Christoph Sanders, Thalheim
In der FR ein Artikel über einen großangelegten Einsatz in Frankfurt, wo gestern am Drehpunkt für den Fernbusverkehr circa einhundert Kräfte von Polizei und Zoll zig Fernreisebusse kontrollierten. Dabei entdeckte man nicht nur massiv übermüdete Fahrer, die teilweise sechsundzwanzig Stunden im Einsatz waren, sondern auch schwere technische Mängel, so dass man zwei der Busse aus dem Verkehr zog – die Betroffenen mussten sich dann anderweitig die Weiterreise organisieren. Da frage ich als alter Flixbus-Fan, wie diese armen Schweine von dort weiterkommen – bis Dir der kosovarische, bulgarische oder ungarische Betreiber eine Bescheinigung ausgedruckt hat, ist der Winter längst vorbei. Auch seltsam, dass diese Kontrolle zum Peak der Rückreisewelle nach Neujahr stattfand – die meisten Passagiere dürften ja Teil der Schattenarmee sein, die in Deutschland im Niedrigstlohnsektor schuftet; bei einer meiner Flix-Fahrten durfte ich mal verblüfft feststellen, der einzige mit deutschem Ausweis zu sein. Das war an der Schengengrenze, wo die Bundespolizei einen Gutteil der Busse filzt – das ist dann kurz vor „Alle an die Wand!“ Mein Sohn weiß, warum er nach Budapest lieber zwei Stunden fliegt, als zwölf Stunden im Bus zu sitzen …

Gegen 5 Uhr auf. Lockeres Schneetreiben, alles unter neuem weißen Gewand. Auf der Landstraße bewegten sich rote Punkte mit der Geschwindigkeit von Radfahrern. Die Autos aus dem Dorf brechen zügiger auf – hier haben alle gute Winterreifen. Der Kindergarten hat geöffnet, die Schulen nicht; meine Kinder sind missmutig wegen des Onlineunterrichts. Wegen überlasteter Notaufnahmen wird Glätte zum gesellschaftlichen Problem – wie in vielen Bereichen herrschen hier Personalmangel und strukturelle Missstände. Die unaufhörlich voranschreitende Alterung der Bevölkerung sorgt für immer mehr unbewegliche Senioren, aber es gibt zunehmend auch Jüngere, die aufgrund ihrer mangelnder Fitness sturzgefährdet sind. Das Leben außerhalb der klimatisierten Wohlfühlzone wird zum Risiko, die allgemeine Wohlstandsverwahrlosung schreitet unaufhörlich voran. Ab 9 Uhr Schneeverdünnung und kaum noch Wind, dadurch wieder Verkehr in normaler Geschwindigkeit möglich – das wars in Sachen Unwetterwarnung. Am Haus pflügen die Amseln weiter alles um; ich sehe zum ersten Mal in diesem Jahr Stare an den Meisenknödeln. Meine Frau nach zweitägiger Verschleppung ihrer Bahnrückreise und einer nicht eingeplanten Nacht in Frankfurt wieder zu hause.

Im Radio ein Beitrag zur Abwanderung deutscher Pflegekräfte in die Schweiz, weswegen in Grenznähe 12 Prozent der Mitarbeiter fehlen und sich infolgedessen die Sterblichkeit der Patienten mit Sepsis und Herzinfarkt um 12 bzw. 18 Prozent erhöhte. Ich unterhielt mich am Tisch noch mit den Kids über den Irrwitz des Robotereinsatzes in der Pflege. Meine Kinder sind bei der Krankenbetreuung des Vaters im Wortsinne fürsorglich, helfen beim Haarewaschen und Anziehen der Socken, machen all die kleinen Sachen für mich. Für meine Versicherung äußerst mühsame Zusammenstellerei der ärztlichen Belege rund um meine Operation und den Krankenhausaufenthalt.

Am Dienstag graues Tauwinterwetter und morgendliches Getrampel – das jüngste Kind musste erstmals allein ihr Frühstück machen, sich anziehen, zum Bus rennen. Sie hat es geschafft. Der Rest folgte in Schüben, dann war das unaufgeräumte Haus leer. (Aber ich will nicht meckern.) Leicht unausgeschlafen, aber Gesamtzustand okay. Tagespensum auf Krücken. Das Bein erheblich beweglicher, es fühlt sich nicht mehr tonnenschwer an bei jeder Hebung. Im Radio der Vorschlag des „Deutschland-Brotkorbs“ aus Reihen der SPD. Was für ein naiver Gedanke – man will offenbar um jeden Preis aus dem Umfragetief heraus und driftet dabei in surrealen Populismus. Zumal viele, auch ärmere, Kunden nicht gerade preissensibel einkaufen – ich sehe auf dem Kassenband immer noch Fertigpizza, Chips oder sogenannte Markenschokolade. Aber ich bin mir sicher, dass im Willy-Brandt-Haus niemand ernsthaft über eine Umsetzung des „Brotkorbs“ nachdenkt. Für mich Salat als Immunbooster – im Laufe des Tages ist mir im Wechsel kalt und warm (nahender Infekt?) Dazu sehr volles Biobrot, immer wieder Tee und Purcells „King Arthur“. Rund und schön sind diese frühen Opern, noch ganz ohne den späteren parfümierten Overload. (Richard Wagner halte ich für kompletten Schwindel, ganz wie die falschen historischen Bauten seiner Zeit.) Teilweise wurden populäre Sauflieder eingearbeitet – die Engländer haben sich kaum verändert, könnte man meinen …

Am Mittwoch maximal trübes Winterwetter im Plusbereich. Die Vögel jagen sich weiter durch die Büsche. Ab und zu huscht etwas Helles durchs Fenster: das Neapelgelb der Blaumeisenbäuche. Am 2020 renovierten Kirchturmdach halten Dachlawinengitter letzte, harmlose Schneereste fest. Aus den Lautsprechern Violinsonaten von Witold Lutoslawski, Leoš Janáček und Henryk Wieniawski, die auf mich wie kleine Dramen, Voksmärchen und Erzählungen wirken. Meine beiden Teenies in Eile wegen eines Friseurtermins. Taubheitserscheinungen in den Fingerkuppen – an meinen Händen beginnt so langsam das Karpaltunnelsyndrom. Das kenne ich bereits von den Intensivtouren zu Rad – bei zu starkem Druck auf die Ballen wird in der Handmitte ein Nervenkanal gequetscht. Ist zum Glück nur temporär, aber lästig – ich sollte also weniger an Krücken gehen. In zwei Wochen lerne ich in der Reha wieder ganz ohne Stützen zu laufen, ein Ende ist somit absehbar. Dabei spielt der Kopf eine große Rolle – es sind die Instinkte, die sich nicht umstellen. Dazu kommt das Zurechtfinden in einer Umgebung, die im Gegensatz zu Dir noch immer im Altzustand lebt, sich nicht auf Deine Einschränkungen einstellen kann. Wenn Du im Krankenhaus liegst, merkst Du im Übrigen ganz schnell, wer Deine echten Freunde sind. Leider erkennen das viele zu spät.

Wegen der geschlosenen Scheedecke nur kurz vor die Tür um die frische Winterluft einzuatmen. Dann die tägliche Dosis komplexer Kakaofette mit wunderbarem Schmelz – Schokolade war einst zu recht ein Luxusprodukt. Meine Teenies kommen stolzerhobenen Hauptes vom Friseur zurück. Weitere Radblogüberarbeitung. Ich staune, was ich vor zehn Jahres alles gefahren bin, kann mich daran wie in Flashbacks erinnern, entdecke beim Ausholzen zufällig einen Schnappschuss der Kurklinik, in die ich demnächst einziehen werde.
Zum Abend genieße ich in entspannter Stimmung ein Omelett mit den Kids – strukturierte Hausarbeit in ruhiger Atmosphäre gefällt dem Hüftpatienten mit frisch gewaschenem Haar. Nach ein paar Nachrichtenaufregern zurück zu Bukowskis „Dirty old man“ und Kempowskis Tagebuch – der November 1989 naht! Bettschwer die Ibuprofen des Tages genommen und die Thrombosespritze gesetzt.
