Christoph Sanders, zur Zeit Erbach
Bericht aus dem Kreiskrankenhaus in Erbach im Odenwald – Teil 2.

Ein sonniger Donnerstagmorgen mit viel Bewegungssport, Röntgen und der Vernähung des Lecks an der OP-Narbe. Ich verzichte auf die Spritze, was besser geht als gedacht. Die Wundbehandlung plus Nachkontrolle verschiebt meine Entlassung auf Montag. Außerdem habe ich noch Jungpfleger Kevin bei seiner Prüfungsstunde zu unterstützen – so erspare ich ihm z.B. den gemeinsamen Stuhlgang. Er bekommt eine Zwei bis Drei, womit er voll zufrieden ist. Nun darf er einen weißen Kittel tragen und vor allem: einen Kugelschreiber. Das Personal hier trägt Kulis wie Russische Obristen ihre Orden, wobei es je nach Hierarchiestufe Unterschiede gibt – bei der Ärztin, die mich vernähte, blitzte ein silbernes Schreibgerät aus der Tasche. Kevin und ich grüßen uns jetzt als Männer, die etwas gemeinsam überstanden haben. Überhaupt ist das Pflegeteam top, auch der externe Physiomann, der mir Krückentanzschritte an der Treppe beibrachte. Die richtige Reha startet am 3. Februar in der Lahnklinik.

Ich habe das Zimmer nun für mich allein, mein ausgesprochen netter Zimmergenosse Matthias wurde als geheilt entlassen. Er erzählte viel aus seinem bunten Leben: 1956 flieht er als Sechsjähriger mit seiner Familie aus der DDR. Sie kommen ins Lager nach Zehlendorf. Da der Vater zufälligerweise in der sibirischen Gefangenschaft der Assistenzarzt des Barackenleiters war, bekommen sie bald ihr Essen aus Tellern. Die Einheimischen mögen keine Flüchtlinge und machen immer das Entlausungszeichen, wenn ihnen einer über den Weg läuft. Gleich nach dem Mauerfall fährt Matthias in seinen alten Heimatort Bad Elster und bricht, von Erinnerungen überwältigt, weinend vor dem Elternhaus zusammen. Nach dem Abitur studiert er Geologie in Marburg, promoviert; kartiert Gesteine in Lappland, wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt. Beschäftigt sich früh mit IT, bringt sein Wissen in eine Softwarebude ein, die nicht mit Programmiersprache, sondern Enstscheidungsbäumen arbeitet. Er kommt viel herum, ist mal hier, mal da angestellt, wobei es ihn regelmäßig nach Kanada zieht. Von seinen Arbeitgebern erbittet er sich immer sechs Wochen Urlaub am Stück, so dass er beispielsweise den Yukon River herunterpaddeln kann. In den Reservaten sieht er viele Indigene, die im Suff dahinsiechen. Die USA hasst er, seit er dort mit sechzehn wegen „unamerikanischen Verhaltens“ von der Schule flog – er hatte die Flagge nicht gegrüßt und wird fortan auf offener Straße als Dirty German beschimpft.

Am Dienstag sieht Matthias aus unserem Krankenzimmerfenster während des Sonnenuntergangs lange zum Waldsaum hin, erzählt, dass er jeden Tag aus seinem Kindergarten in Bad Elster davonlief, weil er unbedingt in den Wald wollte. In Westberlin brachte sein Vater aus einer Zoologischen Tierklinik Fledermäuse mit nach hause, spannte im Keller Klingeldrähte auf, und bewies so seinen Kindern, dass die Fledermäuse die Drähte im Dunkeln umfliegen.

Grafiken: Helko Reschitzki
