Helko Reschitzki, Moabit
Der Samstag beginnt mit zwei Schrecken: Gerade als ich von der Putlitzbrücke aus ein Foto vom Sonnenaufgang machen will, knallt haarscharf an meinem Kopf eine Taube vorbei – ich drücke ab; die Sonne ist nicht mit aufs Bild gekommen. Und am Schlachtensee fragt mich meine sichtlich aufgewühlte Lieblingsmitschwimmerin, ob ich schon das mit den Reihern gehört habe – die wären alle tot! Ich bin vollkommen geschockt: „Was?!“ Sie: „Ja, die haben den Winter nicht überlebt.“ Schlagartig bin ich erleichtert: „Doch, haben sie! Ich habe die oft in diesem Jahr gesehen, gerade neulich war wieder einer hier in der Bucht.“ Nun strahlt sie übers ganze Gesicht und schüttelt den Kopf über den Mann, von dem sie die böse Story hat.

Dann reden wir ein wenig über die leicht schillernden Schlieren, die heute auf dem See zu sehen sind. Wahrscheinlich eine ultradünne Schicht aus Mikroorganismen („Kahmhaut“) nebst abgewaschener Sonnencreme. Deren UV-Filter blockieren das Sonnenlicht, wodurch Kleinstlebewesen absterben können, deren Zersetzungsreste dann aufsteigen. Nachdem die Mitschwimmerin entschwunden ist, soll ich nicht lange alleine bleiben – von der anderen Buchtseite winkt der Fahrzeugkonstrukteur herüber, und zu mir auf die Bank gesellt sich ein mir unbekanntes Ehepaar. Sie wird die nächste halbe Stunde kein Wort sagen, ihr zweiundsiebzigjähriger Mann erzählt hingegen ausführlich von den riesenfensterfrontbedingten Hitzeproblemen in seinem 120 qm-Loft in der ehemaligen Garbáty-Zigarettenfabrik in Pankow: Ein ewiger Kampf um Bauvorschriften, Denkmalschutz und eine Klimaanlage, dazu Handwerkermangel, Pfusch – das Übliche. Von den technischen Details angelockt, schleicht der Ingenieur herüber und fadet sich ins Gespräch ein – es wird noch kleinteiliger. Dann sagt der Pankower, dass der Ärger aber nichts gegen den Rechtsstreit sei, den er seit Jahren führt – er gehört zu denen, die einen Impfschaden durch Astra Zeneca erlitten haben und nun um Anerkennung der Folgen kämpfen. Kein leichtes Unterfangen. Er hat sich nur impfen lassen, um die ausländische Familie seiner Frau besuchen zu dürfen. Er schildert das alles sehr nüchtern, auch, dass er Jahrzehnte an vorderster Front in der Pharmaindustrie arbeitete – „das hat den Vorteil, dass ich selbst die aktuellsten internationalen Studien auswerten und für meinen Anwalt zusammenfassen kann“.
Dass es beim Thema Corona in Deutschland irgendwann einmal zu einer ehrlichen Aufklärung kommt, glaubt er inzwischen nicht mehr.

Eigentlich will ich am Nachmittag kurz nach Mitte zur Fuckparade, der kleinen, dreckigen Gabbaschwester der Loveparade, die jetzt unter dem Nachfolgernamen Rave The Planet gGmbH firmiert. Da die Thermometeranzeige hurtig auf 35 Grad klettert und die trockene Hitze die Schläfen verschraubstockt, bleibe ich dann aber lieber zu Hause – da draußen zwischen Asphalt, Steinen, Beton und alten Partypiepeln wird so etwas ja nicht besser. Als ich um 20:30 Uhr aus meinem Biomarkt komme, sehe ich über dem Kleinen Tiergarten einen pastelligen Sonnenuntergang. Die ihn flankierenden Wolken verheißen Abkühlung – vielleicht wird es ja noch regnen.

Die Wolken vom Vorabend haben sich nicht nur über Nacht abgeregnet – es ziehen am Sonntagmorgen sogar immer weitere auf.

Am See sind kaum Menschen – ab und an mal ein Gassigeher mit feuchtem Stinkehund oder ein Jogger; in der einen Bucht sitzt jemand im Regenumhang und betrachtet die hochspringenden Tropfen. Ich habe die Badestelle heute für mich allein – auch schön.

Nur noch ein paar Tage, dann ist die Brombeersaison vorüber – wie schnell das ging! Umso mehr genieße ich die letzten Früchte. Der Regenschirm leistet mir beim Zweigewegdrücken gute Dienste – ich beginne zu ahnen, warum die Profis immer einen Stock mitführen.

Auch am Montag gibt es viele Schauer – für die Pflanzen, Böden und Tiere freut es mich. Starke Abkühlung der Luft auf 15 Grad Celsius – in anderthalb Tagen ein Temperaturunterschied von 20 Grad; damit hat manch ein Körper zu kämpfen, der meine aber zum Glück nicht. Auf dem Weg zur Ringbahnstation Westhafen bestaune ich einmal mehr spektakulär changierende Lichtspiele und Wolkenbilder.

Am See treffe ich zum zweiten Mal auf den neuen Mitschwimmer, einen etwa zehn Jahre älteren, sehr sympathisch wirkenden Mann. Der kommt mit dem Rad, legt seine Sachen auf der Buchtbank ab, um dann die 5-Kilometer-Uferwegrunde zu laufen und hernach einmal ans andere Ufer zu schwimmen. Wir unterhalten uns über die Wichtigkeit der sanften sportlichen Betätigung im Alter und dies und das. Als ich ihn in die Geheimnisse der lokalen Wasservogelwelt einweise, kommt ein Schwan zu uns herübergeschwommen. Die Blässhuhn- und Haubentaucherfamilien sind seit letzter Woche verschwunden – der vor drei Monaten geschlüpfte Nachwuchs paddelt nun eigener Wege; wie üblich verschieben sich die Reviere.

Neue S-Bahn-Lektüre: „Bei den Samojeden in Sibirien“ – ein Bericht über zwei lange Forschungsreisen, die der finnische Linguist und Ethnologe Kai Donner zwischen 1911 und 1914 zu den Samojeden unternahm, einem teilnomadischen Fischer- und Jägervölkchen, das er als außergewöhnlich faul und ständig betrunken schildert:
„Als meine Schute klar, die Besatzung gemustert, der Proviant an Bord genommen und alles andere in Ordnung war, kam die oben geschilderte Sintflut. Alle freuten sich darüber, daß das Wasser fahrbar war, ich hauptsächlich wegen der in Aussicht stehenden Fahrt, meine Besatzung aber auch aus anderen Gründen. In meiner Unerfahrenheit hatte ich den Leuten nämlich einen Teil ihres Lohnes gegeben, um sich Proviant und dergleichen zu kaufen. Ich hatte nicht bedacht, daß mit dem Frühling und den Dampfern auch starke Getränke ankommen würden. Das erfuhr ich erst in der Stunde der Abfahrt. Wir mußten mit Wind und Strömung ein Stück den Ob hinunter segeln, um zur Mündung des Tym zu kommen. Ich stand am Ruder und fühlte mich wie ein ganzer Kapitän, als wir mit guter Fahrt im Sonnenschein und in der Frühlingsbrise um eine Landzunge nach der anderen fuhren. Anfangs schien die Besatzung normal und voller Eifer. Aber nach und nach krochen sie immer öfter und öfter in die Kajüte hinunter, aus der sie jedesmal vergnügter zurückkehrten. Als ich endlich den Zusammenhang begriff, war es schon zu spät. Ein Stückchen vom Dorf hatte ich den erbaulichen Anblick, meine ganze Besatzung vollständig betrunken zu sehen von dem neunzigprozentigen Alkohol, der so stark ist, daß man nach einigen Schnäpsen schon mehr als genug hat. Trotz der Meuterei, wie man dies Benehmen fast nennen kann, beschloß ich, mit eigenen Kräften den Versuch zu machen, wenigstens den Tym zu erreichen. Zwei von den Männern waren auf dem Kajütendach eingeschlafen, und der dritte lag drinnen. Ein Weilchen herrschte Ruhe. Aber plötzlich verlor einer der auf dem Dache Liegenden das Gleichgewicht und fiel ins Wasser, wo er sofort aufwachte und anfing, Lärm zu machen. Ich zog ihn wütend heraus und hielt ihm in zornigen Worten das Unpassende dieses Benehmens vor. Er fing an zu weinen und zitterte so vor Kälte, daß ich mitleidig wurde und zu landen beschloß, um ein Feuer anzumachen, an dem sich der Mann wärmen könnte. Aber kaum hatten wir ein ordentliches Feuer in Gang gebracht, als der Ostjake seinerseits erwachte, an Land taumelte und rücklings ins Feuer fiel. Ehe er selbst seine Lage bemerkte und ich ihn aus der heißesten Glut ziehen konnte, waren seine Hosen und sein Hemd schon verbrannt. Sein Rücken war eine einzige Brandwunde, und an diesem Tag wie während der ganzen Reise hatte ich große Umstände damit, ihn zu pflegen.“
Das erinnert an Anglerausflüge in meiner alten Heimat Mäkelborg.

