Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Es ist Sonntag. Tag 4 im Exil. „Ich muss mich bewegen“, sage ich zu meinem Zimmerkollegen. „Sonst komme ich ins Grübeln.“ – „Das Grübeln ist der Zweck deines Aufenthaltes“, sagt er, der schon zum zweiten Mal hier zur Therapie ist. „Ich dachte, es geht darum, im Austausch in den Gesprächen Lösungen zu finden“, erwidere ich. „Nein, du sollst dich deinen Problemen selbst stellen“, sagt er. Ich zucke mental und physisch mit den Schultern. „Soweit bin ich noch nicht, im Moment helfen mir Sport und Bewegung am meisten.“ Hat er recht? Auch das ist eine Frage, die ich mir nicht stellen will.

Bevor es raus geht, verziehe ich mich in die zentrale Cafeteria. Wir sollen eine „Lebensbeichte“ verfassen, die prägenden Erlebnisse und unsere aktuellen Sorgen und Nöte aufschreiben. Dafür brauche ich eine neutrale Umgebung und Ruhe. Das mit der Ruhe erweist sich als schwierig. Ein älterer Herr (also deutlich älter als ich), erzählt dem Imbissmann von sich und seinen Problemen: Kaffee mache ihn immer trübselig und antriebslos ... Ich versuche den Rest akustisch auszublenden. Verkäufer in der Klapse zu sein, wäre vermutlich ein perfektes Lehrstück für Autoren – so viel Elend, so viel Banales, so viel Skuriles, so viel Tröstendes gäbe es zu hören.

In dem Haus, in dem ich untergebracht bin, erzählen sich meine Mitpatienten auch ihre Lebensgeschichten. Niemand kann besser Trost spenden als die, denen es ebenso schlecht oder noch schlechter geht als einem selbst. Ich halte mich sowohl als Zuhörer wie auch als Erzähler zurück. Belangloses teile ich gerne, aber möchte nicht ständig mit meinen Gedanken konfrontiert werden.

Am Ende werden es drei Seiten, die ich bei zwei Tassen Kaffee und einem Hanuta fülle. Meine zweite Haselnusswaffel gebe ich dem älteren Herrn von vorhin, der sich inzwischen an den Nebentisch gesetzt hat und dort Tee trinkt. Wir kommen ins Gespräch. Nach einem stationären Aufenthalt sei er nur noch ab und an ambulant hier und komme gern zum Plaudern in die Cafeteria. Früher war er Hausmeister. Von allen verachtet, erfuhr er wenig Dankbarkeit. Er fing an zu trinken, nahm durch ungesundes Essen unmäßig zu. Dann habe er sein Leben umgekrempelt und fünfzig Kilo abgenommen – „ganz alleine, nur durch Sport und Ernährungsumstellung, ohne diese neumodischen Spritzen“ – und nicht zuletzt durch den Verzicht auf Alkohol. Von falschen Freunden, die ihn zu Bier und Schnaps verführen wollten, trennte er sich. „Dem Teufel den Mittelfinger zeigen“, beschreibt er seine Einstellung. „Ich zeige dem Teufel meinen Finger“, wiederholt er mit der entsprechenden Geste. „Mein Respekt“, sage ich und meine es auch so. Ein Kämpfer.

Danach mache ich mich zur ersten Wanderung des Tages auf – 9,3 Kilometer in den Nachbarort und wieder zurück. Unterwegs sehe ich ein etwas älteres Ehepaar, das Hand in Hand spazierengeht. So wie meine Frau und ich – doch meine Frau ist gerade nicht hier … Ich bin den Tränen nahe. Mich tröstet eine alte Weide, die ich „Willy“ taufe. Willy sieht krank aus und hat nur noch einen Arm. Doch aufzugeben ist für ihn keine Option. Bestimmt knurrt er die jungen Bäume an, wenn sie ihm zu viel über die Hitze, zu viel oder zu wenig Regen oder die Nachbarn jammern. Dann rollen und leiern die schnöseligen Jungspunde mit den Ästen. Vor allem, wenn der Willy dabei auf die guten alten Zeiten und den Krieg zu sprechen kommt. Oh, vom Krieg kann er viel erzählen – von den großen nach 1914 und 1939, von der Mobilmachung gegen die Dänen und Österreicher 1864 und 1866, selbst die Kämpfe gegen Napoleon weiß er noch zu schildern, wobei er allerdings öfter mal den Faden verliert und Namen durcheinander bringt. Doch das ist egal, denn inzwischen ist es nur noch der Wind, der unserem einarmigen Veteranen Willy zuhört …

Den knorrigen Alten hinter mir lassend, gehe ich weiter und gerate ins Gummistiefelterritorium. Der mit zwei Betonstreifen befestigte Zufahrtsweg wird zum schlammigen Feldweg. Selbst die schmalen Grasstreifen sind glitschig auf aufgeweichtem Grund. Ah, verdammt – und ich habe wieder nicht die Wanderhose an! Ich kremple die Hosenbeine hoch – die Spritzer sollen lieber meine Waden treffen. Meine Schuhe versinken bestimmt fünf Zentimeter tief im Matsch. Förster und Landwirt werden morgen verwundert die Stirn runzeln, wenn sie die vom nächsten Nachtfrost konservierten Spuren sehen.

Da ich immer wieder für ein paar Notizen stehen bleibe, geht es mir gut. Denn wenn ich schreibe, kann ich nicht grübeln. Ich bekomme Augen für das Licht, den Schnee, die kleinen Weiher und krummen Bäume. Ein Rudel Rehe geht mir aus dem Weg, eine Schar Gänse sucht schnatternd das Weite. Ich erreiche die eisfreie Elbe und sehe am anderen Ufer in der Wintersonne Tangermünde leuchten.

Nach zwei Stunden Schnee, Schlamm und Matsch gelange ich endlich auf befestigte Wege, gepflastert zwar nur, aber was einst den Römern genügte, um unter den Sandalen ihrer Legionäre ein Weltreich zu errichten, ist in diesem Moment auch mir willkommen. Am Ort des Deichbruchs von 2013 begegne ich wieder Menschen – eine Familie mit Sohn und Hund. Über den Deichweg geht es zurück nach Jerichow – noch knapp fünf Kilometer. Am Ende werde ich in gut drei Stunden knapp siebzehn Kilometer zurückgelegt haben.

