Frank Schott, Leipzig
„Sind Sie spirituell?“, bin ich in dieser Woche gefragt worden. Meine
Antwort war wesentlich differenzierter, als ich sie noch vor fünf Jahren gegeben hätte. „Ich habe das Gefühl, dass es etwas gibt, das größer ist als wir“, sagte ich ausweichend. „Und wünsche mir, dass es eine Gewalt gäbe, von der die guten und die bösen Taten aufgewogen und bewertet werden.“
Das Religiöse beschäftigt mich seit Wochen. Natürlich – es ist die
Weihnachtszeit. Wenn wir der Geschichte Glauben schenken, ist vor etwas über zweitausend Jahren Gottes Sohn geboren worden. In der Zeitung war ein langer Artikel, der die Rolle Josephs, des zumeist unbesungenen Helden beleuchtete. Nimmt das Kind auf, das nicht von ihm stammt, versorgt und beschützt es, kümmert sich. Doch in der Bibel wird nicht ein gesprochenes Wort von ihm übermittelt. Es sind die engagierten und selbstlosen Josephe, die das Salz der Erde bilden und die Welt zusammenhalten. Auf Dich, Joseph!

Wir haben in diesem Jahr trotz Bedenken wegen der Katzen wieder einen Weihnachtsbaum. Zwar versuchen sie gelegentlich nach den Kugeln zu haschen, aber von größeren Katastrophen sind wir bislang verschont geblieben. Unser erster Weihnachtsbaum nach Einzug der Katzen lag nach einem Kinobesuch umgeworfen und abgeräumt auf dem Boden, während die Kater uns unschuldig anblickten. Dieses Jahr haben wir deshalb nur einen Kümmerling zu stehen. „Sieht aus wie ein alter Mann“, sagte ich zu meiner Frau. „Unten buschig, oben kahl.“ Immerhin – abgesehen von kleinen Attacken auf die Kugeln läuft das Zusammenleben von Katzen und Baum bislang sorgenfrei.

Stichwort laufen. Ich jogge ja nicht wegen der guten Vorsätze, sondern wegen der guten Laune. Das Laufen ist mir inzwischen ein ähnliches Bedürfnis wie dem Hündchen das Gassigehen. Im Winter kann man auf der Holzbrücke an der Pferderennbahn regelmäßig ein besonderes Schattenspiel beobachten – wo Licht ist, wird es dunkel und wo es dunkel ist, bleibt es hell. Die Rede ist vom Raureif auf den Planken, der sich im Schatten lange hält, während die Sonnenseite stets vom Eise befreit ist. Malen mit Licht und Wärme. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich dieses Schauspiel erlebe.
Ansonsten ist es einfach nur eisig kalt. Vielleicht sollte ich mir doch eine Laufjacke zulegen? All die Gelegenheits- und Gutvorsatzjogger haben so schöne Jacken: So funktional! So stylisch! So im Schrank verschwindend, sobald der gute Vorsatz vom inneren Schweinehund verschluckt wurde. Andererseits – wie oft ist es wirklich frostig beim Joggen? Wenn es Dich erwischt, musst Du halt schneller laufen, sage ich mir. Und tatsächlich hat es bislang immer funktioniert – noch bin ich jedenfalls nicht erfroren.

Die Straßen Leipzigs sind am ersten Feiertag wie leergefegt. Die Kreuzungen, an denen sich sonst die Autos drängeln und die Fahrer die guten Sitten für einen vorderen Platz an der Ampel opfern, stehen nackt und leer. Ampeln leuchten sinnlos wie vergessener Weihnachtsschmuck zu Ostern. Die wenigen Fußgänger sind dick eingepackt und ducken sich an die Häuserwände, um dem frostigen
Wind zu entkommen. Am Zugang zur U-Bahn zittern zwei Raucher, die sich das Warten auf die S-Bahn mit einer Zigarette verkürzen.

Wir fahren nach Thüringen zu den Schwiegereltern. Auftakt ist das
Weihnachtsbuffet im „Burghof Kyffhäuser“, zu dem die Großeltern die Familien ihrer Kinder eingeladen haben. Der Wald unterhalb des Denkmals ist verzaubert: Obwohl kein Schnee liegt, hat Raureif alle blattlosen Bäume in ein die Augen fesselndes Gewand gehüllt. Es ist so bitterkalt, dass wir vom Autos zum Gasthaus fast rennen. Auf der Speisekarte steht das Fleisch des grimmschen Märchenwaldes: Schwein, Ente, Gans, Huhn, Hirsch, Rind, Fisch … ich glaube, nur Hund, Katze und Esel der Bremer Stadtmusikanten fehlen.

Eisig kalt ist auch der zweite Feiertag. Der Wind bläst scharf und lässt die Temperatur deutlich niedriger als die ausgewiesenen -7 Grad Celsius erscheinen. Der Bach beginnt an den Rändern zu gefrieren, aber noch läuft das gurgelnde Wasser der Kristallisation davon. Schilf, das mit Raureif bedeckt ist, wiegt im beißenden Wind. Die Felder liegen im Nebeldunst, der sich in der schwachen Wintersonne hartnäckig hält.

Mir geht vieles durch den Kopf. Beim Gehen ist die Wahrnehmung anders als beim Joggen. Mir wird bewusst: Laufen lehrt einen Lebendigkeit, Gehen lehrt Achtsamkeit. Ich denke an meine siebenundneunzigjährige Schwiegeroma, die im Heim aktuell
wieder kraftlos dahindämmert. Das Herz schlägt brav und laut, doch der Körper liegt teilnahmslos unter einer Decke, die sie mit einem Arm umklammert. Ihr Schlafgewand wird von Besuch zu Besuch weiter. Sie spricht kein Wort, ihre Augen blicken trübe ins Nichts.

Bei diesem Spaziergang stelle ich mir das menschliche Leben als einen riesigen Baum vor, jeder Mensch ein Blatt, die Familie ist ein Zweig. Manche Blätter werden achtlos, durch Unfall oder Dummheit abgerissen. Ganze Äste werden abgetrennt – böswillig durch die Axt des Krieges, unfreiwillig durch Katastrophen. Manche Blätter werden krank, andere scheiden aus Verzweiflung vom Baum. Das Blatt der Oma hat dem Leben so viel Gutes, so viel Liebe, so viel Kraft gegeben. Nun ist es welk und schwach. Es genügt ein sanftes Pusten Gottes, um es vom Baum zu wehen.

An der Bahnschranke muss ich auf einen der wenigen Züge warten, der die Kleinstadt noch anfährt. Er ist menschenleer. Tauben und Elstern streiten sich krakeelend um Essensreste. Ein Vater spielt mit seinem Sohn im Käfig eines eingezäunten Kleinfelds Fußball. Ein kleiner mopsartiger Hund, der auf mich zu rennen will, wird vom Frauchen so kurz an der Leine gehalten, dass er beinahe auffliegt, seine wütenden Beine berühren kaum den Boden. Aus einem Garten grüßt eine Buddhafigur mit einer Weihnachtsmannmütze auf dem Kopf. Menschen winken aus Autos, die sich aus Parklücken fädeln, um aus dem Weihnachtswunderland in den Alltag zurückzukehren. Stock- und Mandarinenten watscheln übers Wasser wie einst Jesus über den See Genezareth – nur dass sie Eis unter den Füßen haben.

Ich muss an unsere Kaffeerunde denken. Wir Jüngeren zeigen den Großeltern, was KI (wir nennen sie Keine Intelligenz) mit ein paar
Bruchstücken an Angaben für Realitäten erschaffen kann und wie vorsichtig man um Umgang damit sein muss. Wir lachen über ein KI-generiertes Gedicht über Eierlikör, schmunzeln beim Betrachten eines „Selfies“ von Gladiatoren und lassen dann ein Bild erstellen, auf dem sich die Hirten an der Jesus-Krippe fotografieren. Das Erschreckende: Genau so würde es heute vermutlich ablaufen.

Dann ist Weihnachten 2025 Geschichte. Isch ower, wie der Badener sagen würde. Während die ersten bereits ihre Bäume entsorgen, füllen sich auf unserem Weihnachtsmarkt die Müllcontainer. Die Verkaufsbuden werden schnell abgebaut, damit sie an Silvester nicht das Opfer von Pyrotechnik werden.
Auch dieses Jahr erschallt der Ruf nach einem Böllerverbot. Was gibt es nicht alles für gute Gründe: Die Tiere. Der Lärm. Die Umwelt. Die Verletzungsgefahr. Die überfüllten Notaufnahmen. Der Dreck. Der Feinstaub. Die Geldverschwendung. Nichts lieben wir Deutschen so sehr, wie den Staat entscheiden zu lassen, was gut für uns ist. Ausnahme ist das Silvesterfeuerwerk – da ballern wir uns zum Jahreswechsel kollektiv den Frust von der Seele. Neben der fehlenden Geschwindigkeitsbegrenzung auf den Autobahnen ist das der letzte Hort der Anarchie. Und wenn sich trotz aller Warnungen wieder ein Dummkopf mit selbstgebastelten Böllern ins Jenseits befördert, so hat das der Genpool wohl einfach mal hinzunehmen.
