Frank Schott, Leipzig
Ich kann verstehen, dass manche Menschen in die Welten eines drogeninduzierten Rausches versinken wollen. Im Gegensatz dazu entsteht der Traum, den uns das Unterbewusste in den Phasen des Halbschlafs beschert, von selbst. Happy End oder Horror, Unsinn oder Realfilm … es kommt, wie es kommt. Und einige dieser Träume bieten sogar eine Fortsetzung – wenn man nach einer Wachphase erneut wegdämmert, läuft die Geschichte weiter.

Ich hatte einen dieser Träume, aus denen man nicht aufwachen möchte, einen jener Träume, die sich fortsetzen. An viele Einzelheiten kann ich mich schon unmittelbar nach dem endgültigen Erwachen kaum mehr erinnern. Nur, dass es nicht unbedingt schön war – es lief nicht alles glatt, es gab Momente, in denen ich als Held meiner Geschichte mit den Tücken des Alltags zu kämpfen hatte. Und dennoch fühlte sich das Traumgespinst richtig an. Es war gut. Es ging mir gut. Ich war lebendig.

Die Realität nach dem Aufstehen ist dann … ernüchternd.
Der Tag beginnt mit einem Gemüt, das mir tiefgrau bis in die Kniekehlen hängt. In solchen Phasen helfen nur Aktivitäten. Betten abziehen, Bettzeug waschen, Brötchen kaufen, frühstücken, die Wäsche aufhängen, eine zweite Waschmaschinenladung füllen – Routinen.

Der Fußball hilft auch. Erneut habe ich mich überreden lassen, das Trainerteam zu unterstützen. Dieses Mal ist es ein Heimturnier der F-Jugend. Vier Mannschaften haben sich angemeldet, dazu kommen zwei Teams von uns. Am Vorabend bereite ich den Spielplan vor. Das ist ohne Softwareunterstützung erstaunlich knifflig. Am Ende benötige ich fast eine Stunde, um alles so einzuteilen, dass in fünf Zyklen wirklich jeder gegen jeden und gleichzeitig jeder mindestens einmal auf jedem der drei Felder spielt. „Mit KI wäre das schneller gegangen“, kommentiert mein Sohn. Womit er wahrscheinlich recht hat.

Am Spieltag sind wir gastgebenden Trainer anderthalb Stunden vor Beginn vor Ort. Zwei Felder mit je zwei Kleinfeldtoren und ein Feld mit vier Minitoren werden benötigt. Dann markieren wir die Spielfeldränder und Schusszonen und verkürzen die Kleinfeldtore mit einer Abhängung am Querbalken um dreißig Zentimeter in der Höhe. Außerdem muss die Verpflegung (Würstchen, Getränke, Knabberspaß) inklusive der Tische und Sitzbänke vorbereitet werden – aber bis wir dazu kommen, sind bereits die ersten Eltern da und helfen beim Aufbau. Nach einer kurzen Erwärmung stimmen wir mit allen Teams und Trainern die Regeln ab – und los geht’s.

Nach dem Anpfiff bin ich jedes Mal völlig im Trainertunnel. Eine unserer Mannschaften, Turbine Leipzig 1, gewinnt alle fünf Spiele – von deutlich mit 5:0 oder 5:1 über knapp mit 7:5 bis überragend mit 8:0. Dennoch schimpfe ich wie ein Rohrspatz, weil die meisten Tore selten durch gemeinsames Passspiel sondern durch Einzelaktionen erzielt wurden. Das ärgert mich, denn wir hatten oft das Glück, auf kleinere und weniger robuste Gegner zu treffen. Aber die alte Fußballerregel besagt, wer Tore schießt, hat recht, und so sehen die Kids kaum Anlass, etwas zu ändern.

Am Abend gibt es dann noch Livemusik. Wir hatten unseren Nachbarn zum Geburtstag Tickets geschenkt. Nach dem Motto: „Verschenk kein Zeug, verschenk Erlebnisse.“ – denn die können nicht kaputt oder verloren gehen (oder, politisch gerade wieder aktuell, enteignet werden). Es gibt bei uns um die Ecke, vielleicht dreihundert Meter Fußweg, eine Musikkneipe, an der wir jahrelang vorbeigingen. Jetzt waren meine Frau und ich dort bereits zu vier, fünf Konzerten, die Nachbarn kannten das „Horns Erben“ nur vom Namen her.

Es spielen Paula & Karol – eine kanadisch-polnische Band mit einem deutschen Schlagzeuger. Niemand von uns kennt die Combo. Am Einlass meint eine Frau: „Hoffentlich sind die besser als die gestern.“ Darauf klärt sie der Einlasser, ein langhaariges Faktotum, wie man es nur in Kellerbars oder Musikkneipen antrifft, zunächst über das Wichtigste auf: „Sie müssen Ihren Stempel vom Vortag abwaschen!“ Und zur Musik: „Lassen Sie sich überraschen.“

Der Konzertraum ist klein. Vielleicht sechzig, maximal siebzig Leute passen rein, schätze ich. Es gibt einige Stuhlreihen und eine kleine freie Fläche vor der Bühne. Je weiter das Konzert voranschreitet, desto mehr Menschen tanzen dort. Die Gruppe gibt es ungefähr seit zwanzig Jahren, wie die beiden namensgebenden Künstler erzählen; seit siebzehn Jahren sind sie mindestens einmal im Jahr in Leipzig.

Die Musik geht sofort ins Blut – und erinnert mich an etwas. Das klingt wie Keimzeit, nur etwas fröhlicher. Oder wie Element of Crime – nur viel fröhlicher. Dann habe ich den Treffer: Es klingt wie Mumford & Sons, versetzt mit einem Hauch von The Pogues. Die Texte sind banal oder, wie ich zu meinem Nachbarn sage: „So sinnlos wie das Leben.“ Aber darauf kommt es nicht an – die Spielfreude lässt uns mit den Füßen wippen, mit den Händen klatschen, mit dem Körper schunkeln und am Ende stehe ich wie die meisten Besucher. Für knapp neunzig Minuten fühle ich mich jung, lebendig und als Teil von etwas Harmonischem.
So kann ein Tag auch enden.

Paula & Karol „Koło“: https://www.youtube.com/watch?app=desktop&v=BinJmh8zQVA
Paula & Karol „Whole Again“: https://www.youtube.com/watch?v=Y1uoVjUgZSA
