Christoph Sanders, Erbach und Thalheim
Bericht aus dem Kreiskrankenhaus in Erbach im Odenwald – Teil 4.

Der Tag beginnt im Sausetakt: Halb fünf kommt die Nachtschwester aus Wald-Michelbach (ich empfahl mich als ortskundig), um sieben Blutentnahme, um halb acht Frühstück – dieses mit den familiären Ergänzungsmitteln Banane, Rote Bete, Grapefruitdirektsaft. Von der gesamten Krankenhausnahrung ist eigentlich nur der Naturjoghurt (den es auf Wunsch gibt) gesund. Die NZZ berichtet über japanische Rettichzüchter, die auf winzigen Parzellen arbeiten (bergiges Land). Alles geschieht im Familienverband. Die steigenden Temperaturen bringen traditionelle Zyklen wie den Erntedankritus durcheinander. Durch den Morgen mit Henryk Góreckis „Miserere“ – ganz groß!

Mir wird mitgeteilt, dass meine Werte jetzt erlauben, dass ich nach hause kann! Einlieferung ins Krankenhaus am zweiten, Entlassung am dritten Advent. Mein Sohn übernimmt den Rücktransport – zweieinhalb Stunden im perfekt dafür geeigneten Espace, unserem Familienwagen. Bevor ich einsteige, werden die cremefarbenen Lederbezüge entstaubt. Der Cappucino von der JET-Tankstelle Erbach versüßt mir den Abschied von der Stadt des Zulieferers Rexroth und des Plastikspezialisten Koziolin. Ich genieße Vollgas und Rechtskurven und die wechselnden Liegestellungen meines Sitzes – lediglich die Bremsungen schmerzen. Mein Junge, der noch nie so eine weite Strecke alleine gefahren ist, meistert den dichten Verkehr und ist am Ende genauso erledigt, wie ich stolz auf ihn bin. Im Haus teste ich diverse Sitzgelegenheiten, einschließlich des schön harten WC-Sessels. In der Küche fällt die Wahl auf den alten Babystuhl, in dem ich alle meine Kinder befüttert habe. Massiv verleimte Buche, höhenverstellbarer Halbschalensitz und robuste Armlehnen – ein gutes Sitzgefühl. (Das Futterbrett wurde natürlich entfernt.) Ich lege meine Thrombosespritze bereit und nehme eine Ibuprofen. Ich bin latent müde und höre ein wenig Musik. Das Wundwasser kommt aus dem Gewebe und drückt, also gehts mit Schmerz in die Horizontale.

Mich wecken vertraute Stimmen, die allesamt keine Lust auf Schule haben. Fantastische Kinder, die voller Mitleid auf ein Elefantenbein schauen und sofort begeifen, was es heißt, nicht mehr an eine Tasse oder die Mikrowelle zu kommen, fürs Hinsetzen ewig zu brauchen und dabei die ganze Zeit auf die Vermeidung von schmerzhaften Positionen konzentriert zu sein. Ich habe ordentlich geschlafen. Mein Müsli ist eingeweicht, es gibt nach einer Woche endlich wieder richtigen Tee, Feta, Hühnereier und Dvořáks Streicher aus Boxen.

Hier haben sich nun die Rollen vertauscht: Die Jüngste kocht für mich. Ich sitze da und gebe Tipps, zum Beispiel wie man schonend eine heiße Kartoffelschüssel abkippt. Mein Kind ist im letzten halben Jahr von 1,50 auf 1,70 m gewachsen und berichtet von Problemen mit der Koordinierung, was ja im Vollwachstum der Pubertät völlig normal ist, da das Gehirn langsamer nachwächst. Trotzdem werden später Hausaufgaben gemacht und gelernt. Die Teenies sind da. Der Ofen will nicht recht. Wir essen Brote mit Orangenmarmelade. Am Abend die Thromboseinjektion – und Fragen: Ungefähr zwei Wochen dauert der Abbau des Hämatoms. Wo könnte ich zur Physio? Muss ich? Oder reichen meine Lymphmassagen und Übungen daheim? Ich werde nichts überhasten, im Moment ist am wichtigsten, dass die Wunde dicht bleibt. „Éclairs sur l’Au-Delà…“ vom exaltierten Olivier Messiaen – durch Musik drückst du genau das aus, was für die KI völlig überflüssig ist. In der Klinik drang aus dem Gruppenraum der Schwestern und Pfleger oft Lachen – auch das war ein guter Sound.
