Frank Schott, Leipzig
Interessante Begegnungen liegen hinter mir – am Freitag zum Beispiel eine mit Nadeln. Ich bin wieder einmal bei der Blutspende. Dummerweise habe ich vorher Kaffee getrunken, was schlecht für den Eisengehalt ist. Dreimal muss die Ärztin prüfen, bis ein akzeptabler Wert festgestellt wird. Es folgt die ganz große Nadel für den knappen halben Liter, den ich abgebe. In der Uniklinik ist es leer an diesem späten Vormittag – viele Studenten sind noch in den Ferien und es ist Urlaubssaison. Zudem ist es heiß. Ich fühle mich nach der Blutentnahme wie immer etwas schlapp und lasse deshalb den Samstag sportlich ruhig angehen. Am Sonntag laufe ich wieder – moderate und langsame sechs Kilometer, am Dienstag dann die gewohnten schnellen knapp elf Kilometer.

Und am Samstag begegne ich im Konsum der Kassiererin, mit der ich immer gerne plaudere. Ihr Bruder hat bei Turbine Leipzig Fußball gespielt – ich bin bei Turbine Trainer. Das verbindet. Ansonsten hält sie es beim Live-Sport mit den kürzlich in die 1. Handball-Bundesliga aufgestiegenen Damen vom HC Leipzig – ich gehe regelmäßig zu Rasenballsport in die Arena. Heute schimpft sie mit sich selbst: „Ich Ochse. Ach nein, das müsste ja ‚Öchsin‘ heißen. Aber das geht ja gar nicht. Zumal beim Ochsen – schnippschnapp – nee, da bin ich wohl eher eine Kuh. Wobei ich den Kindern immer erklären muss, dass eine Kuh erst Milch gibt, wenn sie ein Kalb bekommen hat. Vorher ist sie ja eine Färse. Hmh, ich habe auch keine Kinder. Bin ich jetzt eine dumme Kuh oder eine dumme Färse?“ Fragen über Fragen. Wir grinsen beide. Sie erzählt noch, dass sie zwar aus Leipzig stammt, aber als Kind in den Ferien öfter bei den Verwandten auf dem Dorf in Brandenburg gewesen sei. Daher wisse sie viel über Landwirtschaft und Tierzucht. Um die heutige Jugend nicht zu überfordern, einigen wir uns darauf, dass Fleisch selbstverständlich aus der Kühltheke kommt.

Es ist so heiß, dass unsere zwei Kater keine Lust haben, sich zu bewegen. Träge liegen sie auf schattigen Böden. Erst als die Dunkelheit Abkühlung bringt, leben sie auf und gehen auf die Pirsch. Am nächsten Morgen liegt als „Dankeschön“ eine Spitzmaus auf dem Teppich, wobei „Dankeschön“ relativ ist– Spitzmäuse fressen die beiden nämlich nicht, weil sie ihnen einfach zu bitter sind.

Am Sonntag begegnen mir vier ältere Herren, die in der Innenstadt im Schatten eines Kaufhauses italienische Schlager spielen – ein Saxophonist, ein Kontrabassist, ein Gitarrist und ein Mann am Akkordeon. Alle – außer naturgemäß der Mann am Saxophon – schmettern die Songs mit. Passanten bleiben stehen, werfen gerne ein paar Münzen in den Hut. Die Männer wirken so leidenschaftlich, als würden sie auch spielen, gäbe es kein Geld. Ein Streifenwagen mit geöffneten Seitenfenstern fährt vorbei. Der Beifahrer dirigiert mit seinen Händen im Takt der Musik, der Fahrer grüßt mit einer Hand. Alle sind entspannt.

Meine Nachmittagsrunde habe ich so gewählt, dass ich zum letzten Open-Air-Gottesdienst der TOS-Gemeinde auf dem Augustusplatz vorbeikomme, der dort im Rahmen ihres „Völlig neu“-Festivals stattfindet. Die Bänke und Sitze stehen in der prallen Sonne und sind maximal zur Hälfte gefüllt; die meisten Anwesenden gehören offenbar zur Gemeinde. Mich rührt der Anblick eines traditionell in schwarzer Hose, schwarzer Weste und weißem Hemd gekleideten Mannes mit weißer Kippa, auf der ein schwarzer Davidstern prangt. Er herzt und umarmt immer wieder einen Mann von der Security, der diese Überschwänglichkeit zaghaft erwidert.

Später führt der Jude mit einem Glaubensbruder und vier jungen Frauen auf der Bühne Tänze auf. Dabei werden sie von einer Band begleitet; einer der Musiker singt. Ein Redner, den ich als Prediger oder Pastor einordne, sagt „Denn Jesus war Jude“. Der Gottesdienst schreitet voran; später tanzen die Mitwirkenden gemeinsam mit den Besuchern vor der Bühne, diesmal erklingen auch christliche Lieder – die Stimmung ist wahrhaft gottgefällig. Die Security-Leute haben nichts zu tun und sehen entspannt auf Teilnehmer und Passanten; dann gehen sie mit den roten Spendeneimern durch die Reihen.
Ich bin ein wenig verwirrt, weil die Messe vor allem Jesus anruft und feiert. Ich weiß natürlich um die Heilige Dreifaltigkeit des Christentums, dennoch erschließt sich mir nicht so recht, dass der „Sohn“ statt des „Vaters“ in den Mittelpunkt der Lieder und Gebete gerückt wird. Ich erlebe die Freude der Gemeinde am Wort Gottes, und doch geht mir der traurige Gedanke durch den Kopf, ob die zur Musik wiegenden Menschen nicht ebenso wie Petrus dreimal Jesus verleumden würden. Mit diesem Zweifel fühle ich mich selbst ausgeschlossen und gehe.
Am Tag darauf sind dann die Ferien vorbei. Bereits kurz nach 7 Uhr steckt die Stadt voller Geschäftigkeit: Mütter oder Väter bringen ihren Nachwuchs in die Schulen. Trubel allerorten. Es staut sich auf engen Bürgersteigen. Panzerartige Lastenräder drängen vorbei – vorne und/oder hinten mit Kindern bestückt. Einige Lehrer und Erzieher fahren mit Autos vor, andere Kollegen rollen auf ihrem Rad auf dem Bürgersteig aus, um es am Zaun anzuschließen. Nicht alle Schulen haben ausreichend Fahrradständer.

Es ist kurz vor acht Uhr. Vor der Petruskirche bietet sich mir ein merkwürdiger Anblick: Jede der Bänke, die halbrund vor dem Eingangsportal angeordnet sind, ist von exakt einer Person besetzt. Sie sitzen da, als würden sie auf das Öffnen der Pforte und eine schnelle Absolution-to-go warten. Und am Dienstag ist hier um die gleiche Zeit kein einziger Mensch. Verrückt!
