Frank Schott, Leipzig
Bis zuletzt hatte ich mit mir gerungen, ob ich am Sonntag am Leipzig Run teilnehme. Geplant war der Halbmarathon. Ich wollte es von meinem Befinden und vom Wetter abhängig machen. Die Vorhersage versprach auf der Zielgeraden trocken (prima), kalt (okay) und windig (nervig) zu werden. Also machbar.
Mehr Sorgen bereitete mir meine Kondition. Ich war die ganze Woche über nicht gelaufen und hatte mich die vergangenen Tage schlapp und leicht kränklich gefühlt. Das gab letztendlich den Ausschlag. Beim Aufstehen entschied ich, nicht teilzunehmen und stattdessen durch den regenfeuchten Park zu joggen.

Um diese Zeit, kurz vor acht Uhr, ist es noch empfindlich kühl, sodass ich lange Unterzieher unter Trikot und Shorts trage – die richtige Wahl.
Die Sonne kommt heraus. Es wird viel gejoggt oder Gassi gegangen und vereinzelt nordic gewalkt. Spaziergänger sind noch keine unterwegs – zu früh, zu Sonntag. Das Laufen fühlt sich gut an.
Am Ende wird es ein halber Halbmarathon, ein Viertelmarathon sozusagen, mit etwas mehr als elf Kilometern. Vermutlich hätte ich den Leizig Run von der Fitness her geschafft – doch als der Wind im Laufe des Tages immer mehr zunimmt, wird mir klar, dass der Verzicht die richtige Entscheidung war. Ich nehme mir vor, stattdessen im Herbst einen Halbmarathon für mich alleine zu laufen.

Am Montagvormittag fahre ich zum zweiten Mal zu meinem neuen Ehrenamtsposten. Ich habe mich bei den Maltesern gemeldet, weil sie in einem ihrer Seniorenzentren Unterstützung bei der Technikhilfe für die älteren Herrschaften suchten. Nun bin ich, was Technik anbelangt, vermutlich eher der Einarmige unter den Blinden. Aber da ich für meine beiden Großväter und die über achtzigjährigen Nachbarn der erste Ansprechpartner in Fragen von PC bis Smartwatch bin, will ich es versuchen.
Leider ist es vor Ort ausgesprochen öde. Vor einer Woche kam in der gesamten vorgesehenen Zeit nur eine einzige Seniorin. Ihr Passwort für den E-Mail-Provider musste nach einem fremden Login-Versuch zurückgesetzt werden. Gemeinsam mit dem anderen Helfer prüfte ich, ob es sich um Spam oder Phishing handelte. Das war nicht der Fall. Dann mussten wir noch ein neues Passwort finden, das den Sicherheitsanforderungen entspricht – und welches sich die Seniorin auch merken kann.
Diese Woche kommt niemand. Zwei Stunden lang nicht. Nach einem kurzen Austausch zu Beginn versinkt der andere Helfer in seinem Handy; ich vergrabe mich in mein Buch. Ich werde dem Ganzen noch eine Chance geben, aber ein Ehrenamt, bei dem es nichts zu tun gibt und ich – wenn auch lesend – zwei Stunden lang auf einem Stuhl absitze, ist nichts für mich.
Immerhin gibt es eine Unterbrechung: Eine Frau, etwa Anfang oder Mitte sechzig, hat ein Bewerbungsgespräch mit der Leiterin der Einrichtung. Da die Türen offenstehen, kann ich nicht umhin, einiges davon mitzubekommen. Die Bewerberin erklärt, dass sie viele kleinere Jobs habe und noch etwas Zusätzliches suche. Zum Schluss stellt sie die entscheidende Frage, was sie denn hier an Lohn bekäme. „Oh, gar nichts?“ Kurzes Schweigen. „Ich nehme das erstmal so mit und melde mich dann.“ Möchte jemand spekulieren, ob es eine Rückmeldung gibt und wenn ja, wie sie ausfallen wird?

Am Nachmittag ruft mich meine Mutter an. Seit ich zurück in Leipzig bin, hat mich die Familie mit kurzen Texten, Sprachnachrichten und Telefonaten über den Zustand meines Vaters auf dem Laufenden gehalten. Es gebe Fortschritte, aber man müsse noch abwarten. Heute klingt meine Mutter deutlich erleichtert. Auch die Entzündungswerte im Blut seien entscheidend zurückgegangen. Die Ärzte seien spürbar optimistischer. Einige Zeit müsse der Vater jedoch noch im Krankenhaus verbleiben. Er müsse zu Kräften kommen und wieder vorsichtige erste Schritte machen, nachdem er über eine Woche nur im Bett gelegen hat.

Unsere Katzen sind bereits im Wintermodus – solange es nicht hell ist, rühren sie sich nicht. Der Getigerte schläft meist sogar bis in den späten Vormittag hinein. Kurz vor der Fütterungszeit wird er wach, lässt sich zeigen, dass es etwas zu fressen gibt, und spaziert danach hinaus. Der Schwarz-Weiße will meist spätestens um neun raus, um zwei Stunden lang das Revier zu inspizieren. Außer, wenn es wie zuletzt kräftig regnet. Dann überlegt man es sich zweimal. Doch am Ende geht es den Katzen wie mir – der Drang, sich zu bewegen, wird einfach zu groß und es kann dann halt auch eine Tour durch den Regen sein.

Im Gegensatz zu den Katern bin ich am Dienstag bereits um kurz nach sechs wach und ausgeschlafen. Nachdem die Dämmerung eingesetzt hat, jogge ich los. Als ich den Park erreiche, ist es hell genug, um die Waldwege ohne Stirnlampe zu erkennen und den Pfützen auszuweichen. Es ist handschuhkalt. Als ich nach meinem Fünf-Meilen-Lauf mit frischen Brötchen bei meiner Frau, die Urlaub hat, zurück bin, schaue ich auf das Thermometer: 5 Grad.
