Christoph Sanders, Thalheim

Als ich am Samstag gegen 8 Uhr im weichen Morgenlicht auf das Rad steige, ist es warm und kaum windig. Über den Westerwald geht es bei Bendorf ins Rheintal, dann durch Neuwied. Auf der Fähre in Linz-Kripp mit fünfzehn Autos, ein paar Motorrädern, anderen Radfahrern und Fußgängern über den Rhein. Aufstieg in das Voreifelplateau, an der Apollinariskirche in Remagen vorbei. Treffen mit meinem Bruder im Schäfer-Rewe in Ringen. Da kein Bulgur oder Couscous zu finden ist, nehme ich das Sushi aus der Kühltheke. Abfahrt ins Ahrtal, heiß, stickig, von Dunstschwaden durchzogen, mit einem beißenden Brandgeruch. Das Ahrtal noch immer im Aufbau, viele Baustellen, Weindörfer im staubigen Design der 1970er Jahre, deshalb kaum Vegetation am Straßenrand. Am Anstieg aus dem Sahrbachtal, wo sich allerhand Ausflügler tummeln, kommt uns eine Handvoll Quads entgegen. Es folgt ein Dutzend ebenso kurioser wie stattlicher Dreiräder für zwei Personen. Unter den Helmen kann ich die rot angelaufenen Gesichter kreislaufschwacher Boomer erkennen. Die Auspuffgase ergeben mit dem Brandgeruch keine gute Kombination. Dann eine Kette von Vorstadtjugendlichen auf Simson-Schwalben. Sie fahren Streife und halten bei McDonald’s. (Die alten Frittierfette sind der widerlichste Gestank von allen!)

Das Sushi liegt quer im Magen – kurze Pause beim Bruder in Rheinbach. Bei km 100 treffe ich zufällig auf einen übergewichtigen Reha-Bekannten, der beim Dorfflohmarkt mitmacht. Er hat sich kaum verändert und berichtet, dass sich sein operiertes Knie ständig entzündet; nur auf Teneriffa habe der Schmerz Ruhe gegeben. Ich erspare mir jeden Kommentar zu den 40 bis 50 Kilo Übergewicht, die auf seinem kranken Gelenk lasten, und radele weiter. Meine fachkundige Schwägerin erzählte mal, dass es nicht wenige gibt, die es gar nicht auf Genesung, sondern auf eine Verrentung abgesehen haben. Die wollen als finalen Karrieremove in die Frührente (mit ganz viel Massage!) auch noch das zweite Knie ersetzt bekommen.

War der Rückweg zum Rhein bei günstigem Wind noch leicht, wird es dann sogar auf den flachen Kilometern zwischen Linz und Bendorf knapp, den Tritt zu halten. Kurz Getränke an der Tanke nachfassen, dazu ein paar Reineclauden – der Zuckerflash hält immer eine Viertelstunde vor. Ein schönes Käsebrot mit Salat ist gegen 18 Uhr nirgendwo mehr zu bekommen. Obwohl ich beim Aufstieg in den Westerwald den leichtesten Gang wähle, werden kleinste Hügel zu Extremherausforderungen. Die Dürre ist die ganze Zeit nicht zu übersehen: Kühe scharen sich um Wassertanks; auf den Höfen stapelt sich das zugekaufte Futter. In den Waschanlagen herrscht reger Betrieb – wascht ruhig weiter, solange es noch geht!

Mit zunehmender Erschöpfung und Unterzuckerung nimmt der Geruchssinn zu. Es setzt eine Überempfindlichkeit der Brunnschen Membran ein, die alle künstlichen Gerüche der Innenstädte (Deos, Reinigungsmittel) widerlich findet, die Frische des Unterholzes dagegen grandios. Die visuelle Wahrnehmung verengt sich. Das Hirn schließt nun das aus, was es am Wegesrand als störend empfindet, vor allem Zivilisationsprodukte wie Silos, Lagerplätze, Autohäuser, Fabrikhallen, die gigantischen, teerigen Parkeinöden, Absperrgitter … insbesondere Betonflächen führen zu maximaler Reaktanz. Nur noch die Straße ansehen, sich auf den Gangwechsel konzentrieren, die nächste kleine Steigung abmessen – Kräfte bündeln. Nicht an die Steigung denken, die danach kommt. Nicht absteigen, nicht absteigen, nicht absteigen! Die Sonne geht unter, der Verkehr nimmt rapide ab. Ein letztes Motorrad knallt vorbei – ich halte schnell das linke Ohr zu, denn der Lärm zielt nur darauf ab, uns Radfahrer in Angst und Schrecken zu versetzen. Es wäre ein Leichtes, diese ganzen breitwalzigen Geschosse ohne Schalldämpfer aus dem Verkehr zu ziehen, ihren dummen Reitern einen Tausender aus der Tasche zu ziehen. Doch niemand tut es. Auf den letzten Kilometern gehen mir Zeilen von Vladimir Nabokov durch den Kopf – es sind so gute, starke Bilder, so dichte und plastische Beschreibungen, dass Körper und Geist Schmerz und Erschöpfung vergessen. Am Ende sind es 250 Kilometer und ich möchte die Grenzerfahrungen absolut nicht missen, so irre das auch klingen mag. Meine Kinder schimpfen dennoch mit mir – sie denken immer, ich bringe mich in Gefahr. Nach einem Becher Joghurt mit Honig schlafe ich auf der Stelle ein.

Ruhiger, erholsamer Sonntag. Jörg Kachelmann im Ronzheimer-Podcast gefällt mir, weil er nicht apokalyptisch ist. Sein Bild von den Hundekackhaufen auf der Kinderspielwiese ist hervorragend.

Kachelmann bei Ronzheimer „Der große Hitze-Irrtum der Deutschen“: https://www.youtube.com/watch?v=EXiHNXdo_Iw
