Frank Schott, Leipzig
Da am Dienstag die ganze Familie tagsüber zu hause ist, gehen wir früh zum Weihnachtsmarkt. Ein Weihnachtsmarkt am Tag ist wie ein Körper im grellweißen Scheinwerferlicht – man sieht alles sofort, es bleibt nichts, was sich langsam entdecken ließe und den Betrachter noch verführen könnte.
Immer wieder irritieren mich Schilder, auf denen für „frische“ Produkte geworben wird. Was dürfte ich als Kunde denn sonst erwarten? Schimmliges Brot? Altes Fleisch? Verrottetes Gemüse? Das wäre doch mal was, wenn ein Gastwirt mit „schlechtem Essen, unfreundlicher Bedienung und überteuerten Preisen“ werben würde.
Von den überteuerten Speisen mag ich nichts zu mir nehmen – keine Waffeln, keinen Flammkuchen, keine Kräppelchen, kein Handbrot. Die Fischräucherei hat wie üblich reichlich Holz vor der Hütte. Ein Lachsbrötchen? Gibts ab 8,50 Euro. Auch da sag ich: „Danke, nein.“

Ich merke, dass ich immer mürrischer werde – vielleicht gar nicht so wegen der Preise, sondern weil mein Rücken weiterhin Probleme macht. Am Montag habe ich die Wärmetherapie abbrechen müssen, da er förmlich vor Schmerz brannte. Nur nicht darüber nachdenken.

Auf den Treppenhäuschen der Tiefgarage unter dem Augustusplatz, die von den Leipzigern „Elefantenklos“ genannt werden, tummeln sich dutzende Tauben. Sie hocken da wie Empörungsfetischisten auf Social-Media-Plattformen, die auf die nächste Äußerung eines Prominenten hoffen, die sich fehlinterpretieren lässt. Und genau wie diese stieben sie wild um sich schlagend hoch, erschrecken mit ihrem Ansturm Passanten, umkreisen einmal den Mendebrunnen und setzen sich wieder hin. Hatte etwa jemand „Stadtbild“ gesagt?

Ich trotte zum Wochenmarkt, der für den Weihnachtsmarkt vom Stadtzentrum an den Rand des Innenstadtrings weichen musste. Trotz der miesen Laune esse ich dort dann etwas: Bismarckhering auf laberigem Brötchen mit welkem Salatblatt, immerhin für günstige drei Euro. Nachdem ich fertig bin, habe ich Schwierigkeiten, die Serviette zu entsorgen. Sie einfach fallen lassen? Meine Generation tut das nicht. Dann finde ich einen Tauschpartner – eine lokale Gemüsehändlerin wirft sie hinter ihrem Stand für mich weg, ich nehme im Gegenzug einen Kilosack frischen Grünkohl mit.

Da ich auch zu hause weiter mit mir herumhadere, erteilt mir meine Frau die Anweisung: „Geh radfahren, du bist nicht auszuhalten.“ Das ist in der Tat eine gute Idee. Ich entscheide mich für eine verkürzte Seentour – irgendwas zwischen 30 und 40 Kilometern werden es wohl werden.
Die Bewegung tut mir gut, der Rücken macht keine Probleme. Nur der Start gerät beinahe zum Fiasko, da ich mit einem Alternativen aus Connewitz, der seinen Schäferhund unangeleint auf der Mitte des Weges trotten lässt, in einen Disput gerate. Weil ich nicht weiß, ob der Hund sich für die linke oder rechte Seite entscheiden wird, bremse ich. Während ich zum Stehen komme und der Hund sich für links entscheidet (natürlich!), faucht der junge Mann: „Brauchst wohl einen Stock zwischen die Speichen?“ Ich bin vollkommen verblüfft von der Feindseligkeit und antworte: „Ich wollte einfach nur deinen Hund nicht anfahren.“ Er schimpft weiter, was ich aber nicht mehr genau verstehe, weil ich mich bereits wieder in Bewegung gesetzt habe. Zum Abschied recke ich die rechte Faust nach oben und strecke den mittleren Finger gen Himmel. Der Autonome explodiert vor Wut. Nichts vermehrt sich so schnell wie miese Stimmung.

Am Cospudener See bringt mich zum Glück die einbrechende Dämmerung auf sanftere Gedanken. Die untergehende Sonne in meinem Rücken taucht die letzten Hagebutten in ein zauberhaftes Licht. Wenig später sehe ich das illuminierte Völkerschlachtdenkmal. Es ist die blaue Stunde – nur wenige Menschen sind hier: ein Jogger, ein Vater mit Kind und ich. Auf dem Heimweg begleitet mich der röteste Abendhimmel seit langem. Wenn die drei Weisen aus dem Morgenland ein solches Leuchten erblickt haben sollten, wundert es mich nicht, dass sie sich auf den Weg nach Bethlehem machten. Ich kann mich kaum sattsehen und halte auf einer Brücke, um diesen Moment noch mehr zu genießen. Eine Radfahrerin stoppt neben mir. „Unglaublich, oder?“, sage ich. Sie nickt: „Beeindruckend“.

Tiefenentspannt radle ich die letzten zwei Kilometer nach Hause. Aus einem grauen wurde ein leuchtender Tag. Welchen Unterschied ein Ausflug doch machen kann! Für einige Zeit waren sogar die Schmerzen vergessen.
