Frank Schott, Leipzig

Verkaufsoffener Sonntag am vierten Advent. Die Innenstadt ist brechend voll, insbesondere der Weihnachtsmarkt mit seinen dicht umlagerten Buden. Die größten glühweinseligen Menschentrauben finden sich jedoch außerhalb in den Nebenstraßen zusammen, wo das Heißgetränk für 2,50 Euro abgegeben wird. Hier erfolgt das sogenannte Vorglühen, bevor man sich den einen oder anderen hochpreisigen Glühwein in der originalen Weihnachtsmarkttasse gönnt.
Während ich versuche, mir einen schnellen Weg durchs Gedränge zu bahnen, um meine Frau vom Hauptbahnhof abzuholen, stoße ich auf alle denkbaren Arten von Kindern: Bockig schreiende, bei denen wahlweise mit Drohungen oder Versprechungen versucht wird, sie zu disziplinieren. Weinende und lachende, verängstigte an der Hand eines Elternteils. Mädchen und Jungs, die an Wänden stehen und von ihren Erzeugern oder Großeltern aufgrund der Witterung oder eines Malheurs umgekleidet werden. Trotz der vielen Kinder sind die Erwachsenen in der Überzahl – ununterbrochen spucken die Bahnhöfe tausende von ihnen aus, um sie dann später, nunmehr wohlig angetrunken, wieder zu verschlucken. Im Lichterglanz der Bahnhofshalle buhlt das übliche Fastfood mit weihnachtlicher Schnellkost um Kunden.

Nach fast einhundertstündiger Familienwache am Pflegebett ihrer siebenundneunzigjährigen Großmutter kehrt meine Frau zu uns nach Leipzig zurück. Im Gepäck hat sie verhalten optimistische Berichte: Die Oma saß am Sonntag erstmals wieder im Bett und hat eine kleine Portion fester Nahrung verspeisen können. Dabei äußerte sie den Wunsch, die nächste Mahlzeit im Rollstuhl sitzend, gemeinsam am Tisch mit den anderen Senioren zu verbringen.
Ihr Herz schlägt kräftig, deutlich messbarer Puls, berichtet meine Frau.Gute Blutsauerstoffwerte, berichtete die behandelnde Ärztin. Unser kleines Weihnachtswunder? Auf jeden Fall Dankbarkeit bei allen Familienmitgliedern für die geschenkte zusätzliche Zeit mit der Oma. Dankbarkeit für die gemeinsamen intensiven Stunden an ihrem Bett im Pflegeheim. Ich verwende den Ausdruck „Abschiednehmen“ für diese Momente nur sehr ungern, auch wenn das zweifellos ein wesentlicher Aspekt des Zusammenseins war. Ein Abschiednehmen, das zehntausenden Menschen und ihren Angehörigen hierzulande aufgrund des grausamen Corona-Regimes verwehrt wurde. Auch wenn unsere Gesellschaft sich davor scheuen mag, die aufgeladene Schuld beim Namen zu nennen, wird vielleicht eines Tages die Geschichte darüber richten – oder eine Instanz im Jenseits, welche die Worte, Absichten und Taten der dafür Verantwortlichen abwägt.

Dankbarkeit anderer Art, dass ich an diesem Sonntag das erste Mal seit Wochen unbeschwert meine Laufrunde absolvieren kann. Die Parkwege sind voller Menschen mit und ohne Hund, mit und ohne Kind – vorgezogene weihnachtliche Verdauungsspaziergänge? Auch viele Läufer sind unterwegs – einige quälen sich, angetrieben von ihren guten Vorsätzen, während andere sportlich flott im Rennen gegen den Fitnesstracker sind. Ich sehe mich eher am dynamischen Ende der Skala – mit altersbedingen Einschränkungen, denn ich bin keine zwanzig mehr. Inklusive witterungsbedingter Umwege werden es am Ende 8,9 Kilometer, die ich in unter 48 Minuten absolviere.

In diesem Jahr fällt die Wintersonnenwende auf den letzten Sonntag im Advent – es ist der Tag mit der kürzesten Zeit zwischen Auf- und Untergang unseres Zentralgestirns. Die Sonne entschädigt für ihr flüchtiges Erscheinen mit warmen Strahlen, die Bäume und Pflanzen glühen lassen. Als ich ihr entgegen laufe, bin ich so geblendet, dass ich die Augen zukneifen muss. Welch ein Licht! Auch dafür bin ich dankbar.
