
Der Bademonat November endet damit, dass ich am Schlachtensee feststellen muss, dass ich mein Handtuch vergessen habe. Vorteil des kühlen Wetters: Da ich mehrschichtig bekleidet bin, kann ich eines der T-Shirts zum Abtrocknen benutzen. Das Wassertemperatur liegt die Woche stabil bei 4 Grad. Mit den Neoprenhandschuhen ist das gut auszuhalten, auch wenn meine Schwimmrunde mit vierzig Zügen nun etwas kürzer geworden ist – man darf nicht auskühlen! Ein paar mal erwischen mich Wind und Regen, was unangenehm ist. Himmel, Wald, Ufer und Wasser wie auf einem grauen Aquarell, das nicht trocknet; die Sonne eine 20-Watt-Glühlampe, die hinter der ungeputzten Milchglasscheibe einer Fünfzigerer-Jahre-Psychiatrie spinnwebenbehangen von der Decke baumelt. Man bekommt sie ja eh kaum noch zu Gesicht – aber wie sagte eine Mitbaderin: „Nur noch drei Wochen, dann wirds wieder länger hell.“ Daran festhalten.

Nachdem meine bronchialkranke Tischtennismitspielerin nebenbei fallen ließ, dass ihr gesamtes Umfeld aus Angst vor Ansteckung den Kontakt zu ihr meiden würde, besuche ich sie zweimal und bringe ihr eine speziell auf ihre Symptome abgestimmte Teemischung, etwas Naschwerk und ein Fläschchen Bromhexin mit. Die Tropfen, ein synthetisches Derivat des Wirkstoffs Vasicin, den man im Indischen Lungenkraut findet, nahm ich bereits als Kind ein. Beim Kauf möchte mir der Apotheker Einnahme und Wirkung erklären, woraufhin ich ihn unterbreche und sage, dass ich in der DDR aufgewachsen sei. Er lacht: „Na dann wissen Sie ja bescheid – das war ja Bronchitismittel Nummer eins im gesamten Ostblock.“ Damit die Hustende mal aus der Wohnung rauskommt, schlage ich eine kleine Runde ums Karree vor. Um ihre leidende Lunge nicht gleich mit zu viel Sauerstoff zu überfordern, zündet sie sich vor dem Haus sofort eine Zigarette an. Ich partizipiere, da der Tabakqualm den Pilzpfannengeruch vom nahen Weihnachtsmarkt überdeckt. Wir schlendern über diesen und halten für einen heißen trüben Apfelsaft, respektive Glühwein inne. Durch eine raffinierte Manipulationstechnik aus dem Kalten Krieg (die Dame ist gebürtige Westberlinerin!) werde ich dazu gebracht, einem Selfie zuzustimmen. Wir sehen auf dem Bild entspannter aus als Prinz Willi und Katrin auf dem offiziellen Christmasfoto aus dem Frogmore House in Windsor. Vom Stand mit den kandierten Äpfeln dringt „Last Christmas, I gave you my heart. But the very next day, you gave it away“ zu uns herüber. Grün-weiß-rot blinken die Lichter.

Anlässlich des zum achten Mal veranstalteten Nikolauslaufs drehen ein paar tausend Läuferinnen und Läufer aller Altersstufen ihre Runden um den Schlachtensee. Viele sind kostümiert – ich sehe Nikoläuse, Weihnachtsmänner, Elfen, Wichtel, Rentiere, Chriskinder, Engel und sogar einen rosa Osterhasen (antizyklisches Denken ist extrem wichtig!) Als ich aus dem Wasser komme, winken mir einige der Teilnehmer fröhlich zu, ich winke, nur mit meiner Rollrandmütze und den großen schwarzen Neoprenhandschuhen bekleidet, zurück.

Hit der Woche: „Gehn wir heut, gehn wir heut noch, gehn wir heut noch bissel raus? / Vielleicht nicht gleich zum Schwanensee, doch wenigstens zum Ententeich? / Und den Dreck spülts von der Pranke in den Schlamm am Grund der Panke“. So loopt sich seit Donnerstag die Stimme Kai Pohls durch meinem Kopf. Eingepflanzt wurde der Hit in der Kultur- und Schankwirtschaft BAIZ in der Schönhauser Allee während der Vorstellung von „Sterne über Astrachan“, Kais neuem Werk im Autumnus Verlag. Ein schön gemachter Band mit einhundert Gedichten aus knapp vierzig Jahren, illustriert von Paula Krause, deren Grafiken vor Ort aushängen. Kai trägt vor, Michael Lapuks begleitet ihn auf der Gitarre, es werden zwei sehr poetische und meditative Kurzfilme von Jörg Broksch zu Texten aus dem Buch gezeigt. Es ist rappelvoll; ich teffe einige Freunde und Kolleginnen, berede dieses und jenes, zurre Pläne fest. Fein gefüllte Stunden.

Das Buch von Kai: www.autumnus-verlag.de/Webseiten%20Einzeltitel/Sterne%20ueber%20Astrachan.htm (Ein prima Weihnachtsgeschenk!)
