Frank Schott, Leipzig
Die Absage vom Donnerstag ist ein richtiger KO-Schlag. Es fühlt sich an, als wäre etwas in mir zerbrochen. Etwas, das mir Halt, das mir Kraft gegeben hat. Fünf Bewerbungsgespräche, fünfmal ein guter und offener Austausch, ehrlich und transparent. Und anschließend fünfmal die Absage. Das ist so unwahrscheinlich, dass ich den Fehler zwangsläufig bei mir suche. Ist es mein Alter?
Lanz und Precht hatten in der jüngsten Podcast-Folge über den Kanzler und die CDU gesprochen. Precht trat dabei der Rentenreform und insbesondere dem Ende der Rente mit 63 entschieden entgegen. Er meinte, dass die Firmen sowieso die älteren Mitarbeiter loswerden wollen, da sie zu teuer, vielleicht auch zu unflexibel seien. Es sei eine Illusion, dass es Jobs für all die älteren Menschen gebe. Ist es das, was mir passiert? Bin ich zu alt?

Als hätte es noch eines Zeichens bedurft, macht am Aabend auch das rechte Knie schlapp. Ich kann es nicht schmerzfrei durchstrecken, bewege mich mit leicht angewinkeltem Knie, als würde ich bergauf oder bergab laufen. Zugegeben, ich hatte meinen Körper wirklich strapaziert – erst der Lauf über elf Kilometer, dann lange Märsche gegen die Selbstzweifel und später noch ein intensives Fußballtraining mit den Kids. Letzteres tat mir gut, wie überhaupt jede Art von Tätigkeit, die den Körper fordert und den Geist beschäftigt.
Ha, Tätigkeit! Und augenblicklich schleicht sich wieder düstere Verzweiflung in mein Denken. So ist es seit der Absage jeden Tag – ob bei Sonne, Wind oder Regen, ob daheim, ob unterwegs. Schübe von Depression durchfluten mich. Es ist doch alles sinnlos, vergebliche Mühe. Ich bin ein ausgemustertes Relikt der Vergangenheit, wie der Trabant, ein nostalgisch belächeltes Auslaufmodell.

Am Sonntagvormittag kommt etwas Farbe in meine triste Welt. Da alle anderen fünf Übungsleiter verhindert sind, begleite ich sieben Jungs unserer F-Jugend, Jahrgang 2018, zu einem Turnier in Mölkau. Von drei der Jungen kenne ich noch nicht einmal die Namen, da sie noch nie mit mir trainiert haben.

Es geht also nach Mölkau, einem Stadtteil von Leipzig, etwa zwanzig Fahrradminuten entfernt, nach Osten, der tiefstehenden Sonne entgegen. Es sind nur vier Mannschaften – zwei einheimische Teams, eines aus Schkeuditz und wir von Turbine. Ich bin der Trainer, der am meisten brüllt, Hinweise gibt, zum Abspielen auffordert, Jungs aufschreckt und ins Spiel zurückholt, die für Momente abschalten – wie Roboter, denen der Strom ausgegangen ist. Jeder spielt zweimal gegen jeden. Wir gewinnen drei Spiele deutlich, verlieren zwei unglücklich und kassieren eine deftige Niederlage. Für zwei Stunden ruhe ich komplett in mir und bin voller Leben und Freude.

Der anschließende Nachmittag ist dafür so grau, dass ich alles hinschmeißen möchte. Wozu noch bewerben? Wozu noch sportlich betätigen? Wozu noch rausgehen? Warum nicht einfach billigen Wein aus dem Tetrapak saufen, bis sich alkoholdunstiges Vergessen einstellt? Oder wie die Tauben auf der Parkbank sitzen und Zeugs in mich reinstopfen, Passanten anpöbeln und Exkremente einfach fallen lassen? Wozu sich mühen?

Auch der Montag beginnt tiefgrau. Passenderweise regnet es. Ich schlurfe schweigend neben meiner Frau her, begleite sie wie üblich zu ihrer Arbeitsstelle. Arbeit! Oder eben nicht, wie bei mir, dem nutzlosen, ungewollten, nicht benötigten Übrigbleibsel von der Resterampe. Es ist dunkel an diesem Morgen. Autos und Fahrräder haben ihre Scheinwerfer an, die sich auf dem feuchten Asphalt spiegeln. Menschen mit Regenschirmen puzzeln sich aneinander vorbei.

Nachdem ich mich von meiner Frau verabschiedet habe, will ich nicht nach Hause – Montag ist Bewerbungstag. Wozu sich quälen und bewerben, wenn doch niemand zugreifen wird? Also gehe ich. Und gehe. Und gehe. Dann, plötzlich, ich habe gerade den kleinen Park hinter der Moritzbastei durchquert, ist der lähmende Druck weg. Als hätte Gott oder eine andere Kraft ein Einsehen mit mir gehabt. Ich fühle mich befreit und sehe mich in der Lage weiterzumachen. Montag ist schließlich Bewerbungstag.

Es regnet noch immer. Ich gehe in eine Bäckerei und bestelle mir ein Frühstück. Ich finde einen Tisch an einem Bücherregal – ein gutes Zeichen. Mein Frühstück bringt ein Serviceroboter an den Tisch. Aber das wirft mich nicht aus dem neu erlangten Gleichgewicht. Der Mensch braucht den Menschen, braucht das Gespräch, braucht die Inspiration eines klugen Gedankens. Ich bin mir sicher, auch ich werde gebraucht. Auf jeden Fall bereits heute Nachmittag, wenn ein neues Training ansteht.
