Christoph Sanders, Thalheim

Ein grautrüber Donnerstag, an dem es der Quecksilberstrich knapp über Null schafft. Punkt 6h50 kippt der Verkehr auf der Landstraße von belebt (20 KfZ/min ) zu intensiv (40 KfZ/min). Unser aus Le Mans zurückgekehrter Teenie vermisst das schlechte, aber lustige Frühstück mit den Kids der Gastfamilie. Ich lese einen Artikel über eine Sechsjährige, die etwas Unwahrscheinliches, Großartiges machte: Bei einer Verkehrskontrolle in Wien zeigte das Mädchen mit einem versteckten Handzeichen den Polizisten an, dass es in Gefahr ist. Die Beamten reagierten sofort – es stellt sich heraus, dass sie, ihre Mutter und ein Geschwisterkind gerade entführt werden. Der Täter, ein Iraki, ist der Ex-Partner der Frau. Solche Berichte aus der „Welt der Anderen“ finde ich extrem wichtig, da diese Menschen kaum einmal irgendwo erwähnt werden. Aber sie leben hier: In den alten, verfallenen Siedlungen, die der „Strukturwandel“ vergessen hat, im Neubauviertel am Rande der Stadt. Vermutlich lernt man so etwas wie den stillen Hilferuf von Geschwistern oder Gleichaltrigen – Kinder erzählen sich ja viel mehr als ihren Eltern. Das SOS-Zeichen wurde im Frühjahr 2020 eingeführt, da durch die Maßnahmen gegen das Coronavirus die Fälle von häuslicher Gewalt weltweit zunahmen.

Auch der Freitag zwielichtig, um 8 Uhr war kaum Sicht. Am Bahnhof erkenne ich eine Gruppe Schüler lediglich an den Reflektoren ihrer Funktionsrucksäcke. Kleine Besorgungen in der kleinen Stadt. Bei Aldi sehe ich eine gestresste Revisorin in ein Panzer-I-Pad Daten eingeben, die sie anschließend mit dem Marktleiter bespricht. Im Lidl lausche ich fasziniert dem Beep, wenn ein Kunde sein Phone an die Kassen-App-ID hält – wir werden das Verschwinden des Bargelds erleben, und es wird schnell kommen. Beim Metzger bekomme ich wunderbares Kotelett und grandiose Leber. Neues Graffiti auf dem Zug aus Italien: „Der Soldat, der das Spiel von der anderen Seite betrachtet“. Wieder zurück sondiere ich die Wetterberichte diverser Anbieter. Im Radio gibts widersprüchliche Angaben, nur Temperatur und Niederschlag, ohne dass die Gesamtlage beschrieben wird – keine Hoch- und Tiefdruckgebiete, keine polaren oder atlantischen Strömungen, keine sibirische Lage. Die Zuhörer können sich das wohl nicht merken. Vorbereitung für den Odenwald-Trip am Sonntag. Die Gruppe überlegt, die 200 Kilometer ohne Proviant zu fahren. Ich werde drei Marzipanstangen einpacken, das haut dann schon hin …

Am Abend Endiviensalat. Im Ofen verbrennen Holzscheite. Ich lasse den Tag mit einem sechzig Jahre alten Dokumentarfilm sacken, für den der australische Journalist Robert Hughes Vladimir Nabokov in dessen neuer Heimat Montreux besuchte. Natürlich monologisiert der Dichter und Lepidopterologe auch über Schmetterlinge: „Ich jage gern nackt, aber ich bezweifle, dass heute etwas Interessantes dabei herauskommen wird. Dieser hübsche Weg am Ufer des Genfer Sees wimmelt im Sommer nur so von Schmetterlingen. Nicht weit von hier kommen Chapman’s Blue und Mann’s White vor, zwei eher lokale Arten. Aber die weißen Falter, die wir an diesem an diesem schönen, aber unspektakulären Herbsttag an diesem besonderen Hain sehen, sind gewöhnliche Weißlinge: der Kleine Kohlweißling und der Grünader-Weißling. Ah, eine Raupe. Vorsicht beim Anfassen! Ihr goldbrauner Pelz kann einen hässlichen Juckreiz verursachen. Dieser stattliche Wurm wird im nächsten Jahr zu einer fetten, unscheinbar graubraunen, hässlichen Motte heranwachsen.“

Auch der Nikolaustag beginnt kalt und nieselig, wird aber von mir durch Kakaoendprodukte versüßt. Möge der Regen durchziehen – am Sonntag auf dem Rad kann ich ihn nicht gebrauchen. Ich bringe am Vormittag den Sohn Richung Billigflug nach Szeged. Die Mutter hat genickt – bittesehr. Es gibt kaum einen beschissener gelegenen Flughafen als den Hunsrück Airport Hahn (früher US Air Force, nach 1993 zivil genutzt; daneben die Polizeiakademie Rheinland-Pfalz). Vom kostenpflichtigen Parkplatz bis zum windoffenen Gate sind es fünfhundert Meter – ich lass den Sohn gleich an der Türe hinaus. Alles ist so eingerichtet, dass es kaum Platz für Kurzparker gibt – grenzbescheuert. Die Betreibergesellschaft ist seit Jahren faktisch pleite und wird, nachdem alle möglichen Investoren abgesprungen sind, aus Landesmitteln am Leben gehalten. Sozialismus 2.0 …

Am Abend das Rad für den Mittelgebirgsausflug klarmachen, Stiefel imprägnieren, Ersatzwollsocken und eine Regenjacke bereitlegen.
Die Jüngste mit heftigem Infekt im Bett, isst selbstgemachte Pizza und langweilt sich. Das Außenthermometer zeigt 8 Grad Celsius.
