Christoph Sanders, Thalheim
Am Donnerstag allertrübstes Tauwetter bei Windstille. Ich mache mir Gedanken, wie ich die Reha angehe, die in zwei Wochen beginnt, überlege, ob ich Bio-Lebensmittel in die Klinik bestelle bzw. dorthin mitnehme: Äpfel, Mandarinen, Orangen, Grapefruit, Grüner Tee, die 81%-Schokolade usw. Passend dazu ein anregendes Gespräch mit meiner Freundin aus Kölner Tagen, die Gesellschaftstanzlehrerin in München ist, und noch heute von ihrem Jugendtraining zehrt. Stellte irgendwann die Ernährung um, vermeidet Zucker, isst viel frisches Gemüse und ausschließlich Vollkornbrot – als wir damals zusammen wohnten, hatte sie als eine der Ersten überhaupt eine Körnermühle. So wurde sie ein hartnäckiges Herpesvirus los, das ihr bis ins eine Auge gezogen war. Sie ist aber alles andere als eine Ökoschlurre.

Meine Bancha-Beimsichung ist wunderbar gelungen – eine Sache hat sich bei meinem Teekonsum stark verändert: nur Grüner oder Weißer fühlen sich gut an. Den Schwarzen lass ich komplett weg, würde ihn allenfalls als stundenlang gezogenen Cay vertragen. Die Jüngste kommt glücklich aus der Schule, wo man ihre neue Frisur gelobt hat. Mein Sohn kann nun auch eine Salatsauce komponieren, so dass alle zufrieden zu Bett gehen. Ich setze noch die Spritze und hoffe, dass mich keine Schulterschmerzen wecken – Schonhaltung und Krückenlaufen fordern ihren Preis. Durch die Hockergymnastik bekomme ich für ein paar Stunden die Verspannungen aber gelöst. Ich schaue die Videos bei den Übungen inzwischen ohne Ton an.

Am Freitag ein spektakulärer blaurosaner Sonnenaufgang. Lockere Bewölkung und weiterhin mildes Tauwetter – der Schnee nur noch in Stippen sichtbar. Ich wache mit Rückenschmerzen auf, die aber beim Bewegen schnell verschwinden. Die sich langsam öffnende Hyazinthe sorgt für einen unverwechselbaren Duft im Zimmer. Ich bekomme die Nachricht, dass mein alter Kunstlehrer Michael Saran verstorben ist, Jahrgang 1938 und wie Alexander Kluge gebürtiger Halberstädter. War mit Abstand der gelassenste Typ an der Schule, klug, gebildet. Er lebte später auf einem Pfarrhof in der äußersten Ecke der Bundesrepublik, der Feldweg führte gleich nach Holland hinüber. Das war damals nicht unwichtig, weil die Niederlande selbst in ihren kleinen Städten in den 1970ern sozial und kulturell schon eine ganz andere Gelassenheit und Vielfalt verströmte, als all diese rückständigen Ackerbürgerstädte westlich von Düsseldorf und Köln.

Nach der Hockergymnastik große Toilette, dann Physiotermin. Ich bin guter Dinge, weil das Bein mich langsam freigibt. Nach meiner Entlassung aus der Klinik vor fünf Wochen war es zu Elefantengröße herangeschwollen. Jetzt hebe und senke ich das Knie problemlos, die Schwellung geht über das Knie- und das Fußgelenk zurück. Nur bei zu starker Beugung spüre ich den Zug an der Narbe und ein Einschnüren – da sitzt der Schmerzpunkt. Zum Mittag allerfeinste Bio-Kartoffeln aus dem Penny, „Jule“ heißt die Sorte. Bei Kempowski las ich gerade die schöne Formulierung, dass die Kartoffeln einst wie Marzipan geschmeckt hätten – diese waren nahe dran. Meine sensorisch hochbegabte Tochter teilte die Freude. Wir alle essen einfach gerne gut. Ich zeige den Kindern auch viel – Garen, Braten, Schmoren und Dünsten gehören ja so langsam zu den vergessenen Kulturtechniken. Mainstream sind TK- und Fertiggerichte, per App bestelltes und Lieferdienst bis an die Haustür gebrachtes Fast Food. Umstellungen sind meist nur durch schwere Krankheit möglich -wenn überhaupt, da der gesellschaftliche Druck stark ist und Zucker, Alkohol und Junkfood als Selbstbelohnungsmomente allgegenwärtig sind. Die das verweigern, gelten dann sehr schnell als Spaßbremse. (Was essen eigentlich die ganzen Ukrainerfamilien? Ich sehe diesen dünnen Flüchtlingsjungen aus der Klinik immer noch vor mir …) Ich selbst hatte das große Privileg, meine Kindheit und Jugend über ein vielfältiges und hervorragendes Essen zu bekommen. Die erste Delle war dann der Wehrdienst, wo ich nach acht Monaten erstmal Karies hatte, die zweite die späte Studiumszeit und die ersten Berufsjahre – viel zu viele Kohlehydrate, viel zu viel Zucker. Wirklich geändert hat sich das durch die Geburt der Kinder, am meisten aber, als ich mit 45 Jahren begann, mich ernsthaft dem Radsport zu widmen. Wenn Du regelmäßig fahren willst, muss Dein Körper einfach gesund sein. Und so begann der heutige Tag kulinarisch mit über Nacht in Bio-Milch eingeweichten Haferflocken mit Keim, Früchten und Nüssen und endete mit Broccoli, der wie ein italienischer Garten duftete.

Samstagshöhepunkt: Der Ferrari an der Aldi-Kasse, Nachbildung eines Fahrzeugs des Écurie-Francorchamps-Teams von ca. 1972, den ich als unwiderstehliches Angebot wahr- und somit mitnahm. Solche präzises Gussmodelle waren zu meiner Kinderzeit richtig teuer, nun ist es möglich, das in etwas kleinerem Maßstab sehr preiswert in Massenproduktion zu fertigen – ein Traum. Ein sonnig-frischer Tag, der mit Grünem Sencha, Müsli, Mandarinen, einer großen Tasse Kaffee und der Beobachtung unserer Gartenvögel beginnt. Später höre ich einen Vortrag über eine Zeichnung aus Lamberts hundert Jahre altem, wunderschön illustrierten Buch „Birds of Garden and Woodland“. Dann endlich mal wieder eine Nassrasur – die würzigen Noten von Equipage Hermès verströmen Hygge-Vibes. Am Abend läuten gegenüber die Glocken – einmal im Monat können sie noch einen Pfarrer auftreiben. Aber es geht rasant Richtung obskurantistischer Sekte, in denen einer Noten lesen kann und sich ein paar Getreue zum Psalmensingen treffen. Der Sohn ist glücklich vom ersten Fussballtraining des Jahres zurück – und auch der Vater ist zufrieden über einen ruhig vor sich hin gleitenden Tag.

Ein grauer, stiller Sonntagmorgen. Frühstück mit den Kids, die einen neuen Kokoskuchen präsentieren – mir ist der Zitronencake deutlich lieber. Die Hyazinthe nun fast vollständig erblüht, alle freuen sich über den Zimmerduft. Und ich mich zudem über die frische Luft auf meiner Gartenrunde. Meine Reha-Anbahnung läuft gut – kommende Woche könnte die Gewebeflüssigkeit vollständig raus und das Bein wieder locker und vollumfänglich beweglich sein. Ich staune, dass ich immer noch nicht in ein mentales Loch gefallen bin, obwohl ich ja nun keine schönen Radfahr-Kicks mehr bekomme. Ich kompensiere das auch nicht durch Onlineshopping- oder Fressorgien, und ersaufe stattdessen in den süffigen Melodien des Hollywood-Musicals „Lala Land“, das sich die beiden Teenies mit heißer Schokolade vor dem wärmenden Ofen reinziehen. Kind 4 sichtete vorher noch einen kleinen Baumläufer vor dem Fenster. Für mich: Wäsche, Aufräumen, Telefonate; eine Freundin sagte etwas, das man wirklich selten hört: „Was Du für Deine Kinder machst, ist unersetzlich.“ Spritze und Bett.

Trockengrauer Montagsfrost. Der Zaunkönig ist nun auch auf dem Baum zu sehen, die Meisen machen ihm Platz. Bei Minusgraden ist sofort mehr Verkehr am Knödelpoint. Zwei meiner Kids sind wieder erkältet – hat der Junge nach dem Training etwa zu lange gebadet? Da es nichts Ernstes ist, sage ich: „Schön, dass ihr heute zu Hause bleibt.“ Die junge Ballerina führt Pirouetten vor und erfreut uns mit kleinen Sonaten auf dem E-Piano (ein Casio 750 mit 61 Tasten und Tone control – der Klang ist zart und angenehm) – was perfekt zum japanischen Sencha und dem letzten Stückchen Weihnachtsstollen passt. Ich konnte wegen einer immer wiederkehrenden Verspannung in der linken Schulter nur mit Unterbrechungen schlafen – wird Zeit, dass die Krücken weg können. Trotzdem war es mein dritter Tag in Folge ohne jegliches Schmerzmittel. Pünktlich um 13 Uhr holen mein Sohn und ich eine komplett realitätsgeschockte Siebzehnjährige im Nachbarort von ihrem ersten Praktikumstag im Altersheim ab – ein netter, einstöckiger Bau, vor dem ein maximal unauffälliges Caritas-Auto steht, gleich gegenüber ist der gediegene Schmuck- und Uhrenladen. Meine Tochter berichtet entsetzt vom Gestank im Heim, wo es überall (außer der Küche) nach Fäkalien riecht – auf den Fluren, in den Zimmern, selbst im Speisesaal. Menschen in ihrem Kot, denen man mehrmals am Tag die Mullhosen und Windeln wechseln muss. Die Bewohner werden nicht geduscht, sondern mit Feuchttüchern abgewischt. Neben ihr wurden heute drei weitere Praktikantinnen zur Arbeit eingeteilt: Ausräumen der Spülmaschinen, Daueranwischen und Desinfektionsmittelversprühen gegen den beissenden Geruch der Sabbernden und Stöhnenden, Windeleimer rausbringen. Demente aller Art, die Mehrzahl ohne Gebiss. Löffel werden in Münder geschoben, viele vergessen das Essen auf ihrem Teller. In der Küche bei den Lebensmitteln nur No-Name-Produkte, von denen man entweder Durchfall oder Verstopfung bekommt, wie eine Bewohnerin meiner Tochter erzählte. Da die Demenzkranken sich nur noch an ihr jüngeres Aussehen erinnern und von ihrem aktuellen erschrecken würden, hat man alle Spiegel abgeklebt.

Zu Hause dann die Bolognese, die unser Sohn ausdrücklich auf eigenen Wunsch selbst zubereitet hat. Es wurden verschiedene Schulen der Zubereitung diskutiert – einig waren wir uns über das Fleisch, das vom Metzger oder bio sein muss, da es ansonsten zu viel Flüssigkeit enthält und auf einen Bruchteil schrumpft. Außer von mir werden Kapern rundweg abgelehnt, aber ich bekehr niemanden dazu. Durch die beiden Krankfeierer waren wir zu fünft an der schön gedeckten, kerzenbeschienen Tafel. Ich gab einen Michelin-Stern. Wir Männer schauten anschließend in der Zusammenfassung die Folklore des Afrika-Cup-Finals. Meine neuen Physio-Übungen waren sehr wohltuend – es geht sichtlich bergauf. Radblogarbeit, bettwärts.
