundumleuchten der Rettungsdienste. Einmal stürzt direkt neben mir eine Frau, gleich vier Passanten schliddern Hilfe anbietend zu ihr – glücklicherweise ist nichts Schlimmeres passiert. Nachdem das ein paar Tage so ging und die von Unfallopfern überfüllten Kliniken über die Medien Hilferufe absetzten, ist der Regierende Bürgermeister aus seinem Tran erwacht und hat am Freitag per Anordnung von oben endlich den Einsatz von Streusalz freigegeben. In Berlin sind Streusalz und andere Auftaumittel aus Umweltschutzgründen verboten – nur die Stadtreinigungsbetriebe dürfen sie verwenden, und das auch nur in Ausnahmesituationen. Im Behördendeutsch des Berliner Senats liest sich das dann so:
„Außerhalb des öffentlichen Straßenlandes entscheidet über etwaige Ausnahmen vom Verbot (Befreiung nach § 67 des Gesetzes über Naturschutz und Landschaftspflege, Bundes-Naturschutzgesetz) auf Antrag die Untere Naturschutzbehörde der Bezirksämter. Das Verfahren zur Erteilung einer Befreiung setzt einen begründeten Antrag voraus. Es wird gemäß Tarifstelle 6014a der Umweltschutzgebührenordnung für die Bearbeitung des Antrages eine Gebühr in Höhe von 72,00 € bis 1.440,00 € erhoben. Dies gilt auch für Versagungen.“
Ob der Bürgermeister für diese bürokratische Schleife tatsächlich einen „begründeten Antrag“ gestellt hat, bleibt unklar; auf jeden Fall kündigte der NABU Berlin schon mal eine juristische Prüfung an. Vor ein paar Tagen sah ich ein interessantes Apollo-News-Gespräch mit Manfred Haferburg, der im Winter 1978/79 im KKW Greifswald als Oberschichtleiter die Schnee- und Eiskatastrophe managte. Von seiner sofortigen Reaktion und der anpackenden Art, die politische Befindlichkeiten und hierarchische Ordnungen ignorierte, könnte sich jeder der heutigen Verantwortungsträger etwas abschauen.

Am Mittwoch bin ich zum ersten Mal im Leben beim Hatha-Yoga. Das entwickelte sich ab dem 10. Jahrhundert im mittelalterlichen Indien und gilt als eine der frühsten Formen der Lehre. Im Zentrum der Übungen stehen Atemtechniken (Pranayama), unterschiedliche Körperstellungen (Asanas) sowie Reinigungen (Shatkarmas). Das ganzheitliche Yoga kräftigt die Tiefenmuskulatur, stabilisiert die Wirbelsäule und verbessert die Flexibilität von Gelenken und Sehen, wodurch eine gesunde Körperhaltung und der Gleichgewichtssinn gefördert wird; gleichzeitig werden Konzentration und innere Wahrnehmung geschult. Interessant ist der Teil, bei dem wir die uns stressende Sachen der vergangenen Tage durch den Kopf gehen lassen sollen und bei mir rein gar nichts auftaucht – weder Blitzeis noch Blitztrennung der Blitzbeziehung oder anderes Unbill. Mein mentales Reinigungssystem funktioniert offenbar schon ganz gut – da gibt es kein dauerhaftes Gedankenkarussell, da herrscht innerer Plänterwald. Der Kurs findet im wilmersdorfer Nachbarschaftshaus statt, wo ich auch regelmäßig Tischtennis spiele. Wir sind ein Dutzend Teilnehmer, davon vier Männer – ein ganz Alter, Marke Moosriecher und Waldbaumhausbauer, der zweite so eine Art runtergerockter Minnesänger, der Dritte Typus Seifenstandbetreiber auf einem Ökomarkt, der sein Duftbusiness betreibt, um Frauen zu becircen – ich reihe mich dort also nahtlos ein. Die sehr nette und uns angenehm anleitende Yogalehrerin arbeitet in einer Bibliothek – die wöchentliche Einheit gehört zu den dortigen Angeboten; in Berlin werden diese einstmals reinen Studier- und Buchausleihorte immer mehr zu Begegnungsstätten, für die man auch mal das Gebäude verlässt. Nächste Woche werde ich dort wieder auf der Matte sitzen.

Am nächsten Abend habe ich ein spannendes Telefonat mit meinem Weggefährten und Freund Frank, der justament vom Schreiacker der sachsen-anhaltischen Nervenheilanstalt kommt, in die er für drei Monate gezogen ist. Wir unterhalten uns über unterschiedliche Sport- und Bewegungsarten sowie Entspannungstechniken, und versuchen die teilweise sehr feinen Unterschiede der Wirkungen vom Joggen, Schwimmen, stundenlangen Tischtennisspielen oder progressiver Muskelentspannung (womit sowohl mein Hatha-Yoga als auch Franks Gruppenübung zur Körperwahrnehmung begann) zu fassen zu bekommen. Ganz gelingt uns das nicht, wir werden also weiter in uns hineinhorchen und erlauschen, was uns wann guttut.

Vor einigen Tagen trat im Treppenhaus plötzlich ein starker Geruch nach Körperausdünstungen auf, zudem liegen dort ein paar Decken. Eine Nachbarin berichtet von einem Obdachlosen, der sich auf dem Absatz vor der Dachbodentür niedergelassen hat. Wir beraten im zufällig zusammenkommenden Hofkreis, was nun zu tun sei – einer von uns will mit einem Sozialdienst telefonieren und sich beraten lassen. Das Ganze löst sich von selbst, da der Mann nur einen Tag bleibt und nicht wiederkommt. Sein zurückgelassenes Zeug versetzt eine andere Nachbarin in Angst, da sie denkt, jemand hätte da einen Säugling abgelegt – ich kann sie beruhigen. Im Nachklapp gibt es die Diskussion, was mit den Decken geschehen soll. Jemand meint: „Die sind Eigentum des Mannes, die darf man nicht einfach entsorgen.“ Ein gutes Argument. Da die Sachen nicht stinken und auch keinem im Wege sind, bleiben sie nun also noch eine Weile dort liegen.

Winterzeit ist für mich Ausstellungsbesuchzeit – und so war ich zuletzt in der Berlinschen Galerie, wo mich dann aber lediglich der wiener Dadaist Raoul Hausmann mit ein paar guten Fotos, die er Anfang der 1930er machte, überzeugte. Im Hamburger Bahnhof sah und hörte ich mir nun noch einmal in Ruhe und vollständig Petrit Halilajs interdisziplinäres „An Opera Out of Time“ an, das die schön durchgeknallte Geschichte erzählt, dass Eva und Adam nicht die ersten Menschen waren, sondern nach der Vertreibung aus dem Paradies mit einem KFOR-Helikopter im kosovarischen Dorf Syrigana landen, wo sie von den Einheimischen willkommen geheißen werden und inmitten dieser ihre Hochzeit feiern. Dann naschen sie wieder eine verboten Frucht (die diesmal eine Birne ist), werden wiederum vertrieben, kehren erneut zurück usw. – kurz, es geht, wie sich das für eine Oper gehört, ordentlich drunter und drüber. So wie auch in den raumgreifenden Installationen, wo ich mich auf einem Jahrmarkt voller Attraktionen wähnte – in der einen Ecke steht ein Pferd, in der anderen ein kleiner Kanarienvogel, hier sind riesige Blüten und Motten, ah, und dort dann auch Schlange und Birnbaum, und über allem lässt das Paar (als Fuchs und Hahn?!) die Beine baumeln. Zum Hören lädt eine Teppichschräge zum Hinfläzen ein, was sich als eine äußerst angenehme Position herausstellt. Und auch die Musik gefällt mir gut – einerseits ist sie originell, andererseits wirkt sie mit ihren Anklängen an Prokofjev, Nyman, Grieg oder Balkanfolklore vertraut. Der einfach gemachte und dadurch preiswerte Katalog ist erhellend.



Am gestrigen Samstag ging es in die Bülowstraße zur ehemaligen Shell‑Tankstelle, die Mitte der Fünfziger gebaut, 1986 stillgelegt und nach der Jahrtausendwende zu einer Galerie mit Arbeitsräumen und einem Café umgebaut wurde – dort läuft gerade eine David-Lynch-Ausstellung. Mir gefällt dieser komplett solitäre Kosmos, den Lynch im Laufe seines Lebens erschaffen hat – wobei ich seine Filme noch für den langweiligsten Teil halte. Seine Grafiken, Plastiken, Fotos, Gemälde sowie ein früher Kurzfilm passen perfekt in die Tankstelle, die mit ihren steilen, schmalen Treppen, den messerschneideartigen Zacken unterm Treppengeländer etc. selbst etwas surreal wirkt. Eine rote Scheibe vor einer Installation brachte den irren Effekt, dass man im ersten Moment nicht weiß, ob sich der dahinter liegende Raum im Haus oder im Freien befindet – das erweitert den Wahrnehmungs- und Denkhorizont und verschiebt den Fokus: Als ich hernach wieder in den nasskalten berliner Winter trat, sah ich auf einmal lauter Dinge, die auch aus dem lynchen Universum stammen könnten …






