Helko Reschitzki, Moabit

Der Freitag beginnt mit einer toten Maus auf dem Gehsteig vorm Haus. Obwohl ich alles andere als ein Nagerpathologe bin, sehe ich eine Wunde direkt in der Nackenregion hinter dem Ohr und eine zweite am oberen Drittel des Rückens. Es handelt sich um tiefere, tropfenförmige Risse im Fell, aus denen Blut ausgetreten ist. Auch um das Maul herum sind Blutspuren zu sehen, und vor dem Unterleib befindet sich eine ganze Lache. Die beiden Wunden im Nacken- und Rückenbereich entsprechen den Stellen, an denen für gewöhnlich Raubtierfangzähne zuschlagen. Auch ohne Obduktion vermute ich den rückgratbrechenden Tötungsbiss einer Katze, der oft die inneren Organe quetscht – dies würde den Blut-, eventuell sogar Gewebeaustritt am Hinterleib erklären. Es bleiben Zweifel – vielleicht war es auch ein Marder oder eine Ratte.

Keinerlei Vertun gibt es wiederum in der Beantwortung der Frage, wie das außergewöhnliche Morgenlicht zu bezeichnen ist – fahl ist es. Das Schilf am Schlachtensee wiegt sich sanft nach Westen und zurück – wir haben dort den dritten Tag hintereinander eine Brise von Osten, aber keine so starke wie am Mittwoch. In der Bucht rede ich mit meiner Lieblingsmitschwimmerin erstmalig über Politik – sie spricht mich auf die Abgeordnetenhauswahl und die der Bezirksverordnetenversammlungen im September an, da sie sich absolut unschlüssig ist, wo sie ihre Kreuze machen soll, und große Angst hat, dass eine spezielle Partei gewinnen könnte. Ich bin da leider keine allzu große Hilfe, erzähle aber von der oft konstruktiven Zusammenarbeit aller Fraktionen in Fachausschüssen und mache das am Thema Berliner Forste fest. Dabei stellt sich heraus, dass sie für ein paar Jahre im Bundesumweltministerium gearbeitet hat. Interessant ist, dass ich die parlamentarische Demokratie inklusive des behördlichen Unterbaus für wesentlich robuster halte als sie. Da mag eine Rolle spielen, dass sie im Gegensatz zu mir aus der Bundesrepublik stammt und noch keinerlei essenzielle Staatskrise erleben musste, geschweige denn einen Systemzusammenbruch. Einig sind wir uns in der Bewertung der zunehmenden Verwerfungen des Kapitalismus, wie etwa am Wohnungsmarkt oder bei der Überproduktion und dem damit verbundenen Raubbau an der Natur. Bemerkenswert, dass inzwischen so offen – und das unter quasi Fremden – über Politik gesprochen wird. Das ist ein guter Anfang. First, we take Berlin, then we take Manhattan.

Erst sieht man sich wochenlang gar nicht, dann drei Tage hintereinander – kurz nachdem die Mitschwimmerin weg ist, kommt der Bitterfelder in die Bucht, sodass wir unser aktuelles Gespräch fortsetzen können. Er ist Jahrgang 1962 und wollte als Siebzehnjähriger mit zwei Freunden über die ČSSR nach Österreich abhauen und von dort in die BRD gelangen. In der Nähe von Budweis wurden sie aus dem Zug gefischt. Sein erster Knasttag lag exakt auf seinem 18. Geburtstag. Die Wärter waren brutal; ausgerechnet die Stasimitarbeiter, die vor Ort Verhöre durchführten und Spitzel rekrutieren wollten, verhinderten das Ausufern des Sadismus und sorgten immer wieder für Ordnung. Wir sprechen über die Grauzonen des Themas MfS und machen uns über den Film „Das Leben der Anderen“ lustig, an dem nun mal so gar nichts stimmt. Er freut sich, dass ich am Vorabend Pannach & Kunert aufglegt habe – wir zitieren ein paar Lieblingszeilen. Vieles von dem, was wir in der DDR hörten, hatten wir uns auf Kassette überspielt. Da sein Vater im Magnetbandwerk von ORWO arbeitete, saß er an der Quelle und musste „nur noch“ die Gehäuse besorgen, um Tapes zusammenzuschrauben. Bis zu neunzig Minuten liefen problemlos; die LP-Cover (natürlich Frank Zappa und Scherben!) wurden abfotografiert. Den Überspielservice in Budapest, von dem ich erzähle, kannte er noch nicht – klar, da saß er im Kahn oder war bereits im Westen. Die Begegnungen in der Bucht sind wie eine Netflix-Serie – man trifft auf diverse Charaktere, deren Geschichte bei jedem Treffen weitererzählt wird; manche der Protagonisten kennen einander, die meisten nicht. Hauptfigur bin ich, der durch sein Verhalten (Fragen) die Weiterentwicklung beeinflusst. So in etwa wird wohl auch das interaktive, ki-gesteuerte, hyperindividualisierte Filmstreaming der Zukunft aussehen – ich bevorzuge weiterhin die Echtlebenkontakte.

Am Nachmittag schaue ich im KVOST die (teilweise) Rekonstruktion der Ausstellung „Musik in der bildenden Kunst der DDR. Malerei, Grafik, Plastik.“ an, die zuerst 1985 in Ost-Berlin und anschließend bis 1988 in Paris, Wien, Duisburg, L’Aquila, Bukarest und Kuwait-Stadt gezeigt wurde. Wo am Morgen beim Erzählen mit dem Bitterfelder trotz all seiner düsteren Erlebnisse nicht eine Sekunde irgendeine Bedrückung aufkam, befällt mich bei Betrachten dieser angeblich freieren DDR-Werke sofort wieder das damalige Ostzonen-Gefühl der geistigen und künstlerischen Enge. Ich erinnere mich noch an das Erstaunen, das ich beim Lesen von Stachelhaus‘ Beuys-Biografie empfand, die ich als brandneue Reclam-Lizenzausgabe im Sommer 1989 las, die Weitung des Denkhorizonts durch die Zitate des Düsseldorfer Künstlers. Und ein paar Monate später konnte ich dann nach und nach all die Avantgarde-Werke des Westens (und auch viel Zensiertes aus dem Ostblock) sehen. Ab und an ist so ein Abgleich nicht verkehrt, damit man weiß, wie frei wir heute sind. Bevor ich mir noch einen der unvermeidlichen Hans-Ticha-Körperkugeln in den Kopf schieße, gehe ich raus – selbst die megastaubige Baustelle in der Krausenstraße inmitten der Hochhäuser ist aufmunternder als all die endbiedere Trübnis im Kunstverein Ost.

Am Samstag ist die Ringbahn teilgesperrt, sodass ich einmal mehr die Alternativstrecke fahre und am Südufer ins Wasser gehe. Es trifft sich gut, dass ich Rathaus Steglitz umsteigen muss – so kann ich auf dem Rückweg neue Aleppo-Seife kaufen. Nach dem Bezahlen gehe ich im Naturkaufhaus noch auf die Toilette. Als ob der Blick aus dem Fenster unter dem Dach des hohen Gebäudes nicht bereits spektakulär genug wäre, werde ich Augenzeuge eines Helikoptereinsatzes. Das ist bestimmt Snake Plissken auf dem Weg zu einem Tennisclub, um die Bürgermeistertochter aus den Fängen von Albinozombies zu befreien.

Ich weiß nicht, ob es mit dem Rettungshubschrauber zu tun hat, aber anschließend auf dem Bahnsteig stauen sich zunehmend die Fahrgäste. Die Anzeigentafel spielt verrückt. Irgendwann die Durchsage, dass die Linie wegen eines Notarzteinsatzes unterbrochen ist und wir auf andere Verkehrsmittel wie den Bus umsteigen sollen. Da ich keine Lust auf dichtgedrängte Menschenmassen habe, beschließe ich, die Zeit, bis die U9 wieder fährt, zu überbrücken – vom Naturell her war ich schon immer ein Zocker. Als ich die Treppe hochgehe, höre ich von oben sehr laute Musik – ein live gespieltes Stück, das ich sofort als „Shine On You Crazy Diamond“ identifiziere. Das Vereinigte Königreich wird doch nicht etwa Roger Waters wegen wiederholten Querdenkertums ausgewiesen haben und er sich nun als Straßenmusikant in Berlin durchschlagen müssen?! Auf der Schloßstraße Entwarnung – der Gitarrist ist nicht Waters. Es wäre auch zu absurd gewesen, dass der Pink-Floyd-Begründer ausgerechnet nach Deutschland flieht, wo ihm die Presse auf übelste Weise das vorwirft, wofür sie ihn jahrzehntelang bejubelte: Kritik an autoritären Strukturen, korrupten, kriegsgeilen Herrschern und die Warnung vor Mitläufertum. Ich schlender etwa einen Kilometer weiter und stöbere eine Stunde im größten Antiquariat der Stadt. Mit dem für 3,50 Euro erworbenen Buch „Sentimentale Reise“ von Viktor Sklovskij im Rucksack steige ich zur U-Bahn herunter, die inzwischen wieder fährt.
Am Sonntagmorgen treffe ich auf dem S-Bahnhof in Steglitz auf einen Betrunkenen, der sich mit zwei sehr jungen Rettungsschwimmern von der DLRG unterhält, oder ihnen vielmehr etwas vorlallt. Er war am Abend zuvor bei einer Wahlkampfveranstaltung der CDU, auf der es Freibier gab; er hat sich dann noch den Parteiwerbebeutel (den er uns mitsamt den nunmehr leeren Flaschen entgegenstreckt) befüllt und die Nacht weitergetrunken. Ich will von ihm wissen, ob er deshalb nun CDU wählen würde, es folgt ein wirrer Monolog über die Qualifikationen von Politikern im Allgemeinen und Speziellen – was frage ich auch so doof. Dann steigt er in die Bahn gegenüber, was mir Gelegenheit gibt, mich in ruhigerer Atmosphäre mit den DLRG-Leuten zu unterhalten. Sie setzen zur Überwachung noch keine Drohnen oder KI ein, verlassen sich weiterhin auf ihre Erfahrung und Menschenkenntnis: „Man sieht sofort, wer Segelanfänger oder ein leichtsinniger Typ ist.“ Hauptunfallursachen sind Alkoholisierung, Drogenkonsum, Überschätzung – persönlich hatten sie den Fall einer Querschnittslähmung nach einem Köpper vom Boot. Dazu kommt, dass viele Migranten nicht schwimmen können, was ebenso für viele Kids gilt und eine Spätfolge der kinderverachtenden Corona-Maßnahmen ist, da die damals ausgefallenen Kurse bis heute wegen Überfüllung nicht kompensiert werden konnten. Dazu kommt das Problem der aus kommunalem Geldmangel oder wegen Baufälligkeit geschlossenen Schwimmbäder. Sie schildern mir eine Rettungskette, die Abläufe und Zuständigkeiten, was ich sehr spannend finde. Die beiden, eine junge Frau und ein junger Mann, sind vielleicht achtzehn Jahre alt und haben mehr Verantwortungsbewusstsein und sozialen Durchblick als all die Wahlkämpfer, die mir dieser Tage über den Weg laufen. Ich danke ihnen von ganzem Herzen für ihren Einsatz – ohne Ehrenamtler wie sie wäre das Leben in unserem Land ungleich ärmer. Sie sind es, die – oftmals unbemerkt – das Fundament für unser Gemeinwohl bilden.

Am Montagmorgen Schwimmen im kräftig strömenden Regen. Die Augen direkt über die Wasseroberfläche gerichtet, drehe ich mich um meine eigene Achse – das vorbeziehende Bild der springenden Tropfen ist unglaublich. Auf dem Rückweg sichte ich mal wieder einen Kormoran sowie die Schwanenfamilie, die anscheinend ein Junges verloren hat.

Und auch dieser letzte Augusttag zeigt wieder schöne Wolkenbilder, zum Beispiel auf dem Rückweg vom Biomarkt. Im Gegensatz zu den Discountern ist es dort nicht überfüllt – wer zum Monatsende kein Geld hat, kauft bei Aldi, Kaufland oder Penny ein, auch wenn das nicht in jedem Fall günstiger ist. Junge Mädchen geben das frische Geld für dm-Kosmetika aus und die Glutamatjunkies für zwielichtige Imbiss-Asia-Gerichte. Vor den Geldautomaten sind Schlangen – Business as usual.

