Helko Reschitzki, Moabit
Kalter Samstagmorgen mit wolkenlosem, blauem Himmel. Um 8:15 Uhr mache ich mich auf den Weg nach Lichterfelde-West. Die Sonne wärmt noch nicht, dafür aber der Gruß des Obdachlosenzeitungsverkäufers vor dem MOA-Bogen – wir wünschen einander seit Langem einen schönen Tag oder winken uns kurz zu. Auf meinem Umsteigebahnhof Rathaus Steglitz entdeckt ein Junge aus dem Kinderwagen heraus einen Bagger, den wohl 99 Prozent der Erwachsenen (mich eingeschlossen) übersehen würden – der Baufahrzeugblick geht irgendwann verloren.

Ich bin mit B. und F. verabredet, einem Ehepaar, das ich vor zwei oder drei Jahren am Schlachtensee kennengelernt habe – mit der Zeit wurden unsere Gespräche länger und intensiver. Beide sind Jahrgang 1943, Umweltschützer und im Laufe ihres Lebens neben ihren Berufen als Fotolaborantin/Fotografin und Elektroingenieur zu Künstlern geworden. Ich bin zehn Minuten zu früh am Treff auf dem Bahnhofsvorplatz, sie aber auch – alte Schule trifft alte Schule. Ich steige zu ihnen ins Auto.

Vor zwei Wochen kam uns die Idee, mal gemeinsam eine Ausstellung zu besuchen, worauf sie nach ein paar Tagen vorschlugen, dass wir ins Alte Museum gehen könnten, wo Künstler vor Lucas Cranachs Gemälde „Der Jungbrunnen“ nackt eine Performance über das Altern aufführen würden. B. und F. wollten sich mit mir ebenso nackig unter die Truppe mischen. Das sagte ich mit einer freundlichen Mail ab und regte stattdessen an, ins Jagdschloss Grunewald zu fahren, um die dortige kleine Cranach-Sammlung anzuschauen. (Angezogen.) Und nun sind wir also dorthin unterwegs. Alle zwanzig Meter zeigen die beiden auf eine Kreuzung, einen Radweg oder freie Flächen, wo sie entweder Verkehrs- und Umweltsauereien verhindern oder eben nicht verhindern konnten. Dabei schimpfen sie auf die kommunalen Entscheidungsträger und den bürokratischen Irrsinn. Ich ergänze Beispiele aus meinem Bezirk Mitte.

Wir parken am Châlet Suisse, einem von den beiden gepriesenen Schweizer Restaurant im südöstlichen Zipfel des Grunewalds. Das nahe Jagdschloss ist noch geschlossen. Wir nutzen die Zeit bis zur Öffnung der Kasse mit einem Spaziergang um den mir bislang unbekannten Grunewaldsee. Auch hier hat die Eiszeit ihre Spuren hinterlassen – die Landschaft meiner mecklenburgischen Kindheit mitten in Berlin. Uns begegnen immer wieder Gassigeher mit ihren Hunden; das seien gerade aber „sehr wenige“, was sich bald ändern werde, wie mir gesagt wird. Das Wald- und Seelicht ist fantastisch. Wir sind punktgenau zurück.

Nachdem wir unsere Eintrittskarten geholt haben, ist noch eine Viertelstunde Zeit, bis die Führung beginnt. Wir setzen uns in die inzwischen etwas wärmende Sonne und klönen. Schnell kommen wir auf unsere Familien und den großen Themenkomplex Gesundheit im Alter, Pflege und Sterbehilfe zu sprechen. B. und F. sagen, dass sie froh seien, in Berlin, einer Großstadt, zu leben, wo es im Gegensatz zum Hinterland eine ausreichende Auswahl an Apotheken, Ärzten, kulturellen Einrichtungen und Einkaufsmöglichkeiten gibt. Sie fragen, ob ich „Der kleine König Dezember“ von Axel Hacke kenne, was ich verneine. In der Welt dieses Königs kommt man erwachsen und klug auf die Welt und altert rückwärts, wobei man sein Wissen vergisst, immer kleiner und am Ende zum spielenden Kind wird, bis man dann ganz verschwindet. Das klingt interessant – ich werde mir das Buch aus der Bibliothek ausleihen.

Dann ist die Frau da, die uns durch das Schloss führen wird – ich finde es nett, dass sie das auch für nur drei Leute macht. Sie ist kompetent und kann schön erzählen – perfekt. Gleich im ersten Raum, einem Durchgangszimmer, notiere ich mir das prima Wort Leuchterweibchen.

Wir hören viele faszinierende Details zu den einzelnen Restaurierungen sowie Geschichten über die Gäste und Bewohner des Schlosses. Am spannendsten ist die vom Bauherrn Kurfürst Joachim II. und dessen Ehefrau, der polnischen Königstochter Hedwig. Diese fiel eines Tages in einem anderen Schloss durch einen morschen Boden – während ihr Gemahl wegen seines stattlichen Leibes zwischen den Balken stecken blieb, spießte sie sich im darunterliegenden Raum an den Jagdtrophäen auf und war fortan verkrüppelt. Da sie für den Fürsten nun nicht mehr attraktiv war, nahm er sich die bürgerliche Anna Sydow zur Geliebten, mit der er offen im Jagdschloss lebte. Aber auch ihr war das Glück nicht hold: Nach dem Tod Joachims wurde sie in die Zitadelle Spandau verbannt, von wo sie eines Tages spurlos verschwand – man munkelte, dass ihr Stiefsohn sie im Schloss Grunewald einmauern ließ, wo sie bis heute spukt, wie uns die Führerin durchaus glaubhaft versichert. Ihr Arbeitgeber, die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, verzichtet klugerweise auf den Einsatz moderner Methoden, um hinter den Wänden nach einem Frauenskelett zu suchen.

Dann geht es eine Etage höher in die Räume mit den Cranach-Bildern beziehungsweise denen aus seiner Werkstatt – Lucas d. Ä. war nämlich einer jener geschäftstüchtigen Künstler, die ihr Atelier als straff organisierten Manufakturbetrieb leiteten. Um die enorme Nachfrage zu bedienen, setzte er auf serielle Fertigung, bei der beliebte Motive mittels Schablonen kopiert wurden, während eine strikte Arbeitsteilung für rasche Abläufe sorgte. Vom berühmten Martin-Luther-Porträt, seinem absoluten Bestseller, wurden so hunderte Exemplare produziert. Der Maler und der Reformator lernten sich mit Ende zwanzig in Wittenberg kennen; daraus entstand eine lebenslange Freundschaft. Gemeinsam entwickelten sie eine völlig neue theologische Bildwelt, die sich über Holzschnitte, Kupferstiche und Bibelillustrationen in ganz Europa verbreitete. Daneben schuf Cranach, der von Friedrich dem Weisen als Hofmaler angestellt war, vor allem Porträts von Adligen sowie jene weltbekannten Gemälde, die antike Mythen erzählen – seine Darstellung unbekleideter Frauen revolutionierte die Aktdarstellung. Die Qualität der Werke, die wir sehen, schwankt zwischen meisterhaft und dilettantisch – es wurden also auch die Bilder der Werkstattanfänger verkauft.

Nachdem all unsere Nachfragen beantwortet wurden, bedanken wir uns herzlich für den tollen Rundgang und fahren nach Lichterfelde zurück. Dort bekomme ich die nächste Führung – Schwerpunkt sind wieder Baumaßnahmen, Wegeführungen, Parkplätze und Radständer. Dann geht es ins Haus von B. und F. – eine Mischung aus Atelier, Werkstatt und Bibliothek. Ich fühle mich sofort wohl. Ausgehend von ihren Malereien, Grafiken, Skulpturen und Fotografien erzählen wir weiter aus unserem Leben, wobei wir viele Parallelen feststellen – das reicht von einer Ernährungsumstellung nach schwerer Krankheit über das harte zweite und dritte Coronajahr als Ungeimpfter hin zur Beschäftigung mit Phagen. Zwischendurch gibt es Salat mit einer fantastischen Vinaigrette und eine Blätterteigsauerei; zum Nachtisch essen wir Pflaumenkompott und zum Nachmittagstee einen Apfel (selbstgepflanzte DDR-Sorte) aus ihrem Garten. Danach spielen wir eine Runde „Mensch ärgere dich nicht“ – aber ohne Würfel. F., der Erfinder und Inhaber vieler Patente, war irgendwann das Geklapper auf Zugreisen leid, sodass er eine lautlose Alternative austüftelte, die per elektronischem Zufallsgenerator funktioniert. Auch die Regeln modifizierte er: Die Figuren (Schrauben) dürfen teilweise rückwärts laufen – wir haben sehr viel Spaß. Nach wunderschönen acht Stunden verabschiede ich mich von den beiden.

Am Sonntagvormittag fahre ich nach dem Schwimmen spontan zum Flohmarkt auf dem Fehrbelliner Platz und gerate dort mittenhinein in das riesige Fest rund um den 52. Berlin-Marathon: Weit über eine Million Menschen säumen die Strecke, um die rund 56.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 162 Nationen frenetisch anzufeuern und ihnen über die 42 Kilometer zu helfen. Wie jedes Jahr ist die halbe Stadt seit dem frühen Morgen auf den Beinen. Viele tragen selbstgemalte Schilder, auf denen sie ihre Liebsten oder das gesamte Feld anfeuern. Pfeifen trillern, Glocken bimmeln, es wird auf Kochtöpfe und Trommeln geschlagen. Manch einer steht noch im Morgenmantel auf dem Balkon und spielt für die Vorbeziehenden etwas auf der Trompete oder Geige; viele DJs, Brasskapellen und Sambatruppen sorgen für den Groove; Kinderhände strecken sich den Läuferinnen und Läufern zum Abklatschen entgegen; sechstausend Volunteers reichen den Athleten Getränke und Snacks.

Der Geist, der das alles trägt, ist etwas, das uns oft viel zu schnell abhanden kommt – hier geht es um Respekt. Respekt vor jedem Einzelnen, der sich monatelang bei Wind und Wetter aus dem Bett gequält hat, um für diesen einen Tag zu trainieren. Respekt vor denen, die sich nach Krankheit mühsam aufgerappelt haben und heute hier sind, vor jenen, die voller Hingabe ihr behindertes Kind oder den Kumpel im Rollstuhl vor sich her schieben, ihren ganz eigenen Rekord knacken oder sich einfach etwas beweisen wollen. Jede Startnummer trägt ihre eigene, unsichtbare Geschichte. Und besonders viel Aufmunterung bekommen die, die enttäuscht aufgeben müssen und vom Besenwagen eingesammelt werden. Wer den Glauben an die Menschheit verloren hat, sollte sich einfach mal für ein Stündchen an diese Strecke stellen.

Auch am Montag taucht der Altweibersommer die Stadt in sein ganz eigenes, spezielles Licht. Die beiden übriggebliebenen Schwanenjungen fressen mit ihren Eltern in der Schwalbenbucht Grünzeug. Am nordwestlichen Seeende beobachte ich im Gegenlicht eine Spinne in ihrem Netz. Am frühen Abend bekomme ich einen Anruf: Eine Frau von einem Markt- und Sozialforschungsinstitut fragt, ob ich an der RKI-Studie zum West-Nil-Virus teilnehmen möchte – es geht darum, herauszufinden, welche Gewohnheiten, Aufenthaltsorte oder fehlenden Schutzmaßnahmen das individuelle Risiko für einen Stich der übertragenden Mückenart erhöhen. Ich wäre Teil der Kontrollgruppe, deren Daten mit denen von WNV-Infizierten abgeglichen werden. Ich sage zu. Wir gehen nun Punkt für Punkt den Fragebogen durch. Es stellt sich schnell heraus, dass dieser zu ungenau formuliert ist, sodass die Dame immer wieder etwas extra dazuschreiben muss. Hinzu kommt, dass diejenigen, die das entworfen haben, so einen wie mich nicht auf dem Schirm hatten – es wurde zwar an Friedhofsbesucher, Arbeiter an Entwässerungsgräben, Kleingärtner mit Regentonne, Vogeltränke und Teich usw. gedacht, dass aber jemand in der Hauptansteckungszeit Dämmerung am Hauptübertragungsort von Wirtstier Wildente auf die Culex-Mücke baden geht (und das auch noch vollkommen ungeschützt) kam im Setting nicht vor. Ich nahm 2021 bereits an der großen Studie zur Corona-Impfbereitschaft teil – da waren die Fragen ebenso dürftig.

