Helko Reschitzki, Moabit

Irgendwann im Verlauf des Mittwochs haben mir unbekannte mutmaßliche Profis die quer über dem namenlosen Weg südlich der Gleise der S-Bahn und der Wetzlarer Bahn liegende entwurzelte Kastanie zersägt und die Holzstücke minimal beiseitegeschoben. Von der umgestürzten Esche am Hang der Rehwiese fehlt hingegen jegliche Spur – die Villenbewohner können ihr Auge nun wieder schandfleckunbelästigt zu Wipfeln und Wolken schweifen lassen.

Am Abend ein Fachgespräch mit der Brombeergroßpflückerin aus meiner Yogagruppe, die ungefähr 15 Kilogramm pro Saison sammelt und daraus Konfitüre kocht. Sie muss ihre Hecken ganz in der Nähe der meinen haben, ich habe aber nicht so genau verstanden, wo. Viel mehr beschäftigt mich, dass auch sie, wie neulich schon der hundertdreißigjährige Ostasiate unbestimmten Geschlechts, zum Ernten einen Stock benutzt – ich gehe das Ganze offenbar zu lax an. Meine Yogalehrerin ist begeistert von dem Atemtee aus Thymian, Moringa, Wermutkraut, Brennnesseln, Brombeerblättern, Sencha und Lindenblüten, den ich eigens für sie zusammengestellt und ihr letzte Woche anlässlich Guru Purnima geschenkt habe. Die Alice-Coltrane-CD hat sie noch nicht gehört (ich lebe unter Streamern).

Am Donnerstag stoße ich beim allmorgendlichen Schlagzeilencheck auf die Meldung, dass in der Nacht auf Mittwoch auf dem Gelände des Flughafens Leipzig-Halle im unmittelbaren Nahbereich von vier geparkten quasi-militärischen Transportmaschinen der ukrainischen Fluggesellschaft Antonov Airlines eine mit „Lockerbie-Sprengstoff“ präparierte „Kamikaze-Drohne“ entdeckt und unschädlich gemacht wurde. Mir ist sofort das große Potential eines medialen Meltdowns klar – und genauso kommt es dann auch: Der Busfahrer, der gerade noch so eine Katastrophe abwenden konnte, hat sich wahlweise auf das Flugobjekt geworfen oder es per Fußkick aus der Luft geholt; die riesigen Flieger waren entweder voller Munition oder leer; der Bus, mal mit, mal ohne Passagiere – je nachdem welcher Quelle man glaubt. Die üblichen Verdächtigen verdächtigen sofort die üblichen Verdächtigen; der Bundesinnenminister unterbricht seinen Urlaub und will die Ermittlungen abwarten (wo gibt es denn sowas?!) Nun bin ich auf den Lebenslauf des sächsischen Jackie Chan gespannt.

In meiner Schlachtenseebucht beobachte ich von Land und aus dem Wasser heraus lange die Uferschwalben. Diese versammeln sich zu einem guten Dutzend im leicht schwankenden Wipfel der hohen Birke, um dann auf ein von mir nicht wahrnehmbares Signal hin kollektiv gen See zu stürzen und sich dort auf ihre typischen, vermutlich individuellen Zickzackkurse zu begeben. Die Rückkehr auf den Baum erfolgt dann einzeln und über Minuten gedehnt – bis auf ein, zwei vielleicht zufällige, vielleicht auch absichtliche Paare.

Auf meinem Weg zu den Brommeln stiebt auf einem der Sockel der Eiszeitschlucht plötzlich vor mir ein relativ großer, schwarzer Vogel auf. Das Hirn meldet sofort: Rabe. Aber bereits eine Sekunde später merke ich am Flugbild, dass das nicht stimmen kann – was kurz darauf durch die abrupte, vertikale Landung an einem Baumstamm und den Umriss bestätigt wird: Das ist mitnichten Kamerad Corvus, das ist ein Specht. Mich durchzuckt es – denn das ist keiner der ortsüblichen Buntspechte, sondern ein Schwarzer! Den bekommt man in Berlin nur mit viel Geduld und noch mehr Glück zu Gesicht (der NABU spricht von 60 bis 90 Paaren in der Stadt) – für mich ist es das erste Mal. Den lupen- und pinzettenbewaffneten ehemaligen Ostblockkindern meines Alters ist der Dryocopus martius aus der von Vladimír Kovářík gezeichneten, tschechoslowakischen Briefmarkenserie „Lesní a zahradní ptactvo“ wohlbekannt. Da mein Specht keinen roten Scheitel, sondern ein zinnobernes Fleckchen am Hinterkopf hat, ist klar, dass es sich um ein Weibchen handelt.

Am Freitagmorgen treffe ich auf meinem Umsteigebahnhof eine Mitschwimmerin, mit der ich schon öfter geklönt habe. Sie und ihr Freund, der Kieler, gehen zwei Kilometer weiter westlich ins Wasser und haben auch eine Stammbucht. Während der Fahrt zwischen den beiden am weitesten auseinanderliegenden innerberliner S-Bahnstationen und auf dem gemeinsamen Weg zum See erzählen wir ein bisschen Autobiografisches von uns – das haben wir bislang kaum gemacht. Sie ist sieben Jahre jünger als ich und wurde im Bezirk Frankfurt (Oder) geboren. Da sie als freie Schauspielerin in diversen fahrenden und stationären Maskentheatergruppen immer hart am Existenzminimum langschrammt, verdient sie einen Teil ihrer Miete als Sommersaison-Kellnerin auf einer Nordseeinsel. Der Gegensatz zwischen Berlin und der windumtosten Quasi-Kleinstadt gefällt ihr, der ständige Kampf ums Geld nicht. Auf der anderen Seite wäre sie aber auch gar nicht der Typ für einen 9-to-5-Job. Wir reden über den Kapitalismus und wie dieser sich gerade durch künstliche Intelligenz verändert und alles, was die Smartphonesucht jetzt schon anrichtet, verschärfen wird. Eine Freundin von ihr nutzt den Chatbot als „Psychiater“ und ist ganz begeistert, weil der ihr in allem zustimmt. Wir sind gespannt, wo uns das noch alles hinführen wird.

Nach einer netten Verabschiedung und dem kleinen Weitermarsch schaue ich in meiner Bucht dem seit ungefähr einer Woche einzigen, von seiner Familie übriggebliebene Blässhuhn beim Gründeln zu. Das machen Rallen nur im Flachen, im Tiefen wird getaucht. Das Wasser fühlt sich außergewöhnlich weich an, was auch den anderen auffällt – eine Frau nennt es „samten“ (ich würde eher sagen „satinig“). Eine Mitschwimmerin gesellt sich zu mir auf die Bank – da sie mir sympathisch ist, verrate ich ihr meine Brombeerpflückstellen.

Am Sonnabend wird das letzte Buchtblässhuhn kurzzeitig von fünf gregatim eingeflogenen Stockentenweibchen an den Schilfrand vertrieben. Durch das fantastische Morgenlicht, das klare Wasser, den hellen Seegrund und die feinen, konzentrischen Wellen, die von ihren Körpern ganz, ganz sacht weglaufen, sieht es aus, als würden sich die Enten auf den Jahresringen eines Baumes drehen. Allein vom Zuschauen dehnt sich die Zeit Richtung Unendlichkeit. In einer ähnlichen Dimension sind jene Halberstädter unterwegs, die auf der Orgel ihrer Burchardikirche die Komposition „ORGAN²/ASLSP“ von John Cage erklingen lassen. Dessen Anweisung lautete, dass sein Stück „so langsam wie möglich“ dargebracht werden solle. Die Macher nehmen das wörtlich – und dehnen die Spieldauer auf 639 Jahre. Eine Viertelnote dauert hier Monate, manch Ton verharrt über Jahrzehnte. Begonnen wurde mit diesem zukunftsfrohen Projekt vor fünfundzwanzig Jahren; am Mittwoch wurde durch das Einsetzen einer weiteren Pfeife der bestehende Akkord um einen achten Ton ergänzt, der nun bis zum nächsten Klangwechsel zu hören sein wird.
„If you’re lost, you can look and you will find me, Time after time / If you fall, I will catch you, I’ll be waiting, Time after time …“

Das Cage-Projekt in Halberstadt: https://www.aslsp.org/das-projekt.html
(Still in love with) Cyndi: https://www.youtube.com/watch?v=aBsCqTlepPs
