Helko Reschitzki, Moabit
Am Montag eine weitere Variante dieser irrealen Sonnenaufgangsbilder: mitten im unteren, goldgelben Streifen ein schmalerer, blutoranger, dessen Farbe oben, vermischt mit Regenwolkengrau, wiederkehrt. Über alledem ein Wust aus Schauerwolken, die ins Dunkelviolette auslaufen.

Ich steige für meine Morgenrunde wie gewohnt in Nikolassee aus, gehe aber anders als sonst via Rehwiese zum Südufer des Schlachtensees. Dort sind wiederum gänzlich andere Himmelszeichnungen zu sehen: eine schneelandschaftsanmutende Wolkenfläche mit einem matten Hellblau, das sich hinter der Wipfelfront der Uferbäume nach oben ausbreitet; das Ganze vertikal durchbrochen von einem wie ein zittriges „J“ aussehenden Flugzeugkondensstreifen. Die Spiegelung im Wasser liefert das verwaschene Abbild dieses jahreszeitlichen Ausblicks.

Angelockt von den Schnalzlauten der Schwanenfrau, die eine Fütterung ankündigen, tummeln sich schnell sehr viele Wasservögel an meiner Badestelle. Etwa eine halbe Stunde, nachdem diese weltentrückte Dame verschwunden und auch die letzte Haferflocke längst vertilgt worden war, verteilen sich die Tiere, einer Schiffsflotte gleichend, großflächig auf dem Wasser, um hernach ihrer Wege zu ziehen. Ich wiederum fahre zur gastroenterologischen Praxis, um das Ergebnis der proktologischen Untersuchung zu vermelden und einen neuerlichen Termin für eine Darmspiegelung auszumachen. Mir wird dieser Donnerstag angeboten, was ich ablehne, da die drei Tage Vorlaufzeit nicht ausreichen, um alle Speisereste abzuführen. Die Schwester versteht das zunächst nicht. Erst als ich auf die Sieben-Tages-Vorgabe auf dem Blatt zeige, das sie mir gerade einmal eine Minute zuvor ausgehändigt hat, und an den Koloskopieabbruch wegen verbliebener Körner vor zweieinhalb Wochen erinnere, checkt sie, was ich meine. Man muss als Patient wirklich jede Sekunde hellwach sein. Es ist bezeichnend, dass nur drei Minuten in einer medizinischen Einrichtung nahezu meine komplette Körperenergie und gute Laune vernichten, wohingegen ich mich nach meinem allmorgendlichen Zehn-Kilometer-Weg selbst bei härtestem Wetter jedesmal aufgeladen und entspannt fühle. Am Nachmittag Einkauf der Lebensmittel, die ich bis zur Kamerafahrt am Dienstag noch essen darf.

Der Dienstag beginnt mit vier Grad Lufttemperatur. Erstmals in diesem Herbst ziehe ich Handschuhe an und setze die kunstfellgefütterte Mütze mit den feschen Ohrenklappen auf. Dass man mich deswegen im Zwielicht der Seegehölze wahrscheinlich für einen Russen hält, stört mich nicht, im Gegenteil, habe ich doch als Jungpionier geschworen, dass ich Freundschaft mit den Kindern der Sowjetunion halten werde – das kann man gern auch an der Schapka sehen. In der Bucht lange, intensive Stockentenbetrachtung aus allernächster Nähe – wir kennen und vertrauen einander. Nach dem Schwimmen kommen mir die beiden Sachsen entgegen, die absurd lange Bommelmützen tragen. Wer weiß, welchem Volk sie einst die besondere Freundschaft versprochen haben.

Im Postfach eine Mail meines im September nach Nordrhein-Westfalen verzogenen, ultralinken österreichischen Tischtennismitspielers. Er studiert dort mit Mitte vierzig noch einmal und lässt mich an einigen Inhalten seiner Ökonomievorlesungen teilhaben, da ihn gewisse Ausführungen an unsere immer gewinnbringenden Streitgespräche erinnern, vor allem an jene über das aktuelle Politthema Nummer 1 in Berlin, die Vergesellschaftung von Immobilienkonzernen. Er, der nie im maroden Realsozialismus leben musste, hat diese Gesellschaftsform als Ideal vor Augen; mir als altem DDRler schwebt eher so etwas wie der Aufbruch im Wien nach dem Ersten Weltkrieg vor, wo die Leute in ihrer Unbehaustheit gemeinsam loszimmerten. Diese aus allergrößter Not geborene Selbsthilfe wurde im Lauf der Jahre schrittweise in das Modell des Wiener Gemeindebaus überführt und somit institutionalisiert. Heute sichert dieses System über 220.000 städtische Mieteinheiten ab, in denen jeder vierte Einwohner preisgedeckelt und unbefristet lebt. (Genossin Eralp, bitte ruf sofort deinen künftigen Wiener Kollegen an!)

Als ich am Mittwoch von der Putlitzbrücke gen Ostberlin blicke, ahne ich nicht, dass das, was ich sehe, erst eine Art Vorglühen ist. Wegen eines Notarzteinsatzes ist der S-Bahnverkehr nach Potsdam unterbrochen, sodass wir in Grunewald warten müssen. Der Himmel, der sich dort zeigt, erinnert eher an einen Großbrand als an das erste Tageslicht.

Am See die üblichen Verdächtigen und am Abend ein wenig Wehmut, weil unsere tolle Yogalehrerin zum vorerst letzten Mal die Stunde anleitet. Sie ist mit ihrer Arbeit als Bibliothekarin voll ausgelastet und außerdem auf der Suche nach den nächsten Abzweigungen ihres Lebenswegs und braucht dafür eine Auszeit vom Kurs. Für mich war sie perfekt – nicht pseudoreligiös verhuscht und auf Wellness für gestresste Großstädter aus, aber auch nicht wie ein Drill-Instructor, dem es nur um Leistung und Muskelaufbau geht. Ich werde sie vermissen.

Die Geschichte des Wiener Gemeindebaus: https://www.wienerwohnen.at/info/der-gemeindebau/die-geschichte-des-gemeindebaus.html
