Frank Schott, Leipzig

Das Leben findet immer einen Weg. Beim Kampf, Mensch versus Natur, gewinnt am Ende immer die Natur. Ich schreibe das nicht, weil ich mit Untergangspropheten und Klimakatastrophikern abrechnen möchte. Dieser Gedanke ist das Ergebnis meiner Beobachtungen.

Jeder weiß, dass den Gemeinden in Deutschland zunehmend die finanziellen Mittel fehlen, um ihre Infrastruktur instand zu halten. Insbesondere Pflichtausgaben belasten die kommunalen Haushalte. Die Folgen sind vielfach aufgerissene und behelfsmäßig geflickte Straßen und Gehwege, wie ich bei meinen Spaziergängen mit eigenen Augen sehen kann. Gräser besiedeln Risse im Asphalt. Größere Gewächse oder Baumsetzlinge weiten die Schäden in der Bausubstanz aus und bilden kleine Biotope. Das Grün bricht sich unaufhaltsam Bahn.

Nun reden gerade Stadtpolitiker in warmen Sommern gerne von „klimaneutralen Innenstädten“, „grünen Inseln“ oder Bepflanzungen. Was häufig am besagten Geldmangel oder am Widerstand verschiedener Interessengruppen scheitert, vollzieht sich im Kleinen von ganz allein: Die Natur nutzt jede Lücke. Pioniergewächse wie Gräser und Löwenzahn besiedeln das kleinste Fitzelchen Erdreich und bereiten den Boden für die nachfolgende Flora.

Schaut man genau hin, erkennt man, dass alles, was in Filmen wie „I am Legend“ als Resultat jahrzehntelanger menschlicher Abwesenheit dargestellt wird, sich in der Realität bereits binnen weniger Wochen nach Ende eines jeden Winters zeigt.

Weil manche Asphalt- und Betonflächen abstoßend öde sind – da bin ich ganz ehrlich –, möchte ich der Natur Beifall klatschen und ihr zurufen: „Auf geht’s, ihr Gräser und sogenannten Unkräuter, kommt her und begrünt die Tristesse! Und ja, ich weiß, bei geschlossenen Asphaltdecken habt ihr es schwer.“ Doch dem Wasser-, Gas- und Kabelbau sei Dank wird es immer jemanden geben, der kurz nach der Asphaltierung merkt, dass noch eine Leitung im Boden fehlt oder dass hier ganz dringend Instandhaltungs- oder Erweiterungsarbeiten durchgeführt werden müssen.

Wird dann in aller Schnelle billig geflickt, bilden sich Risse – perfekte Einladungen für jene Pflanzen, die ohne Hege, Pflege und künstliche Bewässerung auskommen. Wer also Sorge hat, dass der Mensch die Natur und das Klima zerstören wird – die Natur ist leidensfähiger, robuster und hartnäckiger, als die meisten von uns es sich vorstellen können. Das Leben findet immer einen Weg.

